19. Januar 2022 / 06:00 Uhr

Ohne Moos nichts los: Auch in Brandenburg fließt viel Geld im Amateurfußball

Ohne Moos nichts los: Auch in Brandenburg fließt viel Geld im Amateurfußball

Stephan Henke, Mirko Jablonowski, Marius Böttcher und Christoph Brandhorst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Oftmals wird das Geld für Spieler auch schon auf dem Platz übergeben. 
Oftmals wird das Geld für Spieler auch schon auf dem Platz übergeben.  © IMAGO / Hanno Bode
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Wieviel Geld fließt im Amateurfußball? Eine breit angelegte Umfrage erlaubt jetzt erstmals eine gut begründete Schätzung. Die Ergebnisse zeigen: Für kurzfristigen Erfolg setzen viele Klubs ihre Existenz aufs Spiel. Auch Funktionären und Spielern drohen Geld- und Haftstrafen.

Dieser Artikel ist Teil des Amateurfußball-Bündnisses #GABFAF. Infos auf gabfaf.de.

Das jahrelang praktizierte Modell wurde dem Vorstand eines Brandenburger Fußballvereins vor einigen Jahren fast zum Verhängnis. „Wir haben lange Zeit den Spielern eine Übungsleiterentschädigung gezahlt, obwohl sie keine Übungsleiter bei uns waren – so wie es viele Vereine auch machen“, erzählt ein Vorstandsmitglied des Vereins, das lieber anonym bleiben will. Doch bei einer Steuertiefenprüfung nahm es ein Finanzbeamter ganz genau und schaute sich die Mannschaftsfotos der Jugendteams an – auf denen er allerdings nicht die Übungsleiter fand, die der Verein bezahlte. „Ich weiß noch wie heute, dass ich in Potsdam beim Oberstaatsanwalt saß und der mir sagte: ,Beim nächsten Mal gibt es eine Geld- oder Haftstrafe’“, erzählt der Vereinsvorstand.

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Er sei geläutert, sagt er heute, seither bezahle der Verein seine Spieler nur noch auf offiziellem Wege, alles gehe über die Bücher. Doch das ist bei Weitem nicht überall der Fall. Pro Saison fließen deutschlandweit mehr als eine Milliarde Euro in die Taschen von Amateurspielern – mutmaßlich sind etwa 500 Millionen Euro davon Schwarzgeld. Das ist das Ergebnis einer Hochrechnung, die im Rahmen einer Kooperation des SPORTBUZZER mit dem Recherche-Netzwerk CORRECTIV und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) entstand. 8085 Amateurfußballerinnen und -fußballer im Alter zwischen 18 und 39 Jahren, die an einer Online-Befragung teilgenommen haben, gingen dafür in die Stichprobe ein. Auch 236 Fußballerinnen und Fußballer aus Brandenburg waren dabei.

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Fast 90 Prozent der befragten Kicker in der 5. Liga (Oberliga) hatten demnach im Bemessungszeitraum Oktober 2020 Geld für das Fußballspielen bekommen – im Schnitt sogar 500 Euro. Doch auch in tieferen Spielklassen lässt sich gutes Geld verdienen: Insgesamt 36,4 Prozent der Spieler aus der 8. Liga, was in Brandenburg der Landesklasse entspricht, kassierten im Schnitt 200 Euro im Monat fürs Kicken.

Ein langjähriger Funktionär eines Vereins, dessen erste Mannschaft in den vergangenen Jahren auf Landesebene in verschiedenen Ligen gespielt hat, sagt: „Ähnlich zur Entwicklung im Profifußball sind die Aufwandsentschädigungen im Amateurfußball in den vergangenen Jahren rasant in die Höhe gegangen. Wo Aufwand entsteht, soll dieser natürlich entschädigt werden. Es muss aber alles in einem gewissen Rahmen bleiben. Das passiert nicht bei allen Vereinen und so werden die Preise versaut.“ Ab einer gewissen Liga gehe es ohne Entschädigung inzwischen nicht mehr, betont er.

Laut einer Online-Umfrage von CORRECTIV und dem rbb verdient selbst in der 7. Liga noch jeder zweite Fußballer Geld mit dem Sport.
Laut einer Online-Umfrage von CORRECTIV und dem rbb verdient selbst in der 7. Liga noch jeder zweite Fußballer Geld mit dem Sport. © MAZ-Grafik/Scheerbarth

Dazu würden nach seiner Aussage neben Geldleistungen auch die Vermittlung von Ausbildungsplätzen oder das Zur-Verfügung-stellen von Fahrzeugen zählen. In der bundesweiten Online-Umfrage gaben 18,2 Prozent der Teilnehmer an, schon Sachleistungen wie Auto, Nebenjob oder sogar ein Baugrundstück entgegengenommen zu haben. Der Brandenburger Funktionär berichtet: „Die Spieler verstehen es sehr gut, zu pokern und lassen sich teilweise sogar auf Amateurniveau von einem Berater vertreten. Insgesamt ist es im Laufe der Jahre auf jeden Fall schwieriger geworden, Spieler für sich zu gewinnen.“

Ähnliche Erfahrungen machte auch ein anderer Brandenburger Fußball-Funktionär. „Bei den Spielern sind die Forderungen inzwischen enorm hoch, manche können sich das erlauben, manche eigentlich nicht. Das Problem ist aber: In der Region Berlin/Brandenburg gibt es immer einen Verein, der das bezahlen wird.“ 600 bis 700 Euro könnten sogar Brandenburgligaspieler verdienen, schätzt er.


217 Amateurverträge in Brandenburg

Ab einer Bezahlung von mehr als 250 Euro muss allerdings eigentlich ein Amateurvertrag abgeschlossen werden. Für die Spieler ist der Sport dann mit einem Minijob gleichzusetzen. Dafür übernimmt der Verein auch die Hälfte des fälligen Sozialversicherungsbeitrags. 217 solcher Verträge sind derzeit beim Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) gemeldet, wie Verbandsmitarbeiter Oliver Giese auf Nachfrage erklärt. „Die Zahlen bewegen sich in den letzten beiden Jahren konstant auf diesem Niveau“, sagt er.

In vielen Fällen, das zeigt die Recherche von SPORTBUZZER, CORRECTIV und rbb, fließt das Geld aber aus schwarzen Kassen. Vielerorts kommt die vereinbarte Prämie im Briefumschlag. Oder private Geldgeber stecken den Akteuren in bar etwas zu. Andere sind formal bei einem Sponsor angestellt, müssen für ihr Geld aber nicht arbeiten gehen. Fakt ist: Nachzuvollziehen ist der Geldfluss oftmals nicht. Etwa die Hälfte der Zahlungen soll laut den Umfrageteilnehmern nicht schriftlich dokumentiert worden sein.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren seien dem FLB keine entsprechenden Fälle angezeigt worden, so Giese. „Trotzdem ist der Sachverhalt nicht unbekannt. Wir weisen unsere Vereine regelmäßig auf die rechtlichen Rahmenbedingungen hin. Auch Finanzämter übernehmen verstärkt Prüfungen. Fehlverhalten wird dann sanktioniert und kann schwerwiegende Auswirkungen auf den gesamten Verein haben“, warnt der Mann aus der Passstelle des Landesverbands, der betont, dass die Verantwortung bei den Vereinen liege und der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen schaffe. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) antwortet auf eine Anfrage des rbb: Zahlungen in unteren Ligen seien für den Verband grundsätzlich der „falsche Weg“.

Bei Verstoß drohen Freiheitsstrafe oder Entzug der Gemeinnützigkeit

Sportjurist Thomas Summerer legt sich im Interview mit der ARD fest: „Wenn es schwarze Kassen gibt, dann ist das per se schon ein Straftatbestand, nämlich Untreue.“ Sanktionen seitens der Verbände hält er daher für möglich, denn es läge auch ein Verstoß gegen die Statuten von DFB, Uefa oder Fifa vor. Das Brandenburger Finanzministerium teilte dem SPORTBUZZER mit: „Statistische Aufzeichnungen über die Anzahl von Außenprüfungen speziell bei Fußballvereinen werden nicht geführt.“ Die Behörde warnt, dass Spielern, die ihre Einnahmen nicht erklären, wegen Steuerhinterziehung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe drohen. Für Vereine könnten Unregelmäßigkeiten Auswirkungen auf den Status der Gemeinnützigkeit haben.

Und trotzdem gilt im Amateurfußball vielerorts: Ohne Moos nichts los. Der Funktionär eines Brandenburger Oberligisten bringt es auf den Punkt: „Will man konkurrenzfähig sein und Spieler akquirieren, kommt man am Thema Geld nicht mehr vorbei“, sagt er, betont aber: „Das passiert hier aber in keiner Weise per Briefumschlag.“ Den meisten Spielern gebe der Verein einen Amateurvertrag, Nachwuchstalente aus der eigenen Jugend würden dagegen nie die 250-Euro-Marke überschreiten. „Wir müssen das so händeln, alles andere ist nicht darstellbar. Unser Geschäftsführer arbeitet strikt mit einem Steuerberater zusammen, am Jahresende wird eine ganz normale Buchprüfung durchgeführt.“ Von Verhandlungen mit potenziellen Neuzugängen berichtet er: „Da werden Summen gefordert, wo einem schwindelig wird, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt und die Spieler sich maßlos selbst überschätzen.“

Auch der Manager eines Brandenburgligisten kennt dieses Gefühl. „Wenn in einem Gespräch mit einem neuen Spieler als erstes das Thema Geld auf den Tisch kommt, gebe ich ihm die Chance, kurz rauszugehen und zu überlegen, was er gerade falsch gemacht hat“, sagt er. „Und ich bin auch schon öfter aufgestanden und gegangen.“

Mehr zu Geld im Amateurfußball

Dieser Text entstand in Kooperation der MAZ mit CORRECTIV und dem rbb, der für die Recherche federführend verantwortlich war.

Die Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball: Wenn das Geld im Umschlag kommt“ wird am Mittwoch, 19. Januar, um 23.30 Uhr in der ARD ausgestrahlt und ist ab sofort auf der Themenseite zu sehen: www.sportschau.de/milliardenspiel