21. Juli 2021 / 10:37 Uhr

Tüfteln für Gold: Wie das FES den Grundstein für deutsche Olympia-Medaillen legt

Tüfteln für Gold: Wie das FES den Grundstein für deutsche Olympia-Medaillen legt

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Die Bahnradfahrer Roger Kluge und Theo Reinhard setzen bei ihren Rädern auf das FES.
Die Bahnradfahrer Roger Kluge und Theo Reinhard setzen bei ihren Rädern auf das FES. © IMAGO/Felix Jason
Anzeige

Die Ehrentafel der Olympiasieger und Weltmeister im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, kurz FES, ist riesig. Mit auf den Sportler zugeschnittenen Rennmaschinen legt die Technikschmiede seit 58 Jahren den Grundstein für Medaillenerfolge.

Hoher Zaun, verspiegelte Fenster mit Panzerglas und überall Überwachungskameras. Im Berliner Osten, da wo einst eines der bedeutendsten städtischen Fabrikquartiere war, ist die Technikschmiede des deutschen Sports zu Hause. Gesichert wie ein Staatsschatz. Und das muss so sein. Denn das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, kurz FES, ist weltweit einzigartig.

Anzeige

"Gold holen immer noch die Sportler, aber wir helfen dabei, ihnen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen", erklärt Direktor Michael Nitsch. Der Rest der Sportwelt schaut deshalb besonders interessiert nach Berlin. Nicht nur. "Über unsere Firewall registrieren wir regelmäßig Zugriffsversuche", sagt Nitsch. Denn das FES ist ein Erfolgsmodell. Allein die Ehrentafel der Olympiasieger und Weltmeister ist mehr als fünf Meter breit. Die Visitenkarte hängt normalerweise im Eingangsbereich. Doch der ist aktuell eine Baustelle. "Die Tafel auch. Wir müssen da noch einige Erfolge nachtragen", erzählt Nitsch.

Seit 58 Jahren versorgen die Tüftler den deutschen Sport mit Material. Die ersten Rennkajaks aus Kunststoff wurden in Oberschöneweide gebaut, der erste deutsche Klappschlittschuh, der bei Olympia zum Einsatz kam. Bei den Winterspielen 2018 gingen zwei Gold- und eine Silbermedaille an die FES-Bobs. Auf mehr als 600 olympischen und WM-Titeln prangt das Gütesiegel. Und in Tokio sollen weitere hinzukommen. Beim Bahnradsport sitzt FES ganz fest im Sattel. Neben 60 Laufrädern wurden 30 Rahmensets für Roger Kluge und Co. gefertigt. Nichts von der Stange. "Es wird in ganz, ganz extremer Weise an den Sportler angepasst", erklärt Nitsch. Alles Unikate aus mehr als 400 Kohlefaserteilen. "Die derzeit größten Reserven liegen in der Position des Fahrers", erklärt Nitsch, "und das lösen wir über die Gestaltung des Vorbaus und Lenkers." Alles individuell, alles als Aluminiumlegierung in 3-D-Technik gedruckt und mehrfach im Windkanal und am Computer getestet.

Das FES wirkt wie eine Behörde

Dass beim Start von Teamsprinter Timo Bichler von mehr als 2000 Watt auf der Pedale möglichst viel in der Geschwindigkeit landet, dabei helfen auch Max Levy und Dominic Weinstein – als in Originalgröße nachgebaute Puppen. B20-4 – das ist dann das Endprodukt für die Sprinter. 6,8 Kilogramm leicht und bis zu 20 000 Euro wert. Zum FES-Service gehört auch das Perfomance-Paket, die Beratung für Ketten, Blätter und Bekleidung. "Wir sehen Mensch und Material als System, als Gesamtpaket", sagt Nitsch.

Hauptsächlich durch die öffentliche Hand finanziert (2020 mit 7,28 Millionen Euro), wirkt das FES mit seinen 80 Mitarbeitern wie eine Behörde. Doch eine, in der ein innovativer Start-Up-Geist weht. Davon profitieren auch die Kanuten, vor allem die in den Mannschaftsbooten K2 und K4. "Im Canadierbereich werden wir künftig auch aktiver", sagt Nitsch, der in Tokio neun pinkfarbene Boote im Einsatz weiß. Diesmal besonders im Fokus: eine überarbeitete, steuerbare Flosse. Flacher im Winkel, soll an ihr das Seegras besser abgleiten. "Und genau da hatten wir im Vorfeld unser Problem, weil das Reglement kurzfristig geändert wurde". Wollte die internationale Kanulobby die erfolgreichen Deutschen einbremsen? "Keine Ahnung", sagt Nitsch, "Fakt ist, wir mussten an dieses ganz sensible System noch einmal ran."

In Tokio sind die Meister des Sporttunings auch im Triathlon am Start. "Wir nutzen da das Know-how vom Bahnradsport. Da haben wir Einsparungen von mehr als 10 Prozent. Das sind Quantensprünge", sagt Nitsch. Die Tüftler helfen auch mit Messtechnik, beantworten Fragen wie: Wo ist der Athlet lang geschwommen, in welchem Stil? Es ist das dritte Standbein der Ideenschmiede. Auch im Rudern ist FES-Messtechnik im Einsatz. "Wir haben damit alle Stützpunkte ausgerüstet. Das ist weltweit einmalig." Nur: Bei Olympia ist es nicht sichtbar, weil nicht erlaubt. So wurden im Vorfeld zahlreiche Parameter erfasst, von der eingebrachten Kraft des einzelnen Sportlers bis zum Winkel des Eintauchens der Blätter. Nitsch ist bewusst: "Das hat Einfluss auf die Besetzung der Boote. Wenn das System sagt, du fährst zu Olympia und du nicht, muss alles stimmen." Auch im Segeln sitzt FES mit an Bord, hilft bei der Optimierung der Boote. Für Laser-Weltmeister Philipp Buhl werden so Pinnen extra gefertigt, bei den foilenden Nacra-Katamaranen misst FES-Technik Flughöhen und Dauer für den besseren Trimm.


Dass seine Mitarbeiter jetzt in Tokio mit den Sportlern mitfiebern, sie am Arbeitsplatz die Wettkämpfe verfolgen, versteht sich von selbst. Doch ihr ganz besonderes Auge gilt dabei nicht dem Menschen.