21. Juli 2020 / 07:27 Uhr

Keine Spur von Olympiafieber: Japaner haben Sorge wegen steigender Corona-Zahlen 

Keine Spur von Olympiafieber: Japaner haben Sorge wegen steigender Corona-Zahlen 

Felix Lill
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Vorfreude auf die Spiele in Tokio hält sich in Grenzen  auch wegen steigender Corona-Zahlen.
Die Vorfreude auf die Spiele in Tokio hält sich in Grenzen  auch wegen steigender Corona-Zahlen. © imago images/Xinhua/Montage
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Eigentlich sollten am Freitag die Olympischen Spiele in Tokio beginnen. Doch aufgrund der Corona-Krise kann das sportliche Großereignis nicht stattfinden. Die Japaner selbst haben mittlerweile die Lust auf die verschobenen Wettkämpfe verloren – auch wegen steigender Infektionszahlen. Die Organisatoren versuchen jedoch, positive Botschaften auszustrahlen.

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Eigentlich sollte die riesige Countdown-Uhr zwischen dem Kaiserpalast und dem größten Fernbahnhof jetzt eine einstellige Zahl anzeigen. Auf dem großen Platz, auf dem sie über Monate und Jahre zuverlässig die Sekunden heruntergezählt hat, stünden nun uniformierte Helfer bereit. In ganz Tokio, der größten Metropolregion der Welt, würde das Olympiafieber grassieren. Denn in Japans Hauptstadt wäre an diesem Freitag im eigens dafür umgebauten Olympiastadion nach 1964 zum zweiten Mal die größte Sportveranstaltung der Welt eröffnet worden.

Die Realität sieht jetzt anders aus. Spätestens seit die Spiele am 24. März nach großem internationalen Druck seitens Athleten und Öffentlichkeit um ein Jahr verschoben wurden, hat sich auch in Japan ein deutliches Krisenbewusstsein ausgebreitet. Die anfängliche Unterschätzung der Pandemie durch die Regierung ist größerer Vorsicht gewichen. Vom Olympiafieber, das auch der Politik gut gefiel und dessen Temperatur sie bis zum Entschluss zur Verschiebung so hoch wie möglich halten wollte, ist derzeit nichts zu spüren.

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Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt an – auch die Sorge wächst

Sorgen macht man sich über die nächste Welle von Covid-19. Am vergangenen Samstag wurden mehr als 660 Neuinfektionen gemeldet, ein Höchstwert seit drei Monaten, als angesichts der damals vielen Ansteckungen der nationale Ausnahmezustand über das Land verhängt war. Knapp die Hälfte der bisher rund 25 000 Infektionsfälle kommt aus Tokio, wo nun eigentlich die internationalste Party des Weltsports steigen sollte.

Stattdessen hat die Regierung dieser Tage ihre Hauptstadt von einer Liste genommen, mit der sie japanische Orte inmitten der Pandemie durch inlandstouristische Aktionen unterstützen will. Denn das Reisen aus und nach Tokio, dem größten Infektionsherd des Landes, scheint derzeit zu gefährlich zu sein. Ausländer aus den meisten Ländern der Welt dürfen schon seit Monaten nicht mehr nach Japan reisen.

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Die Pandemie hat im Land an mehreren Stellen zu einer Ungleichbehandlung geführt, die durch die Olympischen Spiele eigentlich überwunden werden sollte. Mit Olympia wollte sich das bisher eher verschlossene Japan als weltoffenes Land präsentieren, der Slogan "Unity in diversity" (Einheit in Vielfalt) sollte symbolisieren, dass in dem ostasiatischen Land alle Farben der Welt willkommen sind. Von dieser Idee eines weltoffenen Japans ist aber nicht mehr viel zu spüren, seit die olympischen Slogans den Parolen der Krisenbekämpfung gewichen sind.

Trotz Verlegung: Wettkampfplan soll grundsätzlich unverändert bleiben

Trotzdem: Die Olympiaorganisatoren beteuern, dass in einem Jahr, wenn dann am 23. Juli 2021 die offiziell weiterhin als "Tokyo 2020" bezeichneten Spiele starten sollen, alles wieder gut aussehen werde. So betonte Yoshiro Mori, ehemaliger japanischer Premierminister und heute Präsident des Organisationskomitees, dass der Wettkampfplan mitsamt den Wettkampfstätten grundsätzlich unverändert bleiben werde – eben nur um ein Jahr verschoben.

Dies ist nicht selbstverständlich, da durch die Verschiebung Zusatzkosten in Milliardenhöhe entstehen. Wer die tragen soll, ist allerdings offen. Es ist auch diese Frage, die in der öffentlichen Diskussion an die Stelle der einstigen Vorfreude getreten ist. Zwar sehen olympische Ausrichterverträge vor, dass die Gastgeberstadt alle jenseits des Budgetplans anfallenden Kosten verantwortet. Doch eine pandemiebedingte Verschiebung ist eine völlig neue Situation, die für viel Unklarheit sorgt. So ist auch noch strittig, wie die Käufer der Wohnungen, die nach dem Sportevent im olympischen Dorf entstehen sollen, entschädigt werden. Diese können nun erst ein Jahr später bezogen werden.

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Organisatoren betonen: Olympia ohne Zuschauer ist keine Option

Angesichts der vielen unangenehmen Fragen bemühen sich die Organisatoren um gute Botschaften. So wurde schon vor einer Woche gern bestätigt, was eigentlich selbstverständlich ist: Wer bereits Tickets für 2020 gekauft hat und diese im Sommer 2021 nicht nutzen kann, soll sein Geld erstattet bekommen. Eine weitere vermeintlich gute Nachricht wiederholte Cheforganisator Yoshiro Mori vergangenen Freitag: "Wir werden diese Spiele völlig anders machen als in der Vergangenheit, sie werden sicher und vereinfacht sein." Es sollen Kosten gespart und Zuschauerzahlen reduziert werden.

Weiterhin wird betont, dass ein Olympia völlig ohne Zuschauer keine Option sei. Einen Plan B zum jetzigen Vorhaben gebe es auch grundsätzlich nicht, hat es wiederholt geheißen. Dabei ist offensichtlich, dass solche Aussagen nicht in Stein gemeißelt sind. Bis zum Entschluss zur Olympiaverschiebung hatten Organisatoren und Regierung immerzu behauptet, die Spiele würden "wie geplant" stattfinden.