22. März 2020 / 10:06 Uhr

Olympia-Hoffnung Tom Gröschel flieht aus Trainingslager in Kenia

Olympia-Hoffnung Tom Gröschel flieht aus Trainingslager in Kenia

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Tom Gröschel trainierte in Iten so gut wie nie.
Tom Gröschel trainierte in Iten so gut wie nie. © uyberlin
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Der deutsche Marathon-Meister befindet sich in der Form seines Lebens – und doch sieht der Mecklenburger wegen der Corona-Pandemie aktuell keinen Sinn, die Laufschuhe zu schnüren.

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Das Risiko, die Corona-Pandemie in Kenia aussitzen zu müssen, wollte Tom Gröschel nicht eingehen. Deshalb brach der deutsche Marathon-Meister sein Trainingslager ab und flüchtete in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Ostafrika. Dienstagmorgen flogen er und weitere Läufer zunächst in die kenianische Hauptstadt Nairobi und warteten dort auf ihren Weiterflug nach Frankfurt/Main.

„Wir haben eineinhalb Stunden geschwitzt wie die Wilden“, berichtet Gröschel. Tagelang habe er versucht, überhaupt ein Flugzeug nach Deutschland zu erwischen. Durch Kontakte erhielten die Sportler Einblicke in den Buchungsstatus der Flugverbindungen. „Irgendwann kam die Mail, ich bin auf der Warteliste, wenig später die mit dem Ticket. Da sind wir uns vor Erleichterung in die Arme gefallen“, erzählt der 28-Jährige.

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Nachrichten aus Deutschland sorgten für ungutes Gefühl

Mittlerweile ist Gröschel zurück bei seiner Familie in der Nähe von Güs­trow. Den Umweg über seinen Wohnort Bochum mied der Athlet aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr bewusst.

Ursprünglich sollte Gröschel erst in einer Woche bei seinen Eltern und seinem Bruder aufkreuzen. Der Langstreckenspezialist hatte geplant, sich bis zum 25. März in Iten in Kenia auf den Berliner Halbmarathon und die deutsche Marathonmeisterschaft in Hannover vorzubereiten, bei der er die Olympia-Qualifikation anvisierte. Doch die Nachrichten aus Deutschland verbreiteten ein zunehmend ungutes Gefühl im Trainingscamp.

„Wir haben die Liveticker der deutschen Medien verfolgt. Zudem wurde ein Laufevent nach dem anderen abgesagt. Die Stimmung wurde echt beschissen. Es war so surreal: Wir haben in der Sonne gesessen und unsere täglichen Einheiten abgespult. Für uns selbst hatte sich ja nichts geändert, wir konnten die Hysterie einfach nicht nachempfinden“, berichtet Gröschel. Wie auf einer Insel hätte er sich mit seinen Laufkollegen in der Hotelanlage im Westen Kenias gefühlt. Nur ab und zu fragten einheimische Kinder, ob die Sportler Corona hätten und hielten sich einen Pullover vors Gesicht. „Es wurde natürlich auch im kenianischen Fernsehen darüber berichtet. TV-Bilder haben Leute mit Atemschutzmasken in Krankenhäusern gezeigt. Das Land hat Schulen und Universitäten geschlossen. Aber eine flächendeckende Ausbreitung des Coronavirus hat es noch nicht gegeben. Doch wenn es dort ausbricht, dann aber zu hundert Prozent. Darauf wollte ich es nicht ankommen lassen“, schildert Gröschel.

Diese Unsicherheit und der Fakt, dass beinahe alle Sportler ihre Trainingslager auf der ganzen Welt bereits abgebrochen hatten, bewog einen Großteil der Leichtathleten in Iten, im Trainingslader dort war auch Hindernis-Europameisterin Gesa Felicitas Krause, zur frühzeitigen Heimkehr. „Ein paar sind noch da, aber den Mumm hatte ich nicht“, gesteht Gröschel.

Der Abbruch des Trainingslagers und die Folgen der Corona-Pandemie kommen für Gröschel zur Unzeit. Der Läufer des TC Fiko Rostock befindet sich ein Dreivierteljahr nach seiner Fuß-OP in Topform. „Ich bin so gut drauf wie nie. Qualitativ und quantitativ konnte ich besser trainieren als je zuvor. Das hat mich selbst überrascht“, bestätigt Gröschel. Umso härter treffen ihn die Absagen der Laufevents. Der Berliner Halbmarathon, Deutschlands größte Laufveranstaltung, sollte Anfang April stattfinden. Der Hannover-Marathon, bei dem Gröschel Ende April nicht nur seinen Meistertitel verteidigen sondern auch das Olympia-Ticket buchen wollte, ist zwar noch nicht abgesagt worden. Der zweimalige deutsche Marathonmeister rechnet aber nicht mit einem Startschuss. Eine mittelschwere Katastrophe für den Fall, dass die Olympischen Spiele in Tokio tatsächlich wie geplant stattfinden sollten. „Ich habe nur eine Chance für die Qualifikation, und die kann nicht erst zwei Wochen vor Olympia stattfinden. Uns läuft die Zeit davon“, befürchtet Gröschel. Allerdings sind seine Hoffnungen auf eine planmäßige Austragung der Spiele gering.

„Die ganze Qualifikation ist mittlerweile nicht mehr fair. Denn alle sind in ihrer Vorbereitung so krass beschnitten. Du kommst offiziell in keine Sportstätte mehr rein. Auch unser Stützpunkt in Bochum ist geschlossen.“ Deshalb ist die deutsche Tokio-Hoffnung aus MV für eine Verschiebung, ohne die bisherigen sportlichen Leistungen zur Qualifikation außer acht zu lassen.

„Dann könnte ich jetzt Insolvenz anmelden“

Die drohende Absage seiner geplanten Starts ist für Gröschel auch aus finanzieller Sicht fatal. „Damit hätte ich meine Trainingslager finanzieren können. Ich bin auch ein kleines Wirtschaftsunternehmen. Und hätte ich nicht den Job als Polizist, könnte ich jetzt Insolvenz anmelden“, sagt der Beamte.

Daher will Gröschel den Fokus voll auf seinen Hauptberuf richten, sobald eine offizielle Absage des Megaevents in Tokio erfolgt. „Die Polizei braucht jetzt jeden Mann. Im Einsatz hätte ich wenigstens eine Aufgabe“, betont der Langstreckler und stellt mit Blick auf eine mögliche Olympia-Verschiebung ernüchtert fest: „Laufen bringt für mich aktuell keinen Ertrag. Ich wüsste nicht, wofür ich gerade die Laufschuhe schnüren sollte. Es ist extrem hart, dass ich das sagen muss, jetzt wo ich so super in Form bin.“

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