23. Dezember 2019 / 09:23 Uhr

Hochspringerin Imke Onnen: Das große Glück mit dem großen Q

Hochspringerin Imke Onnen: Das große Glück mit dem großen Q

Uwe von Holt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Das ist noch nicht ihr letzter Schrei: Imke Onnen jubelt bei der WM nach dem Satz über 1,92 Meter.
Das ist noch nicht ihr letzter Schrei: Imke Onnen jubelt bei der WM nach dem Satz über 1,92 Meter. © imago images/Beautiful Sports
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Die NP-Sportlerwahl 2019 – am 21. Januar küren wir unsere Top-Athleten bei der Sportgala im Theater am Aegi. Sie bestimmen mit Ihrer Wahl, wer oben steht. Wir stellen täglich einen Kandidaten vor. Diesmal: Die Hochspringerin Imke Onnen (25).

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Sie haben für einen hochemotionalen Moment der Leichtathletik-WM in Katar gesorgt. Freitag, früher Abend, ZDF live, gerade keine anderen wichtigen Wettbewerbe, und die deutsche Hochspringerin Imke Onnen weint vor Glück in die Kameras. Bei uns haben sich Menschen gemeldet, die vor Rührung spontan mitgeweint haben, weil das so natürlich und nahbar wirkte.

Oh, da kriege ich jetzt gleich Gänsehaut. Echt toll, vielen Dank.

Was haben Sie empfunden, als die 1,94 Meter geschafft waren, Ihre bisherige Bestleistung, und die Glückstränen kamen? Und auch der Stress mit den zuvor erst im dritten Versuch geschafften 1,92 Metern abgefallen war.

Das ist eine riesige Erleichterung, wenn man das große Q hat. Bei den 1,92 war ich auch schon extremst erleichtert, aber da habe ich gedacht, nein, Imke, jetzt musst du dich zusammenreißen. Das war erst Platz 15 – und nur zwölf sind weitergekommen. Ich musste auf jeden Fall 1,94 springen. Das große Q, da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, da konnte ich meine Freude nicht mehr zurückhalten. Das musste wohl raus nach der langen Saison.

Was ist eigentlich das große Q?

Vor Wettkämpfen wird die Höhe festgelegt, die man für die Qualifikation schaffen muss, das ist das große Q, damit man im Finale steht. Das kleine q bekommen die Nachrücker, die das große Q nicht erreicht haben, sich aber auch qualifizieren.

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Verkrampft man als Hochspringerin nicht total, wenn man vorm dritten Versuch bei 1,92 Meter weiß – ein Patzer noch, dann ist alles für die Katz?

Ich kann im Wettkampf zum Glück mehr Höhe abrufen als im Training. Dieser Moment war trotzdem super adrenalingeladen. Ich habe gezittert ohne Ende. Am Anfang des Anlaufs stehe ich immer auf den Zehenspitzen, da hatte ich durch die Zitterei echt Probleme, so stehen zu bleiben. Ich musste mit mir selbst reden: Imke, konzentrier dich, es ist alles gut. Du hast die Höhe drauf. Du kannst das springen.

Drei Tage später haben Sie im Finale nur 1,89 Meter geschafft, fünf Zentimeter weniger als in der Quali, am Ende Platz neun. Ein tolles Ergebnis bei einer WM – aber ist man dann nicht enttäuscht nach so einem aufregenden Vorspiel?

Ich war schon euphorisiert nach der Qualifikation, ich habe darauf spekuliert, dass ich 1,96 Meter angehen kann, weil das die Qualifikation für die Olympischen Spiele gewesen wäre, aber es ging nicht. Ich war schon vor der WM erkältet, das wurde in Doha noch schlimmer. Dabei bin ich supervorsichtig mit den Klimaanlagen, ich bin überall mit Mütze und Schal rumgelaufen. Im Bus 18 Grad, draußen 40 Grad, im Stadion Kühlgebläse, das war extrem. Es ist mir auf die Stirnhöhlen geschlagen. Wenn ich den Kopf bewegt habe, ist das hin- und hergeschwappt, so mein Gefühl.

Wenn am Ende des Finales eine Russin und eine Ukrainerin mit 2,04 Metern vorne sind, vertrauen Sie denen dann, dass sie auch sauber sind?

Auf jeden Fall ist diese Höhe eine Motivation für mich, früher oder später will ich da rankommen. Ich weiß, dass ich das schaffen kann. Aber leider muss man wohl davon ausgehen, dass auch im Hochspringen Gedopte unterwegs sind, das gab es ja schon. Man kennt auch nicht alle so genau. Aber da gilt für mich erst einmal die Unschuldsvermutung.

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<b>Imke Onnen</b> - Hochsprung, Hannover 96, WM-Finalistin - 0137/9880821-01 Zur Galerie
Imke Onnen - Hochsprung, Hannover 96, WM-Finalistin - 0137/9880821-01 ©

Sie sind 1,90 Meter groß, sehr schlank, wirken fast zerbrechlich. Wie verkraftet Ihr Körper diese sehr spezielle Belastung beim Absprung?

Der vorletzte Schritt links in der Kurve ist das Problem, da entsteht sehr viel Druck. Ich hatte über die Jahre schon sechs Ermüdungsbrüche im linken Fuß, wir machen viel mit Physiotherapie und Stabilitätsübungen. Außerdem liebe ich Krafttraining. Ich bin viel stärker, als ich aussehe.

Einzelsportler mit Sekundenauftritten müssen bestimmt auch den Kopf trainieren.

Ja, ich mache ganz viel mentale Arbeit, das ist der Schlüssel, da kann man im Kopf Korrekturen reinstreuen. Das Gleiche mache ich mit Störfaktoren, du kannst dich auf alles vorbereiten – das Zittern, Menschen laufen durch den Anlauf, Kabel liegen rum, Adrenalin, alles egal. Am Ende musst du nur eine Sache durchführen, für die du seit Jahren trainierst. Stehen zum Beispiel, das kann fast jeder normalerweise, nur in Stresssituationen, zum Beispiel an einer Klippe stehend, wird diese Kleinigkeit auf einmal ein Wagnis. Das kann man auch auf den Hochsprung übertragen, da versuche ich, durch mentales Training gegenzusteuern. Seit 2018 hilft mit auch eine Sportpsychologin des DLV, 2019 war ich schon deutlich stabiler.

Die Onnens sind ein Familienbetrieb. Der große Bruder Eike als Vorbild, Mutter Astrid als ewige Trainerin, der Vater und die anderen Geschwister auch sehr sportlich. Und Ihr Freund Falk ist auch Hochspringer – ist das nicht zu viel geschlossene Gesellschaft?

Nee, gar nicht. Der Sport ist eine Lebenseinstellung. Meine Familie ist mein größter Supporter, die nehmen mir jede Last ab, perfekt. Und ich weiß, wie andere Trainer sind – da bin ich sicher, die Ati, also meine Mutter, ist die Beste. Und mein Freund müsste nicht unbedingt Hochspringer sein, das ist keine Bedingung. Es erhöht aber das Verständnis für meinen Alltag.

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Andreas Toba - Turnen, TKH, Deutscher Meister - 0137/9880822-04 ©

Muss man als deutsche Top-Hochspringerin noch nebenbei arbeiten, um vernünftig leben zu können?

Na ja, das ist jetzt schon Leistungssport, seit 2018 würde ich mich auch Profi nennen. Sporthilfe, ein paar Sponsoren, mein Verein Hannover 96 unterstützt mich, meine Familie sowieso. Zusammen reicht das, reich wird man aber nicht.

Sie werden hoffentlich noch lange springen, nächstes Jahr vermutlich auch bei den Olympischen Spielen in Tokio. Aber was kommt nach der Sportkarriere?

Ich studiere Kunst- und Medienwissenschaft, habe das im Moment für den Sport aber zurückgenommen. Journalist möchte ich später eher nicht werden, eher Kuratorin oder Kommunikationswissenschaftlerin. Auf keinen Fall was Praktisches mit Kunst, dafür habe ich kein Händchen.

Oder was mit Tieren? Sie waren nach der WM auf einem Gnadenhof für Nutztiere.

Leider nur für einen Tag, aber es war eine tolle Erfahrung. Ich liebe Tiere extremst, außer Spinnen und Schlangen. Ich verschicke auch dauernd Tiervideos. Und vor Wettkämpfen schaue ich mir als Vorbereitung Tiervideos an. Auf jeden Fall werde ich nach der Sportkarriere kein Fleisch mehr essen und mich wahrscheinlich vegan ernähren. Zurzeit ist das noch schwierig.

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TSV Hannover-Burgdorf - Handball, Bundesliga-Spitzenteam - 0137/9880823-01 ©

Zur Person:

Imke Onnen (25) hatte ein sehr erfolgreiches 2019. Die Hochspringerin aus Hannover wurde bei der Hallen-EM Siebte. Im Juli holte sie bei der Sommer-Universiade in Neapel mit 1,91 Metern Bronze. Höhepunkt war die WM in Doha (Katar), wo sie nach einem Krimi in der Qualifikation mit einem Satz über 1,94 Meter im Finale landete – diese Höhe ist ihre Freiluft-Bestleistung. Im Endkampf wurde sie Neunte. Onnen ist Studentin, startet für Hannover 96, ihre Trainerin ist auch ihre Mutter: Astrid Fredebold-Onnen.