23. Januar 2021 / 06:02 Uhr

Erneute Absage der Olympischen Sommerspiele? Japan und die Angst vor dem Gesichtsverlust

Erneute Absage der Olympischen Sommerspiele? Japan und die Angst vor dem Gesichtsverlust

Felix Lill
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele ist weiterhin für den 23. Juli 2021 geplant.
Die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele ist weiterhin für den 23. Juli 2021 geplant. © imago images/ZUMA Wire
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Die Corona-Pandemie hat die Welt weiter fest im Griff. Was bedeutet das für die Austragung der Olympischen Sommerspiele? Ein Stimmungsbericht aus Tokio ein halbes Jahr vor dem geplanten Olympia-Beginn.

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Japan steckt in seiner dritten Infektionswelle, über Tokio und andere Metropolen ist ein Lockdown verhängt. Anfang des Jahres wurde eine Coronavirus-Mutation entdeckt, olympische Qualifikationsturniere konnten nicht ausgetragen werden. Doch noch mal verschieben? Die japanischen Organisatoren um Toshiro Mori, den Chef des Organisationskomitees, schließen dies weiter aus und antworteten am Freitag auf einen Bericht der Londoner Times, wonach eine Absage der Spiele beschlossene Sache sei. Ein Regierungssprecher sagte: "Wir weisen den Bericht vollständig zurück." Die Zeitung hatte sich auf ein Mitglied der japanischen Regierungskoalition berufen. Nach dessen Aussagen bestehe Einigkeit darüber, dass die Spiele abgesagt werden müssten. Überhaupt melden sich immer mehr Kritiker zu Wort, die das sture Festhalten am Eröffnungstermin 23. Juli, also heute in einem halben Jahr, für fahrlässig halten.

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Nur seien für die Verschiebung um ein Jahr viele Experten abgezogen worden, die beizeiten wieder zu ihren Verbänden und Ministerien zurück müssten, halten die Organisatoren entgegen. Und dann sind da die Kosten. Ein zweites Mal alle Spielstätten und Messezentren sichern? Die Immobilienkäufer, die nach den Spielen in die aus dem olympischen Dorf entstehenden Wohnungen ziehen wollen, erneut vertrösten? Die Sponsoren, die einen Großteil des Budgets aufbringen, weiter hinhalten? All das gehe nicht. Deshalb beteuern die Organisatoren auch ein halbes Jahr vor der nun geplanten Eröffnung am 23. Juli: Die Olympischen Spiele von Tokio werden diesen Sommer stattfinden.

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Eine derart deutliche Ansage sollte allen Beteiligten – Sportlern, Zuschauern, Sponsoren – Planungssicherheit geben. Nur wollen laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo 80 Prozent der Japaner kein Olympia in diesem Jahr. Es sind vor allem die Pandemie und die gestiegenen Kosten, die "Tokyo 2020+1" unbeliebt machen. Auch die Politik wird kritisiert. Der Anfang Januar verhängte Teil-Lockdown hätte früher und strikter ausgerufen werden müssen, so die Meinung. Doch Premierminister Yoshihide Suga subventionierte noch bis Ende Dezember gezielt den Inlandstourismus, um in der Pandemie Gas­tro­no­mie und Hotellerie zu unterstützen – was zu steigenden Infektionszahlen und fallenden Zustimmungswerten für den Premier geführt hat.

So befindet sich Japan in einer Situation, die an jene von vor einem Jahr erinnert. Auch damals zögerte die Regierung mit Maßnahmen gegen das Coronavirus. "Der Wunsch, die Olympischen Spiele nicht zu gefährden, hat eine schnelle und entschlossene Reaktion in der Krisenpolitik verhindert", sagt Koichi Nakano, Politikprofessor an der renommierten Sophia-Universität in Tokio. "Das Gleiche zeigt sich jetzt wieder. Die Organisatoren wollen die Spiele nicht absagen, für sie wäre es ein Gesichtsverlust."

Ist das Gesicht nicht längst verloren? Immer wieder haben die Organisatoren und die Regierung etwas mit Entschlossenheit verkündet, was sie später zurücknehmen mussten. Die Olympiaverschiebung wurde erst ausgeschlossen, dann Ende März doch verkündet, als Nationale Komitees keine Athleten entsenden wollten. Mit der Verschiebung verstummten dann auch die wiederholten Beteuerungen, dass "Tokyo 2020" die Steuerzahler kein Geld kosten würde.

Vor Kurzem erklärte Premierminister Suga zudem eine Impfkampagne für „zentral“. Nur zeigte sich, dass nicht nur die Bevölkerung, sondern auch einige Athleten keine Impfung wollen. Die Langstreckenläuferin Hitomi Niiya sagte, sie wolle ihren Körper vor neuen Substanzen schützen. Anfang der Woche verkündete das Tokioter Organisationskomitee nun, eine Impfung sei keine Pflicht. Ergebnis: Die Abfolge von Statements und Relativierungen hat dazu geführt, dass kaum noch jemand in Japan viel auf die Versprechen der Organisatoren gibt.