21. Dezember 2019 / 12:02 Uhr

"Haben uns eine eigene Bühne aufgebaut": 96-Frauen schielen in Richtung 2. Liga

"Haben uns eine eigene Bühne aufgebaut": 96-Frauen schielen in Richtung 2. Liga

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Es läuft bei ihnen: Die Fußballerinnen von Hannover 96 schreiben weiter an ihrer eigenen Erfolgsgeschichte.
Es läuft bei ihnen: Die Fußballerinnen von Hannover 96 schreiben weiter an ihrer eigenen Erfolgsgeschichte. © deisterpics/Stefan Zwing
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Die NP-Sportlerwahl 2019 – am 21. Januar küren wir unsere Topathleten bei der Sportgala im Theater am Aegi. Sie bestimmen mit Ihrer Wahl, wer oben steht. Wir stellen täglich einen Kandidaten vor. Diesmal: die Regionalliga-Fußballerinnen von Hannover 96. Wir haben mit den beiden Trainern gesprochen.

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Marcel Geisenhainer und Lars Gänsicke gibt es als Trainer nur im Paket. Aber wer ist hier der Boss?

Gänsicke: Den gibt es nicht. Wir verbringen so viele Abende miteinander und überlegen uns eine Aufstellung. Das Ergebnis ist nie ein Kompromiss.

Aber jeder hat doch bestimmt seinen Spezialbereich ...

Gänsicke: Bei 20 Mädels im Training machen wir auch mal zwei Gruppen. Marcel haut auch gern mal eine Einheit mit Kräftigung rein.

Geisenhainer: 50 Prozent gehen mit ihrem Anliegen zu Lars, die anderen kommen zu mir. Das gleicht sich aus, weil jeder seine Qualitäten hat. Das macht uns stark.

Wer ist der gute und wer der böse Bulle?

Gänsicke: Man könnte meinen, dass Marcel der Böse ist (lacht).

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<b>TSV Hannover-Burgdorf</b> - Handball, Bundesliga-Spitzenteam - 0137/9880823-01 Zur Galerie
TSV Hannover-Burgdorf - Handball, Bundesliga-Spitzenteam - 0137/9880823-01 ©
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Erwischt, Herr Geisenhainer, Sie sind also der Schleifer?

Geisenhainer: Vielleicht geht das in die Richtung, ja.

Gänsicke: Marcel hat eben das Talent, auf den Tisch zu hauen, wenn die Mannschaft mal drüber ist und es übertreibt.

Geisenhainer: Wenn Lars und ich uns nicht so ergänzen würden, wären wir nicht in die Regionalliga aufgestiegen. Da bin ich sicher. Jeder für sich hätte das allein nicht geschafft.

Wohin führt dieses Projekt?

Geisenhainer: Vielleicht in einem oder zwei Jahren in die 2. Liga.

Gänsicke: Wir können infrastrukturell gar nicht so schnell wachsen wie sportlich. Bisher standen Spielerinnen, die den Sprung in die 2. Liga bei Wolfsburg II nicht geschafft haben, bei uns auf der Matte. Da haben wir dann nur sagen müssen: Es passt oder es passt nicht. Das wird so nicht weitergehen. Wir müssen selbst ein Scouting-System entwickeln. Daran arbeiten wir gerade.

Geisenhainer: Es geht auch um die Renovierung der alten Kabinen am NLZ. Wir haben zum Glück ein gutes Verhältnis zu Martin Kind, der ein Fan des Frauenfußballs ist.

Kandidat für die NP-Sportlerwahl 2019: Hannover 96

Warum nicht mit Macht in die 1. Bundesliga wie Wolfsburg, Bayern, Freiburg, Hoffenheim, 1. FC Köln oder Bayer Leverkusen?

Geisenhainer: Wir probieren es sportlich. Wir haben noch nie eine Spielerin bezahlt, obwohl uns das nachgesagt wurde. Wir bezahlen keine Spielerinnen, das ist Fakt. Wir geben den Spielerinnen gute Voraussetzungen, um erfolgreich Fußball zu spielen.

Wie groß ist der Schatten der Männerprofis?

Gänsicke: Es hilft mehr, als dass es schadet. Unser größtes Argument war immer: Entweder gehst du zu einem Verein, wirst vielleicht Siebter. Oder du willst eine Story schreiben, gewinnst Titel und feierst Aufstiege.

Geisenhainer: Bei 96 interessiert man sich für uns. 96 gibt uns eine gute Plattform. Wir stehen nicht mehr im Schatten der Profis, wir haben uns eine eigene Bühne aufgebaut.

Welche Zugkraft hat Stürmerin Anna-Lena Füllkrug?

Geisenhainer: Wir haben viele starke Spielerinnen. Anna-Lena ist unglaublich torgefährlich. Wir haben Julia Dose auf der Außenbahn mit brutalen Qualitäten. Dann haben wir Aileen Osterwold mit Zweitliga-Erfahrung, die oft hinter Anna-Lena spielt und eine Fighterin ist. Lena Rathmann gibt auf der „Sechs“ immer Vollgas und wirft sich in jeden Ball. Anna-Lena ist eine Schlüsselspielerin, ihr Bruder Niclas Füllkrug der sich die Spiele oft anguckt.

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Wie ist die Stimmung in der Kabine? Dürfen Sie überhaupt da rein?

Geisenhainer: Nein. Nur für die Ansprache. Das ist die Kabine de Spielerinnen und sie sollen auch mal den Frust über uns rauslassen. Aber wir hören das schon, da ist echt laute Musik drin. Die machen sich heiß auf jedes Spiel, auch vor der Ansprache.

Auf Ihren Pullis steht „Derbyhelden“. Was bedeutet das?

Geisenhainer: Das ist ein Modelabel, ein Sponsor von uns, der uns 2019 angesprochen hat. Das haben wir uns verdient.

Der gewonnene Derby gegen Braunschweig war das Jahres-Highlight?

Gänsicke: Das Doppel-Derby. Erst im Pokal, dann in der Liga. Wir hätten die Regionalliga-Relegation vor dem Braunschweig-Spiel schon vorher so gut wie perfekt machen können. Dann verlieren wir unerwartet in Göttingen. Im Pokal-Halbfinale verlieren wir in Braunschweig mit 1:4. Wir fahren eine Woche später wieder hin, haben zum ersten Mal die Grundordnung gewechselt, machen ein gutes Spiel mit tollen Torchancen. Dann kriegen wir das 0:1 und gehen in die Pause.

Geisenhainer: Mit einem Torschuss lagen wir zurück. Dann macht Anna-Lena das 1:1. Das war der Fantastic Moment. Da wusste alle, inklusive des Gegners, dass es eine Packung von uns gibt. Jedem von uns konnte man ansehen: Jetzt wird Braunschweig hergespielt. In den Augen der Gegnerinnen hast du die pure Angst gesehen. Wir haben sie dann 6:1 an die Wand gespielt. Es hätte auch 9:1 ausgehen können. Damit waren wir durch. Es hat nichts mehr Spaß gemacht als der Aufstieg beim BTSV.

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Imke Onnen - Hochsprung, Hannover 96, WM-Finalistin - 0137/9880821-01 ©

Sie trainieren die höchste Frauenmannschaft Hannovers. War dies das Ziel von Anfang an?

Geisenhainer: Wir hatten dieses Ziel von Anfang an, aber wir haben nicht damit gerechnet, das innerhalb von vier Jahren zu schaffen. Als wir anfingen, stand die Mannschaft auf dem sechsten Platz in der Bezirksliga. Dass es so schnell geht, ist sensationell.

Welche Hindernisse mussten Sie überwinden?

Gänsicke: Die anderen Vereine. Viele Verein bilden gute Spieler aus und dann kommt der Platzhirsch von Hannover 96. Viele Spielerinnen bekommen das ja mit. Da haben die Vereine sich gefragt, warum wir damit jetzt anfangen. Ja wann denn sonst?

Geisenhainer: Wir haben es schon gemerkt, dass andere Vereine aus der Region uns Steine in den Weg legen. Das gilt aber nicht für alle, mit dem TSV Limmer hatten wir zum Beispiel nie Probleme. Die Anerkennung bekommen wir aber eher überregional.

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Andreas Toba - Turnen, TKH, Deutscher Meister - 0137/9880822-04 ©

Warum also Frauenfußball bei Hannover 96?

Gänsicke: Früher war es so: Entweder geben sich gute Spielerinnen mit ihrem Verein zufrieden oder sie gehen zum VfL Wolfsburg und suchen den Durchbruch. Wir haben davon profitiert, weil viele Mädels gesagt haben: Wir fahren nicht nach Wolfsburg, um auf der Bank zu sitzen. Bei uns haben die Mädels Bock, etwas zu erreichen. Sie fordern viel ein, sind ehrgeizig, wollen Feedback. Das ist einfach irre: Die sind wir ein Schwamm, sie saugen alles auf und sind kaum zu bremsen.

Das sind die Trainer:

Die Trainer Lars Gänsicke (37) und Marcel Geisenhainer (36) sind gleichzeitig die Sportlichen Leiter der 96-Frauenteams. Sie haben die erste Mannschaft von der Bezirks- in die Regionalliga geführt und sind aktuell Tabellenzweiter. Es war das Jahr des Aufstiegs für die 96-Frauen. Nach dem sensationellen 6:1 im Derby bei Eintracht Braunschweig wurden die 96-Frauen souverän Meister der Oberliga (neun Punkte Vorsprung, 119:15 Tore). In der Relegation gab es ein 3:0 ge­gen Hollage. Hannah Kamm, Julia Dose und Ai­leen Osterwold schossen 96 in die Regionalliga.

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