26. Mai 2021 / 20:24 Uhr

Brandenburger Olympia-Serie: Einblicke in den Kanu-Rennsport

Brandenburger Olympia-Serie: Einblicke in den Kanu-Rennsport

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Der dreifache Canadier-Olympiasieger Sebastian Brendel aus Potsdam (v.) mit seinem Berliner Zweier-Partner Tim Hecker.
Der dreifache Canadier-Olympiasieger Sebastian Brendel aus Potsdam (v.) mit seinem Berliner Zweier-Partner Tim Hecker. © imago images/GEPA pictures
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Wie wird geradeaus gefahren, wie beim Start getrickst, welcher Mythos wurde widerlegt, warum ist eine Weltbestzeit falsch und weshalb wird mit Tennisball gefahren? Der SPORTBUZZER Brandenburg erklärt in seiner Olympia-Serie mit märkischen Spitzenpaddlern deren Sport.

1 - Sitzen oder knien

Kanu-Rennsport ist der Oberbegriff für zwei Disziplinen. Beim Kajak sitzen die Aktiven im Boot, sorgen mit ihrem doppelseitigen Paddel sowohl links als auch rechts für Vortrieb. Nur auf einer Seite wird das Stechpaddel im Canadier durch das Wasser gezogen. In diesem Boot, das mit rund 35 Zentimetern Breite noch schmaler als das Kajak ist, wird in Ausfallschrittstellung gekniet. Kajak wird mit K abgekürzt, Canadier mit C. Für die Bezeichnung der Bootsklassen kommt die Personenanzahl hinzu – K2 für Kajak-Zweier.

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2 - Untergewicht verboten

Ein Canadier-Einer hat laut Regeln mindestens 14 Kilogramm zu wiegen, im Kajak sind es zwölf, der K4 muss wenigstens 30 Kilo haben. Der dreifache Canadier-Olympiasieger Sebastian Brendel aus Potsdam wurde mal bei einem Weltcup 2017 disqualifiziert, weil sein Vehikel 20 Gramm zu wenig wog. „Wir trimmen unsere Boote mit kleinen Zusatzgewichten an unterschiedlichen Stellen, um sie optimal laufen zu lassen. An dem Tag hat leider etwas bei mir nicht gepasst”, sagt er und vermutet: „Durch lange Sonneneinstrahlung kann Feuchtigkeit aus dem Material verdunsten und so Gewicht verloren gehen.“

3 - Härtetest

Kanuten sind Kraftpakete. Brendel lässt beim Start rund 80 Kilogramm auf sein Stechpaddel einwirken, bei Potsdams Kajak-Weltmeister Jacob Schopf sind es 70. Beide erlebten schon Paddelbrüche, bei Brendel gar im WM-Vorlauf 2011. „Das war unglücklich, aber passiert leider”, sagt er. Der 33-Jährige nutzt routinemäßig immer drei Einer-Paddel abwechselnd, um die Beanspruchung zu verteilen. Das Set tauscht er jährlich. Schopf handhabt es ähnlich: „Unsere Paddel hüten wir achtsam wie Kinder“, sagt er.

Die junge deutsche Kajak-Hoffnung Jacob Schopf.
Die junge deutsche Kajak-Hoffnung Jacob Schopf. © imago images/GEPA pictures

4 - Weltbestzeiten

Deutschland hält aktuell lediglich fünf von 36 dieser Top-Marken. Im Männer-Kajak-Vierer über 500 Meter sind die Potsdamer Ronald Rauhe und Max Lemke daran beteiligt. Aus Brandenburg ist außerdem 2012-Olympiasieger Kurt Kuschela im Canadier-Einer über 5000 Meter vertreten. Seine Weltbestzeit dürfte aufgrund eines Fehlers schwer zu toppen sein. Bei einem Weltcup 2010 war aus Versehen eine 500-Meter-Runde zu wenig gefahren worden. Weil das jedoch erst auffiel, nachdem das offizielle Protokoll ausgegeben worden war, ist die Leistung laut Regularien in Stein gemeißelt.

5 - Kajak-Technik

Nicht die Armkraft sei entscheidend, sagt Rauhe. „Die Kraft beim Paddeln wird hauptsächlich aus der Rückenmuskulatur geholt, die Rumpfdrehung ist der Schlüssel”, erklärt er. Zudem werde Power aus den Beinen erzeugt, indem gegen das Stemmbrett gedrückt wird, ergänzt Schopf. Auf Kurs gehalten wird das Boot von der vordersten Position aus mit einem Pinnensteuer. „Das ist wie ein Kochlöffel, nur aus Carbon. Den bewegt man zwischen den Fußspitzen leicht nach links und rechts. Ein Drahtseil überträgt das nach hinten zum Heckruder”, erklärt Rauhe, der als Vierer-Mitglied die höchsten Renngeschwindigkeiten erreicht – rund 27 Stundenkilometer.

6 - Canadier-Technik

Canadier-Fahrer, die ihr Knie des hinteren Beins in einer eigens modellierten Schaumstoffschale ablegen und den Fuß zur Kraftübertragung aufs Boot gegen ein Stemmbrett drücken, haben kein Steuerruder und paddeln einseitig. Aber wie schaffen sie es geradeaus statt im Kreis zu fahren? Hierfür wird das Paddel am Ende des Zuges nach außen weggedreht – bei Linksfahrern wie Brendel sieht das von oben betrachtet aus wie ein J, daher heißt es J-Schlag. „Die Kunst ist es, das so feinfühlig wie möglich zu machen, damit der Vortrieb nicht gehemmt wird”, sagt Brendel. Für stärkere Kurskorrekturen bei Seitenwind und Wellen werde auch komplett bogenförmig gezogen. „Das raubt Tempo.” Im C1 können somit Links- oder Rechtsschläger je nach Windsituation benachteiligt sein, weil sie mehr steuern müssen als die Konkurrenten, die stattdessen auf Kurs gepustet werden.


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Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  Zur Galerie
Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  ©

7 - Gleichberechtigung

In Tokio gibt es erstmalig gleich viele Wettbewerbe für Männer und Frauen – vor allem weil die Canadier-Damen ins Olympia-Programm aufgenommen wurden. Lange war Kanutinnen diese Disziplin verboten, weil Funktionäre meinten, die einseitig kniende Haltung könnte zur Unfruchtbarkeit und Hemmung der weiblichen Entwicklung führen. Ein Mythos, der widerlegt wurde

8 - Startschuh

Für den Start wird das Boot mit seiner Spitze in eine Vorrichtung gefahren, den Startschuh, der zu Rennbeginn automatisch abtaucht. Wer den ersten Paddelschlag zu früh setzt, droht hängen zu bleiben. Mit perfektem Timing könne die Anlage jedoch beim Abtauchen zusätzlich weggeschoben werden oder das Boot „drüber weg schnippen”, wodurch man sich einen Vorteil verschaffe, so Schopf. Für dieses Pokerspiel müsse man die Eigenheiten der unterschiedlichen Hersteller kennen, sagt Rauhe: „Bei härteren Modellen ist die Gefahr größer, dass man zurück gefedert wird. In Tokio wird es aber ein weicheres sein – das werden wir attackieren.”

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9 - Panthersprung

Um im Ziel noch die eine oder andere Tausendstelsekunde herauszuholen, wird sowohl beim Kajak als auch Canadier der Panthersprung gemacht. „Mit dem letzten Paddelschlag und einer impulsiven Hüftbewegung soll dabei das Boot nach vorne geschoben werden”, erzählt Rauhe. Das funktioniere im Einer am besten, auch im Zweier könne es noch effektiv sein, im Vierer lasse es sich nicht mehr umsetzen.

Sebastian Brendel mit dem Tennisball am Boot.
Sebastian Brendel mit dem Tennisball am Boot. ©

10 - Tennisball-Bremse

Im Training wird zuweilen ein Tennisball nach unten hängend an einem Gummiband um das Boot gebunden. Dadurch erhöht sich der Widerstand, eine Bremswirkung. „Das ist spezifisches Krafttraining auf dem Wasser, für jeden Paddelschlag muss richtig geackert werden”, erklärt Brendel.