16. März 2020 / 17:48 Uhr

Olympia-Medaillenkandidat Christopher Linke: „Fühlt sich wie ein kleiner Burnout an“

Olympia-Medaillenkandidat Christopher Linke: „Fühlt sich wie ein kleiner Burnout an“

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Die Potsdamer Geher Christopher Linke (M.) und Nils Brembach (r.) beim Trainingslager in Potchefstroom in Südafrika. 
Die Potsdamer Geher Christopher Linke (M.) und Nils Brembach (r.) beim Trainingslager in Potchefstroom in Südafrika.  © privat
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Nachdem zahlreiche Wettkämpfe abgesagt wurden, fordert der Potsdamer Geher Christopher Linke eine schnelle Entscheidung bezüglich der Olympischen Spiele – Treffen mit Tennisprofi Dustin Brown.

Die Bedingungen könnten kaum besser sein. Auf 27 Grad erwärmte die südafrikanische Sonne das Trainingsgelände in Potchefstroom am Dienstag. Zahlreiche Leichtathleten bereiten sich in der Stadt eineinhalb Stunden südwestlich von Johannesburg auf ihre Saison vor – zumindest war das der Plan. Denn für viele gelten die akribisch ausgearbeiteten Termine inzwischen nicht mehr. Aufgrund der Coronavirus-Krise wurden zahlreiche Wettkämpfe abgesagt, wie auch die der Geher. „Wir sind hierher gekommen, waren hochmotiviert und wollten am Wochenende in die Saison starten. Doch jetzt wurden vier von fünf Wettkämpfen inzwischen bis im Mai abgesagt“, erzählt Christopher Linke.

Deutschlands bester Geher hatte seine Saison, wie so viele andere Athleten, auf die Olympischen Spiele ausgerichtet. „Die Saison ist deshalb schon früher losgegangen. Wir trainieren seit November, ohne einen einzigen Wettkampf zu bestreiten. Ich brauche die Wettkämpfe aber als Motivation, weil ich eh manchmal Probleme habe, mich zu motivieren. Aktuell fühlt es sich wie ein kleiner Burnout an, weil ich keinen Sinn sehe, in dem was ich mache“, sagt der 31-Jährige.

In Bildern: Die Brandenburger "Helden der Woche" der Saison 2019/20.

Die Brandenburger Helden der Woche der Saison 2019/20. Zur Galerie
Die Brandenburger "Helden der Woche" der Saison 2019/20. ©

Linke ist bei den Spielen in Tokio ein Medaillenkandidat. Bei der WM 2019 in Doha wurde er Vierter, bei den Olympischen Spielen in Rio Fünfter. Vergangenen Juni lief er über 20 Kilometer deutschen Rekord (1:18:42 Stunden), für die Olympischen Spiele in Tokio ist er sicher qualifiziert. „Ich war im Training Ende Februar so gut drauf wie noch nie in meinem Leben. Jetzt werden alle Wettkämpfe abgesagt und man kann und darf nicht zeigen, was man kann“, erklärt der Geher, der mit der Nationalmannschaft in Südafrika weilt.

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Deshalb fordert er vom Internationalen Olympischen Komitee eine baldige Entscheidung, ob das Sport-Highlight 2020 in Tokio – die Geher- und Marathon-Wettbewerbe sind wegen der Hitze in Sapporo – überhaupt stattfindet. „Wenn sie nicht stattfinden, dann würde ich sofort meine Saison beenden und zwei, drei Monate pausieren, nachdem ich vier Jahre ohne große Pause trainiert habe“, sagt Linke. Eine Verschiebung an das Ende des Jahres wäre für ihn vorstellbar, „für mich wäre das sogar noch besser, weil es dann nicht mehr so heiß ist“, erzählt der Weltklasse-Geher.

In Südafrika selbst sei die Coronavirus-Krise kaum ein Thema. „Hier ist Sommer, gute Laune, hier sitzt man im Café und gibt sich zur Begrüßung die Hand. Hier ist überhaupt nichts zu spüren davon“, sagt Linke. Anders sei es dagegen, wenn er die Nachrichten aus Deutschland verfolge. „Man hat das Gefühl, wir reisen – übertrieben gesagt – in ein Kriegsgebiet. Ich weiß gar nicht, ob ich in Potsdam trainieren kann, wenn die ganzen Sportstätten geschlossen sind und nur noch die Kaderathleten in den Luftschiffhafen dürfen“, sagt Linke.

In Potchefstroom in Südafrika traf Linke auch den deutschen Tennisprofi Dustin Brown, der sich in seinen Recovery Boots („Regenerations-Stiefel“) vom Spiel erholt.
In Potchefstroom in Südafrika traf Linke auch den deutschen Tennisprofi Dustin Brown, der sich in seinen Recovery Boots („Regenerations-Stiefel“) vom Spiel erholt. ©

Für gute Laune bei ihm sorgte immerhin ein zufälliges Treffen mit einem alten Freund in Potchefstroom. Den deutschen Tennisprofi Dustin Brown lernte er einst bei der Einkleidung des deutschen Olympiateams 2016 kennen. „Er ist 1,98 Meter groß und wiegt 75 Kilo, ist sogar noch einen Ticken größer als ich und hat einen ähnlichen Körperbau. Bei der Einkleidung hat er die Sachen anprobiert und ich musste nur lachen, wie das aussah. Er hat mich damals nach meiner Nummer gefragt und gesagt, dann kenne er mindestens schon einmal einen Sportler im Olympischen Dorf“, erzählt Linke.


In Rio angekommen trafen sich beide zufällig in der Mensa. „Er kam rüber und hat mich begrüßt, als würden wir uns schon Ewigkeiten kennen. Für mich war er ja ein Star und wir hatten in den zehn Tagen dort viel Spaß. Seither hatten wir immer wieder per WhatsApp und Instagram Kontakt, hatten uns aber auch nicht mehr getroffen“, berichtet Linke. Doch als er in Südafrika war, schrieb ihm plötzlich Brown, dass er auch in Potchefstroom sei und dort ein Turnier spiele. „Er ist einfach ein lockerer Typ. Wir haben dann drei, vier Tage dort zugeschaut, das war eine willkommene Abwechslung, bis das Turnier im Viertelfinale auch abgebrochen wurde“, sagt Linke. Da wurde für ihn das Coronavirus auch in Südafrika wieder präsent.

Saskia Feige: "Brauche zum Glück nur ein paar schnelle Schuhe und eine asphaltierte Strecke"

Was erwarten Sie für eine Situation, wenn Sie am Mittwoch in Potsdam ankommen?

Als Geherin brauche ich zum Glück nur ein paar schnelle Schuhe und eine asphaltierte Strecke. Mein Training werde ich also fortsetzen und das macht mir gerade Mut.

Wie sehr beschäftigt Sie das Thema Corona in Südafrika?

Natürlich erreichen uns auch in Südafrika jeden Tag neue Informationen, was die Situation in Deutschland angeht. Leider wurden aufgrund von COVID-19 schon viele wichtige Wettkämpfe abgesagt. Außerdem ist mittlerweile das Internat der Sportschule Potsdam, in dem ich momentan wohne, geschlossen. Daher werde ich mir erst einmal ein Bild von der Lage machen, wenn ich am Mittwoch zu Hause ankomme.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leistungsstand?

Das Trainingslager verlief für mich wie geplant und ich bin sehr zufrieden mit meinem Training. Die Norm für die Olympischen Spiele bin ich bei den Deutschen Meisterschaften in Naumburg 2019 (PB 1:30:40) gegangen und mit dem 11. Platz bei der WM in Doha habe ich die Qualifikationskriterien für Tokio erst einmal erfüllt. Für mich bedeutet das, dass ich mit einer gewissen Sicherheit in die Saison starten kann.