03. Juli 2020 / 08:24 Uhr

"Bei uns entwickelt sich etwas": Egestorfs Kapitän Joshua Siegert lässt die Saison Revue passieren

"Bei uns entwickelt sich etwas": Egestorfs Kapitän Joshua Siegert lässt die Saison Revue passieren

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Egestorfs Kapitän Joshua Siegert ist mit seinen 26 Jahren der dienstälteste Spieler bei den Germanen. 
Egestorfs Kapitän Joshua Siegert ist mit seinen 26 Jahren der dienstälteste Spieler bei den Germanen.  © Dennis Michelmann
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Zwei Gesichter hat der 1. FC Germania Egestorf/Langreder in der vergangenen Oberligasaison gezeigt. Nach einem misslungenen Auftakt startete das Team von Trainer Paul Nieber eine Serie von 16 ungeschlagenen Partien, die von der Corona-Pandemie gestoppt wurde. Der 26-jährige Mannschaftsführer Joshua Siegert spricht im Interview über ein speziell für ihn außergewöhnliches Jahr.

Herr Siegert, verletzungsbedingt verpassten Sie die ersten sechs Saisonspiele. Bei Ihrem ersten Einsatz am 15. September gegen den MTV Eintracht Celle begann der Lauf der Egestorfer. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

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Es wäre vermessen, das an einer Person festzumachen (lacht). Vor der Saison gab es bei uns einen Umbruch: Die meisten älteren Spieler waren weg, die vielen jungen mussten Verantwortung übernehmen. Wenn der Kapitän wieder auf dem Platz steht, ist das immer eine wichtige Geschichte. Ich konnte helfen, dem Team Sicherheit zurückzugeben.

Die Germania war auf dem besten Weg, Relegationsplatz zwei zu erreichen, als die Corona-Unterbrechung begann. Der hätte im Nachhinein für die Regionalliga-Rückkehr gereicht.


Das ist richtig, uns haben nur ein bis zwei Punkte dafür gefehlt. Es ist ärgerlich: Wir haben am Anfang der Saison die Punkte liegen gelassen, durch die wir am Ende den Aufstieg am grünen Tisch verpasst haben.

Mehr über Germania Egestorf-Langreder

In der nächsten Oberligasaison gibt es neben dem Duell gegen Arminia Hannover ein weiteres Regionsderby gegen den SV Ramlingen/Ehlershausen. Wie schätzen Sie den Neuling ein?

In der Vergangenheit standen sie sich oft selbst im Weg, jetzt haben sie eine gute Mannschaft mit Qualität. Aber die Oberliga ist eine andere Hausnummer als die Landesliga. Ein guter Start mithilfe der Aufstiegseuphorie wäre für Ramlingen Gold wert, da spreche ich aus eigener Erfahrung.

Die Egestorfer werden als Favorit in die neue Spielzeit gehen, egal ob, wie bisher in einer, oder wie angedacht in zwei getrennten Staffeln.

Der Gedanke einer getrennten Vorrunde mit Play-off-Entscheidung wäre aus meiner Sicht eine coole Sache. Aus der Regionalliga-Aufstiegsrunde von 2016 weiß ich noch, wie viel Brisanz in diesen Spielen am Ende liegt, in denen es um alles geht. Ich scheue mich nicht davor, die Favoritenrolle anzunehmen. Unsere extrem junge Mannschaft ist zusammengewachsen, bei uns entwickelt sich etwas. Wir haben eine Menge Qualität und ich bin davon überzeugt, dass wir eine gute Runde spielen werden.

Bilder vom "After-Isolation-Tournament" des 1. FC Germania Egestorf/Langreder

Marvin Stieler nimmt die nächste Aufgabe ins Visier. Zur Galerie
Marvin Stieler nimmt die nächste Aufgabe ins Visier. ©

Sie tragen seit 2012 das Egestorfer Trikot. Vor einer Woche wurden Sie 26 Jahre alt und sind der dienstälteste Germane. Ungewöhnlich, oder?

Das denke ich auch oft, wenn ich mich auf dem Platz umgucke. Da es der Verein ist, bei dem ich angefangen habe, Fußball zu spielen, macht es mich aber auch glücklich und ein bisschen stolz, mit 26 schon so etwas wie der Egestorfer Veteran zu sein.

Wie fühlt es sich an, so eine junge Mannschaft als Kapitän zu führen?

Das sind alles gute Jungs, die geradelaufen. Wo viele junge Spieler sind, werden Fehler gemacht, das ist normal. Bei uns herrscht eine flache Hierarchie. Ich führe ja nicht alleine, im Mannschaftsrat haben wir unterschiedlichste Typen. Wir wenigen Älteren übernehmen Verantwortung und geben den Weg vor. Wir bekommen es aber schon seit Jahren gut hin, die Jugend zu integrieren. Das ist unsere große Aufgabe.

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Sie selbst sind in den vergangenen Jahren vom offensiven Flügelspieler zum Sechser geworden. In die Abwehr geht es irgendwann aber nicht, oder?

Das lag wohl auch ein bisschen an meiner niedrigen Torquote (lacht). Ich fühle mich im Zentrum sehr wohl, habe gerne das Spiel vor mir. Als Sechser macht es mir am meisten Spaß, da kann ich Zweikämpfe führen und das Spiel nach vorn antreiben.

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Mit Paul Nieber haben Sie auch einen jungen Trainer. Was zeichnet ihn in seiner Arbeit aus?

Wir sind seine erste Station als Herrentrainer. Anfangs hat er noch Zeit gebraucht, um den Switch zwischen Jugend – und Seniorencoach hinzubekommen, hat sich aber schnell weiterentwickelt. Man soll ja keine Vergleiche ziehen, aber Paul verfolgt einen anderen Ansatz als unserer vorheriger Trainer, ist innovativer. Das Verhältnis zwischen Spielern und Trainerstab ist unter ihm enger geworden.

Und wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Coach?

Sehr eng. Zusammen mit Marvin Stieler, der nach mir am längsten im Verein ist, wird sich viel ausgetauscht, auch in taktischen Dingen. Ich schätze Paul sehr und er gibt mir viel Rückhalt.

Bilder vom Spiel der Oberliga zwischen dem 1. FC Germania Egestorf/Langreder und BSV Kickers Emden

Egestorfs Trainer Paul Nieber beklatscht den Führungstreffer. Zur Galerie
Egestorfs Trainer Paul Nieber beklatscht den Führungstreffer. ©

Sie sind unweit des Stadions an der Ammerke aufgewachsen, oder?

Ja, keine 200 Meter Luftlinie vom Platz entfernt. Nach den ersten Jahren in Egestorf ging ich zu Basche United, in meinem letzten A-Junioren-Jahr dann zurück zur Germania in die erste Herren. Ich habe in meiner Laufbahn nur zwei Vereine gehabt, daher kann ich mich gut mit Egestorf identifizieren.

Ihr Studiengang lautet Fitnessökonomie, was ist darunter zu verstehen?

Eine Mischung aus Trainingslehre, Ernährung und Gesundheit sowie den ökonomischen Grundlagen für Fitnessunternehmen und Physiotherapiepraxen. Es ist ein Fernstudium, dual aufgebaut, begleitend arbeite ich im Körperwerk in Gehrden. Ab August schreibe ich meine Bachelorarbeit, Ende des Jahres bin ich mit dem Studium fertig.

Dann hat Sie die Corona-Krise ja doppelt getroffen.

Ja, leider. Es war in jeder Hinsicht eine extreme Einschränkung meiner persönlichen Kontakte. Fußball war komplett weg, ein großer Teil des Jobs auch. Von 100 auf Null ist mir fast alles weggefallen. Der Kontakt zu anderen Menschen hat mir am meisten gefehlt. Mit den Lockerungen hat sich aber auch meine Gemütslage gebessert.

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Wann rechnen Sie damit, wieder normal trainieren zu können?

Es macht in meinen Augen keinen Sinn, Prognosen aufzustellen oder zu hoffen. Ich wünsche mir, dass es bald soweit ist, man kann nur abwarten. Bis dahin halte ich mich nach Plan fit. Sollte die Saison erst weit nach dem 1. September beginnen, wird es für alle Beteiligten ein hoher Aufwand. Es würde viele englische Wochen geben. Dann ist es auch noch ein EM-Jahr, da gab es bisher immer einen festen Cut am Ende. Da käme ein schwieriges Zeitfenster auf uns zu.

Zurück zur Gemütslage: Was sagen Sie als glühender Fan des Hamburger SV zum bitteren Saisonende?

Bei mir herrscht absolute Fassungslosigkeit. So oft wurde die Aufstiegsmöglichkeit auf dem Silbertablett serviert... Da kann man mal sehen, welch große Rolle das Mentale bei dieser Mannschaft gespielt hat, unter Druck hat sie versagt. Mein Vater, Bruder, Onkel – wir sind alle leidenschaftliche HSV-Fans und gucken die Spiele immer zusammen. Da konnte man sich nur an den Kopf fassen.