08. August 2022 / 09:01 Uhr

"Null Komma null" Sehnsucht: Warum Ex-BVB-Star Neven Subotic das Fußballgeschäft nicht vermisst

"Null Komma null" Sehnsucht: Warum Ex-BVB-Star Neven Subotic das Fußballgeschäft nicht vermisst

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-BVB-Star Neven Subotic blickt heute mit anderen Augen auf den Profifußball.
Ex-BVB-Star Neven Subotic blickt heute mit anderen Augen auf den Profifußball. © IMAGO/Jan Huebner
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Im Sommer 2022 beendete Neven Subotic seine Karriere als Fußballer. Auf seine aktive Zeit blickt der 33-Jährige sehr kritisch zurück und erklärt im SPORTBUZZER-Interview, was ihn am Fußballgeschäft stört und er in der Zukunft vorhat. 

Neven Subotic hat als Profifußballer viel erreicht: Er war zweimal Meister und einmal DFB-Pokalsieger mit Borussia Dortmund, stand im Champions-League-Finale und spielte 36-mal für die serbische Nationalmannschaft. Heute sieht der 33-Jährige den Fußball mit anderen Augen, wie er im SPORTBUZZER-Interview verrät

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SPORTBUZZER: Es gibt ein berühmtes Video von der Meisterfeier 2011, als Sie als BVB-Profi in die Stadt fuhren und auf dem Autodach mit nacktem Oberkörper inmitten der Fans feierten. Was denken Sie, wenn Sie dieses Video heute sehen?

Neven Subotic (33, lacht): Zunächst mal habe ich es schon ewig nicht mehr gesehen – und wenn, dann immer nur ein paar Sekunden. Erstes Gefühl: geil!

Beschreiben Sie uns das mal im Rückblick aus Ihrer heutigen Perspektive, bitte.

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Es ist pure Freude, Euphorie, das überwiegt. Das ist echt, das ist authentisch. Es ist einfach schön, dass das passiert ist. Im Stadion ist es etwas anderes, auf 100 Meter Entfernung kannst du nicht so gemeinsam feiern. Aber das war echte Nähe, näher geht’s nicht. Diese Möglichkeiten gibt es leider als Profi nicht so oft. Ich wünschte mir, dass jeder Spieler das damals so erlebt hätte. Und wenn ich diesen Tag noch mal erleben könnte, würde ich es genau so wieder machen.

Glauben Sie, dass es heute in dieser Form überhaupt noch möglich wäre?

An dem Tag hätte wahrscheinlich auch keiner gedacht, dass es möglich wäre. (lacht) Sollte der BVB in dieser Saison etwas erreichen können, fände ich es cool, wenn der Klub seinen Spielern solche Videos zeigte und sagen würde: Das könnt ihr auch machen, ihr werdet dafür nicht bestraft. Vielleicht erlebt ihr sogar einen der schönsten Momente eurer Karriere – für mich war es jedenfalls so.

Geht diese echte Nähe zu den Fans immer mehr verloren?

Das höre ich zumindest von vielen. Das spiegelt sich ja beispielsweise auch wider in den Ticket- und Trikotpreisen, im Zugang zu Spielern. In den Gehältern, mit denen die Distanz zum Rest der Gesellschaft immer größer wird. Leider gibt es keinerlei Formate, in denen man sich auf Augenhöhe zu diesen Problemen austauschen kann. Wo Fußballer und Fans gleichmäßig Redeanteil haben – ich sage bewusst Rede- und nicht Frageanteil. Ich glaube, dass viele Spieler dazu bereit wären, aber es gibt einfach keine Formate.

"Vermisse ich das"

Wie ist es bei Ihnen – sind Sie heute noch Fußballfan?

Puh. Ich glaube, Fan des Fußballs werde ich ein Leben lang sein. Ich habe 30 Jahre Zeit und Kraft investiert, ich durfte mich messen, konnte von anderen lernen, die besser waren als ich. Man konnte im Team arbeiten, etwas Langfristiges erreichen. Für uns als Familie war es zudem der Zugang zur Gesellschaft. Das zeigt, was man mit Fußball alles Cooles bewirken kann, das merke ich heute vielleicht noch bewusster als während meiner Karriere.

Aber?

Das andere ist das Fußballgeschäft. Vermisse ich das? Null Komma null!


Schauen Sie noch Fußballspiele?

Nein, schon seit Jahren nicht.

Als Sie mir zu Ihrer BVB-Zeit ein Interview gaben, wussten Sie teilweise gar nicht, gegen wen Ihr Klub am nächsten Wochenende spielt. Hatten Sie eine schlechte Berufsauffassung?

Ich kann diese Kritik nachvollziehen, aber ich würde immer wieder das Gleiche entgegnen: Es ändert nichts, wenn ich es wüsste. Man kann mir vorwerfen, wenn ich nicht vernünftig trainiere oder zu spät komme, wenn ich schlecht spiele – aber mein Job ist es nicht zu wissen, gegen wen wir in zehn Tagen spielen. Der Trainer wird es uns schon rechtzeitig sagen und uns darauf vorbereiten. Ab dann ist es relevant. Ansonsten ist es Wissen, mit dem ich nichts erreichen kann. So in etwa, als ob ich wüsste, wie der Zeugwart des Gegners heißt: schöne Info, bringt mir aber nichts. Und hat auch keinen Einfluss auf meine Leistung. Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte.

Wir sind gespannt.

Einmal hat der Trainer uns ganz stolz mitgeteilt, dass der Gegner in dieser Saison schon fünf verschiedene Systeme gespielt hat.

Und?

Das war’s.

Was haben Sie mit dieser Info angefangen?

Natürlich nichts. Ich hatte gehofft, dass er sagt: Wir erwarten diese oder jene Formation, und dagegen wollen wir so oder so spielen. Aber es gibt leider viel zu vieles an Info- und Datenmaterial, was einem absolut nichts bringt. Der Platz in meinem Kopf ist begrenzt. Daher versuche ich, sehr fokussiert zu leben.

"Da kribbelt mein Kopf"

Spielen Sie noch Fußball?

Nein, gar nicht. Nach meiner Profikarriere hatte ich den romantischen Gedanken, wie chillig es jetzt sein könnte, im Amateurbereich zu kicken. Ich habe mich mit ein paar Vereinen beschäftigt, mit ein paar Kumpels unterhalten, die in der Kreisliga spielen. Und die meinten dann, dass viele Jungs hauptsächlich wegen des Getränks davor oder danach dabei sind und sich kaputtlachen, wenn ein Gegenspieler an ihnen vorbeiläuft. Da habe ich mir gedacht: Das ist nix für mich. Das ist ja genau das Problem: Wenn ich was mache, dann zu 100 Prozent. Und dann will ich auch, dass alle 100 Prozent geben. Dann müsste ich vielleicht 2. oder 3. Liga spielen, aber dafür habe ich keine Zeit. Ich habe noch keine Lösung gefunden, aber vielleicht probiere ich demnächst mal was aus, wo ich an anderer Stelle was bewirken kann.

Sie meinen, eher auf Funktionärsebene. Würde Ihnen so eine Position eher passen?

Das ist zumindest in meinem Kopf drin. Ich habe meine Erfahrungen gemacht im Fußball, im Profi- wie auch im Amateurbereich. Als wir nach Deutschland gekommen sind, war das der Weg, um akzeptiert zu werden. Und ein Leben ohne Fußball konnte ich mir schon in Amerika nicht vorstellen. Mittlerweile kann ich, glaube ich, noch ein paar andere Sachen ganz gut, die ich einbringen könnte – da kribbelt mein Kopf. Ich bin offen dafür.

Was müsste für eine Rückkehr von Neven Subotic gegeben sein?

Die Rolle müsste schon genau passen, damit ich dafür andere Sachen zurückstelle. Wenn ich richtig was bewirken möchte, muss das im Vorfeld exakt besprochen sein, sonst würde ich gar nicht erst anfangen.

Was wäre beispielsweise mit einer Funktion beim DFB, der in der neuen Besetzung auch Themenfelder wie Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung und Förderung des Ehrenamts besetzen will?

Das ist zumindest eine Organisation, die einen großen Hebel hat, um etwas zu bewirken. Womit aber gleichzeitig das Risiko einhergeht, dass man vieles nur für die Öffentlichkeit macht. Ganz allgemein müsste ich mir die Ziele und Strukturen der Organisation anschauen und gucken, ob sie zu dem passen, was ich mir persönlich vorgenommen habe. Als Einzelperson kann man nichts bewirken, man braucht ein funktionierendes Team – und den deutschen Fußball ändert man nicht in fünf Stunden pro Woche. Natürlich muss es auch authentisch sein – ich würde nicht zu Nestlé gehen und über sauberes Wasser referieren. Wenn ich eines nie bereut habe, ist es, Nein zu sagen. Auch wenn es vielleicht unpopulär ist.

In Ihrem Buch „Alles geben“ haben Sie das Fußballgeschäft hart kritisiert, auch ihren Ex-Klub Borussia Dortmund. Wie waren die Reaktionen?

Ich hatte mindestens ein Gespräch mit jemandem, der aus seiner Sicht zu schlecht weggekommen ist – da liegt schon das erste Problem: Wenn man nichts mehr ansprechen darf, außer alles, was toll läuft, dann kommen wir keinen Schritt nach vorn. Lieber bin ich authentisch und habe eine strapazierte Beziehung zu jemandem, die aber zumindest ehrlich ist, als dass ich alles rosarot male, nur, um nicht anzuecken. Diesen Fehler habe ich früher auch oft gemacht.

"Ich habe sinnlos gelebt, habe daraus gelernt"

Sie gehen im Buch auch sehr kritisch mit sich selbst um.

Das ist auch Sinn dieser Geschichte, und ich hoffe, dass es rübergekommen ist. Ich habe sinnlos gelebt, habe daraus gelernt – aber auch heute mache ich noch 1000 Sachen falsch. Wir leben in einer Welt, die sehr komplex ist. Umso wichtiger ist es, dass man was tut. Es ist okay, wenn Sachen nicht perfekt sind. Aber Hauptsache ist, dass wir einen Schritt in die richtige Richtung machen. Dazu braucht es Ehrlichkeit, auch wenn sie manchmal brutal sein mag. Das Buch soll ein Denkanstoß sein.

Was entgegnet Ihnen beispielsweise Mats Hummels, wenn Sie ihm vorwerfen, dass "Common Goal" mit einem Gehaltsverzicht von einem Prozent zu wenig ist?

Weiß ich nicht, dabei habe ich heute noch mit ihm geschrieben. (lacht)

Wie war das Feedback aus der Branche allgemein?

Überschaubar, aber ich habe auch nicht viele Bücher verschickt.

Warum?

Ich würde es nur dann verschicken, wenn ich mir sicher bin, dass derjenige es auch liest und sich damit beschäftigt.

Dass heißt im Umkehrschluss, dass Sie nicht vielen Kollegen zutrauen, sich damit zu beschäftigen?

Es geht dabei nicht um zutrauen – der eine mag italienisches Essen, der andere lieber griechisches. Wenn ich nicht weiß, dass diese Person sich über ein griechisches Kochbuch freuen würde, würde ich ihr auch keines schenken. Wenn ich in einem Gespräch merke, dass sich jemand für das Thema interessiert, bin ich sofort dabei. Ich will aber niemandem etwas aufzwingen.

"Ich habe die richtigen Schlüsse gezogen"

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dass Sie leicht reden haben – schließlich haben Sie mit Fußball Millionen verdient und können jetzt zum Beispiel entspannt eine Stiftung gründen und Gutes tun?

Diese Kritik nehme ich komplett an, die Schilderung stimmt. Ich weiß: Für mich ist es leicht. Dennoch hoffe ich, dass die eigentliche Intention rüberkommt – nämlich, dass ich für mich selbst die richtigen Schlüsse daraus gezogen habe, was ich alles falsch gemacht habe. Dass jeder von uns auch eine Aufgabe für andere, für die Gesellschaft hat. Wenn jeder das Buch gut finden würde, hätte ich es nicht geschrieben.

Macht es Sie wütend, dass mit dem vielen Geld, das im Fußball verdient wird, insgesamt so wenig gemacht wird?

Wütend nicht, nein. Es ist eine Enttäuschung, die permanent da ist. Grundsätzlich ist es natürlich besser, wenig zu machen als gar nichts. Aber ist es deshalb nicht auch wichtig, genau das zu kritisieren? Ich sage ganz klar: Ja!

Wie viele Spieler machen solche Dinge tatsächlich aus Überzeugung und wie viele nur aus PR-Gründen?

Ich glaube nicht, dass es viele nur machen, um besser dazustehen. Man sollte vielmehr hinterfragen, warum es im Fußballgeschäft so wenige Möglichkeiten für eine Persönlichkeitsentwicklung gibt. Ich wurde damals oft kritisiert, weil ich mich in meiner Freizeit mit anderen Themen beschäftigt habe. Das wurde nicht gern gesehen. Der Verein hat einfach andere Interessen. Genau wie der Berater. Das ist ein strukturelles Problem, und es ist nicht einfach, als Spieler den Mut zu haben, sich trotzdem damit auseinanderzusetzen. Die Zeit dazu hat übrigens jeder Profi. Alles andere ist Unsinn.

Letzte Frage: Sie hatten früher fünf Autos und ein Motorrad. Heute fahren Sie kein Auto mehr, haben nur noch ein paar T-Shirts und wenige Klamotten. Was gönnt sich Neven Subotic?

Ich gehe mit meiner Freundin ab und zu essen, wir trinken einen Wein, essen leckeren Nachtisch – das kostet dann auch mal 50 Euro. Aber ich habe mich davon entkoppelt, dass Sachen teuer sein müssen, damit sie Spaß machen oder cool sind. Letztes Jahr haben wir Freunde in Spanien besucht und dort auf der Couch statt im Hotel gepennt. So hatten wir mehr Zeit miteinander. Das war ein super Urlaub.

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