20. April 2020 / 17:53 Uhr

Kanu-Olympia-Kader trainiert nach Plan B für mögliche Weltmeisterschaft

Kanu-Olympia-Kader trainiert nach Plan B für mögliche Weltmeisterschaft

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel trainiert mit seinem Einer-Canadier auf dem Templiner See.
Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel trainiert mit seinem Einer-Canadier auf dem Templiner See. © dpa
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Kanurennsport: Vor knapp einem Monat wurden die Olympischen Sommerspiele in Tokio um ein Jahr verschoben. Nun haben sich die Potsdamer Kanu-Asse neue und alte Ziele gesetzt.

"Seid ihr alle gesund?“, lautete am Montagmorgen die erste Frage von Ralph Welke an seine Schützlinge. Der Canadier-Bundestrainer hat gemeinsam mit seinen Trainer-Kollegen Arndt Hanisch und Jirka Letzin insgesamt 14 Olympia-Kader am Bundesstützpunkt im Potsdamer Luftschiffhafen unter seinen Fittichen, für die mit Wochenbeginn wieder ein verstärktes Training begann. Olympia-Verschiebung um ein Jahr hin oder her – keiner will das Paddel aus der Hand legen und steuert erst einmal das Nahziel einer möglichen Weltmeisterschaft Ende September im ungarischen Szeged an.

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„Doch so weit ist es noch lange nicht“, stellt Hanisch klar. Der Leitende Bundestrainer für den Kanurennsport aus Potsdam sagt: „In den letzten Wochen haben sich die Ereignisse ja überschlagen. Ich war mehr der leidende als der leitende Bundestrainer. Natürlich hatten alle mit einer Verschiebung von Olympia gerechnet, aber als es dann amtlich war, war die Enttäuschung bei allen doch da. Ich schließe mich da nicht aus. Schließlich hatten wir uns vier Jahre darauf vorbereitet. Die Athleten waren super in Form. Zum jetzigen Zeitpunkt hätten wir schon unsere zwei Qualifikationsregatten in Duisburg hinter uns, die Olympia-Mannschaft wäre im Prinzip fix gewesen“, erläutert Hanisch. „Deshalb konnten wir das Training auch nicht sofort abbrechen, das wäre ja Körperverletzung gewesen. Wir haben es moderat runtergefahren und wollten allen bis Ostern Zeit geben, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Da ging und geht es für viele auch um die berufliche Zukunft. Auch private Dinge, wie der Kinderwunsch bei den Frauen, galt es zu überlegen. Das war alles super anstrengend – auch für die Trainer. Auch ich habe mir manchmal zum Feierabend die Frage gestellt: ,Wofür machst du das alles eigentlich?’ Aber am nächsten Morgen bin ich dann wieder an den Stützpunkt gefahren und habe den Animateur gegeben, versucht, positiv zu denken, um die Athleten zu motivieren.“

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Brandenburgs Sportler des Jahres seit 1998. ©

Waren es in Spitzenzeiten 22 bis 23 Einheiten pro Woche, so wurde das Pensum auf sechs bis acht runtergefahren, nun sollen es wieder 15 bis 16 sein. Hanisch, der in Potsdam Ronald Rauhe, Timo Haseleu, Max Lemke, Jacob Schopf, Tamas Gescö, Felix Frank und Martin Hiller betreut, hat mit den Trainer-Kollegen eine Art Plan B für die Saison 2020 erarbeitet. „Die Athleten brauchen ja wieder ein Ziel, auf das sie hinarbeiten können.“ Der Kanu-Weltverband ICF hat die Weltmeisterschaften der nicht-olympischen Disziplinen von Juli auf Ende September verlegt. Dort sollten auch die olympischen Disziplinen eine WM bekommen. Aber die nordamerikanischen Nationen USA und Kanada haben bereits interveniert, jetzt könnte es bestenfalls einen Weltcup geben, aber immerhin etwas, woran sich die Athleten als letzten Strohhalm klammern können.

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Dass sich die Vorhaben des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) ab Juli wieder umsetzen lassen, geschieht ebenso unter Vorbehalt. Laut Hanisch sind nun für Juli zwei Quali-Wettkämpfe in Duisburg geplant. Die Kanuten haben vom 11. bis 22. Mai sogar als erster Verband im deutschen Spitzensport wieder einen Lehrgang im Olympischen und Paralympischen Trainingszentrum in Kienbaum (Oder-Spree) beantragt mit den entsprechenden Abstandsregelungen und Kontaktbeschränkungen. „Wir hätten genügend Krafträume und auch Einzelzimmer für die Sportler. Auf dem Wasser sitzt sowieso jeder im Einer“, so Hanisch, das gelte auch für das Training in Potsdam. „Jetzt heißt es einfach: Nase abputzen und weitermachen.“ Selbst der Fahrplan bis Tokio 2021 steht schon. „Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass wir nun noch mal eine Olympia-Saison vorbereiten, wo ja jeder noch eine Schippe drauflegt. Das hatten wir noch nie, bisher ging es ja immer im Vier-Jahres-Rhythmus“, sagt der 50-Jährige.

Dreifach-Olympiasieger Sebastian Brendel meint: „Ich glaube nicht so recht an eine WM im September, bin da eher skeptisch. Aber ich trainiere weiter mit dem Ziel Olympia 2021. Darauf bin ich fokussiert und auch bereit, noch mal alles zu geben.“ Ob die Kanuten aber wie im Vorjahr im November wieder nach Florida/USA ins Trainingslager reisen können, steht ebenso in den Sternen.

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