10. Dezember 2019 / 10:42 Uhr

Deutschlands bester Judoka Igor Wandtke: So will der Hannoveraner Olympia schultern

Deutschlands bester Judoka Igor Wandtke: So will der Hannoveraner Olympia schultern

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Igor Wandtke hat große Ziele: Der Judoka aus Hannover will 2020 zu den Olympischen Spielen.
Igor Wandtke hat große Ziele: Der Judoka aus Hannover will 2020 zu den Olympischen Spielen. © Florian Petrow
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Am 21. Januar findet die NP-Sportlerwahl im Theater am Aegi statt. Ihr entscheidet, welche Kandidaten am Ende gewinnen. Dafür stellen wir euch täglich die Kandidaten und Kandidatinnen vor. Diesmal: Judoka Igor Wandtke.

Ein schwieriges Jahr liegt hinter Igor Wandtke, Deutschlands bestem Judoka in der Gewichtsklasse bis 73 Kilo. Der Hannoveraner erlebte mit dem Zweitrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft seinen absoluten Tiefpunkt, kämpfte sich dann aber mit einem dritten und zweiten Platz bei Grand Slams in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien gegen die besten der Welt zurück.

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Herr Wandtke, Sie haben Ihr Leben komplett Ihrem großen Ziel, den Olympischen Spielen in Japan 2020, untergeordnet. Bereuen Sie es, sich für diesen Weg entschieden zu haben?

Nein, ich bereue es nicht, auch wenn es gerade nach dieser Weltmeisterschaft im Sommer nicht besonders einfach war.

Sie wollten nach einer WM-Medaille greifen, sind dann im zweiten Kampf gescheitert …

Ich war total gefrustet, bin in ein tiefes Loch gefallen. Sicher, ich habe nicht gegen irgendwen verloren, der Gegner gehörte zu den Besten der Welt. Ich brauchte aber trotzdem über vier Wochen, um aus diesem Loch zu kommen. Zumal ich mir nach der Weltmeisterschaft auch eine andere Unterstützung des Dachverbandes gewünscht hätte.

Sie meinen die Zwangspause durch den Bundestrainer?


Ich wollte schnell wieder kämpfen, wurde aber für den Grand Slam in Brasilien nicht berücksichtigt, wobei ich vor vollendete Tatsachen gestellt worden bin. Mein Konkurrent auf das Olympiaticket durfte kämpfen und konnte so großen Druck auf mich ausüben.

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<b>Andreas Toba</b> - Turnen, TKH, Deutscher Meister - 0137/9880822-04 Zur Galerie
Andreas Toba - Turnen, TKH, Deutscher Meister - 0137/9880822-04 ©

Deutschland darf pro Gewichtsklasse nur einen Sportler zu Olympia schicken …

Seit der Nicht-Nominierung war ich sehr angefressen und habe für mich beschlossen: Ich werde mehr meinen eigenen Weg gehen, denn die Vorgaben des Bundestrainers führen mich zur Zeit nicht zum Erfolg. Dadurch muss ich allerdings auch am Ende so gut sein, dass der Bundestrainer und der Sportdirektor nicht an mir vorbeikommen. Ich will zeigen, dass ich bei den großen Wettkämpfen eine Medaille holen kann. Jetzt beginnt die heiße Phase, jetzt geht es um alles.

Und Sie haben Ihre Comeback-Qualitäten bewiesen, gezeigt, dass Sie den Ansprüchen gerecht werden: Auf der großen Weltcup-Bühne holten Sie in Abu Dhabi Bronze und in Perth Silber, besiegten den Weltranglistenersten.

Ich habe viel mit meinem Mentaltrainer gearbeitet. Körperlich kann man bei mir nicht mehr viel rausholen. Das größte Potenzial gibt‘s im Kopf. Ein Sieg, gerade gegen einen Topgegner, setzt unglaubliche Glückshormone frei. Deswegen weiß ich auch, dass ich eine olympische Medaille gewinnen kann.

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Imke Onnen - Hochsprung, Hannover 96, WM-Finalistin - 0137/9880821-01 ©

Am 1. März 2020 werden die Athleten nominiert, die nach Tokio dürfen.

Eine Nicht-Nominierung ist für mich kein Thema. Es geht nicht nur darum, zu Olympia zu kommen und dann dieses Ereignis einfach abzuhaken. Dort bekommt man die einmalige Chance, um eine Medaille zu kämpfen. Diese Gelegenheit muss man dann nutzen. Die Medaille muss man sich erarbeiten. Purer Wille, purer Einsatz.

Dafür schuften Sie jeden Tag.

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Ich habe mich vier Jahre gestreckt, alles investiert. Mindestens vier Stunden Training – jeden Tag. Man darf nicht nach links und rechts gucken. Man muss bei sich bleiben, seine Leistung bringen. Die Trainingsumfänge manch anderer professionellen Sportarten wären bei Judoka eher eine Entspannungswoche.

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Was übt für Sie diese Faszination Judo aus?

Judo ist eine der wenigen Sportarten, die den ganzen Körper beansprucht und einen sowohl im Bereich Kraft, Ausdauer und Technik vieles abverlangt. Judo ist für mich nicht nur eine Sportart, sondern eine Lebenseinstellung. Gleichzeitig herrscht im Wettkampf eine Art Krieg, mein Gegner möchte mich mit aller Macht besiegen. Dem muss man sich bewusst sein, die Spannung ist enorm. Es wirken unglaubliche Kräfte. Die mentale Anspannung ist brutal. Judo ist eben auch ein extrem ästhetischer Sport.

Klingt jetzt dennoch nicht nach großem Spaß.

Doch, selbstverständlich macht mir Judo Spaß. Ein weiterer Bestandteil ist es jedoch, sich Ziele vor Augen zu halten, keinesfalls an sich selbst zu zweifeln, an Grenzen zu gehen und darüber hinaus – das macht Leistungssport aus. Sehen Sie, die Olympischen Spiele sind für fünf Prozent der Teilnehmer wunderschön – für die Medaillengewinner und diejenigen, die froh sind, überhaupt dabei sein zu können. Für alle anderen enden die Spiele mit einem unzufriedenen Gefühl.

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TSV Hannover-Burgdorf - Handball, Bundesliga-Spitzenteam - 0137/9880823-01 ©
Kandidat für die NP-Sportlerwahl 2019: Igor Wandtke

Sie sind jetzt 29 Jahre, treffen auf deutliche jüngere Gegner. Ein Nachteil nach Jahren voller Schinderei?

Ich merke, dass ich ein, zwei Tage länger mit der Regeneration brauche. Ich bin vollauf überzeugt, dass ich auch mit Anfang 30 Topleistungen bringen kann.

Und das bei 1,77 Meter Körperlänge in der Gewichtsklasse bis 73 Kilo. Wie schaffen Sie es, 73 Kilo zu halten?

Wie alle: gar nicht. Ich muss immer wieder meine vier, fünf, sechs Kilo abnehmen. Man schafft es nicht, das ganze Jahr über mit sieben Prozent Körperfett durch den Alltag zu kommen.

Und nach Tokio?

Mache ich noch mal vier Jahre weiter. Ich kann mir nicht vorstellen, nächstes Jahr im Sommer einfach aufzuhören.