10. April 2020 / 06:10 Uhr

Einfluss, Auftreten, Personalpolitik: Die ersten 100 Tage von Oliver Kahn als Vorstand beim FC Bayern im Check

Einfluss, Auftreten, Personalpolitik: Die ersten 100 Tage von Oliver Kahn als Vorstand beim FC Bayern im Check

Patrick Strasser
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Oliver Kahn ist als Vorstandsmitglied beim FC Bayern beschäftigt.
Oliver Kahn ist als Vorstandsmitglied beim FC Bayern beschäftigt. © dpa
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So herausfordernd hatte sich Oliver Kahn seine ersten 100 Tage beim FC Bayern sicherlich nicht vorgestellt. Der neue Vorstand bewies in der Corona-Krise jedoch auf Anhieb, welche Führungsqualitäten er für die Chefrolle mitbringt. Ein Blick auf die ersten Monate nach der Rückkehr des Titans zum Rekordmeister.

Drei Dinge stachen ins Auge beim offiziellen Vereinsfoto, dass Thomas Müller in einem Besprechungsraum des FC Bayern München am Vereinsgelände an der Säbener Straße bei der Unterschrift unter seinen neuen Vertrag bis 2023 zeigt: Erstens der durch die Anti-Corona-Vorschriften eingehaltene Abstand aller Beteiligten. Zweitens der pechschwarze, stetig wachsende Vollbart von Sportdirektor Hasan Salihamidzic und drittens der Sitznachbar zur Linken von Müller: Oliver Kahn.

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Sonst bei der feierlichen Prozedur einer Vertragsverlängerung der Platz von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge oder Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen. Diesmal Kahn. Ein Zeichen. Nach innen und nach außen. An diesem Freitag ist der ehemalige Weltklassetorhüter seit genau 100 Tagen im neuen Amt. Seit Anfang des Jahres firmiert der 50-Jährige als Vorstand. Nach 100 Tagen Wirken des einstigen "Titan" ist Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Kahn zunächst bescheiden und demütig

Sein Auftreten: Nach etwas mehr als drei Monaten in der Vorstandsetage wurde deutlich: Kahn tritt schon ziemlich "bossig" auf. Dass Kahn Chef (sein) kann, hatte Ehrenpräsident Uli Hoeneß, sein großer Unterstützer, vorausgesehen. In den ersten Tagen und Wochen trat der Welttorhüter von 1999, 2001 und 2002 bescheiden und demütig auf, war ein Suchender und Lernender, führte zig Gespräche, stellte sich allen Abteilungen und Mitarbeitern vor. Er reiste ins Katar-Trainingslager im Januar nach, hielt dort eine kurze Begrüßungsrede vor der Mannschaft.


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Der SPORTBUZZER blickt auf die bewegte Karriere von Torwart-Legende Oliver Kahn zurück. ©

Bei den Spielen saß er auf der Tribüne, mal neben Rummenigge, mal neben Präsident Herbert Hainer, wollte aber nach der Partie nicht zu den Journalisten sprechen. Er winkte stets ab, bei seinem "Pflichtspieldebüt" als Boss im Januar in Berlin ganz lässig mit einem Apfel in der Hand. Nach einer kurzen vereinsinternen Schockstarre infolge der Konsequenzen, die das Auftreten der Corona-Pandemie mit sich bringt, war es Kahn, der sich in einer Video-Ansprache zum Thema Corona an die über 1000 Mitarbeiter (die meisten aktuell im Homeoffice) wandte – gemeinsam mit Trainer Hansi Flick.

Interne Kommunikationsbereitschaft steht an erster Stelle

Sein Einfluss: Wächst und wächst. Als einer der obersten Werte zählt für den als Bayern-Torhüter (1994-2008) oft im Einzelkämpfer-Modus agierenden Kahn der Gedanke, als Teamplayer ein Vorbild sein zu wollen. "Siegermentalität, Demut, Disziplin und Durchhaltevermögen gehören genauso zum Anforderungsprofil des FC Bayern wie die sportliche Qualität des Spielers", sagte er und umschrieb damit indirekt auch sein Arbeitsethos. Für den Absolventen des "Master of Business" (MBA) steht die interne Kommunikationsbereitschaft an erster Stelle, die Kompetenz kommt mit den wachsenden Aufgaben etwa als einberufener Leiter der vereinsinternen Corona-Taskforce. Um voranzugehen und Mut zu machen, betont er die "große Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen".

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Seine Personalpolitik: Sowohl bei den Vertragsverhandlungen mit Müllers Berater Wiggerl Kögl als auch mit Manuel Neuers Berater Thomas Kroth saß Kahn anstelle von Rummenigge am Tisch. Auf der einen Seite soll es ein Lernprozess sein – wie Hoeneß stets propagiert: "Learning by doing". Auf der anderen Seite zeigte es Kahns Bedeutung, da Kapitän Neuer sowie Integrationsfigur Müller als Schlüsselbausteine für Bayerns sportliche Zukunft gelten.

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Auch bei Flicks Vertragsverlängerung hatte er zuvor an vertraulichen Gesprächen mit dem 55-Jährigen teilgenommen, sich dann in den offiziellen Pressemitteilungen wie selbstverständlich zitieren lassen – wie sonst nur Rummenigge und Salihamidzic. Auffällig ist, dass Kahn nach der erfolgreichen Vereinbarung mit Cheftrainer Flick derzeit intensiv mitwirkt, die wichtigsten Spieler zu binden. Nach Müller steht auch der Spanier Thiago, in Top-Form als Lenker und Denker des Mittelfelds unverzichtbar, vor einer Vertragsverlängerung bis 2023. David Alaba, von Flick als neuer Abwehrchef erfunden, könnte folgen. Fehlt letztlich Neuer. Abgesehen vom Finanziellen und der Dauer des neuen Arbeitspapiers liegt es an Kahn, den Zögernden zu überzeugenden – von Torwart zu Torwart.

Hoeneß lobt Kahn: "Erwartungen zu 100 Prozent erfüllt "

Seine Perspektive: Sein Mentor Hoeneß feierte ihn dieser Tage im kicker: "Oliver hat alle meine Erwartungen zu 100 Prozent erfüllt - optimal. Und ich bin sehr optimistisch, dass es die total richtige Entscheidung war, Oliver da einzubauen. Das sieht man schon jetzt." Für Salihamidzic, ab 1. Juli Sportvorstand, ist Kahn ein "absoluter Teamplayer". Und weiter: "Oliver gibt viel Input, ist eine Bereicherung in jeder Diskussion." Das Urteil des Sportdirektors nach den ersten 100 Tagen Amtszeit seines neuen Partners: "Fachlich und menschlich Note 1." Zum 1. Januar 2022 wird Kahn den dann scheidenden AG-Chef Rummenigge als neuer Vorstandsvorsitzender ablösen. Dann ist Kahn endgültig komplett verantwortlich – als "Big Titan-Boss".