01. August 2021 / 22:30 Uhr

Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel vor Start in Tokio: "Wie in Rio in Flow kommen"

Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel vor Start in Tokio: "Wie in Rio in Flow kommen"

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Fokus von Sebastian Brendel (vorn) liegt auf dem Zweier mit Tim Hecker aus Berlin. 
Der Fokus von Sebastian Brendel (vorn) liegt auf dem Zweier mit Tim Hecker aus Berlin.  © IMAGO/GEPA pictures
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Dreimal Gold hat der Potsdamer Ausnahmepaddler Sebastian Brendel schon gewonnen. Auch in Tokio möchte er wieder erfolgreich sein. Im Interview spricht er über Antrieb, Druck und seinen "penetranten" neuen Trainer.

Die deutschen Slalom-Kanuten haben bereits bei Olympia in Tokio geglänzt. Ab Montag paddeln dann auch die Rennsportler auf ihren Bahnen um Medaillen. Nach seinem Einer-Sieg 2012 und den Goldfahrten im Einer und Zweier 2016 greift Canadierspezialist Sebastian Brendel vom KC Potsdam im OSC wieder doppelt an.

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SPORTBUZZER: Wer ist besser: Ein Sebastian Brendel, der 2020 bei Olympia gestartet wäre, oder der, der nun mit einem Jahr Verzögerung antritt?

Sebastian Brendel: Das eine zusätzliche Jahr hat mir gut getan. Ich habe die Phase genutzt, um meinem Körper Erholung zu geben, habe viel Zeit mit der Familie genossen. Danach habe ich gespürt, dass ich wieder voller Energie bin, und konnte seitdem alles so umsetzen wie gewünscht.

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2019 war für Sie kein optimales Jahr. Ihre Einer-Dominanz über die olympischen 1000 Meter brach international, sie blieben ohne WM-Medaille. Und deutschland-intern rüttelte der Berliner Conrad Scheibner an Ihrem Thron. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Dass man irgendwann auch mal bezwungen wird, gehört zum Sport dazu. Diese Erfahrung hat mich noch demütiger gemacht als ohnehin schon. Aber es war eben eine Erfahrung, die ich lieber damals gemacht habe, statt dann in einem Olympiajahr. Ich weiß, dass all die Konkurrenz, die ich hinter mir gelassen hatte, das Ziel verfolgt, mich von da vorne wegzukicken. Gerade die interne Konkurrenz durch Conrad hat mich motiviert. Ich bin jetzt umso hungriger auf Erfolg, möchte weiter vorne in den Medaillenrängen sein.

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Ihr langjähriger Erfolgstrainer Ralph Welke wurde voriges Jahr Bundesstützpunktleiter in Potsdam. Seit Herbst werden Sie daher vom dreifachen Canadier-Olympiasieger Andreas Dittmer betreut. Was hat sich damit geändert?

Andreas und ich haben dieselbe Philosophie: Dass man mit viel Training viel erreichen kann. Hohe Umfänge im Grundlagenbereich, hohe Intensitäten auf dem Wasser oder an Land kosten Kraft und Nerven. Aber das ist der Weg, den ich seit Jahren gehe und den er früher gegangen ist – daher setze ich viel fort. Trotzdem gibt es auch neue Impulse, vor allem im technischen Bereich.

Inwiefern?

Andreas war in seiner aktiven Zeit als sehr sauberer Techniker bekannt und legt da jetzt auch bei mir einen Fokus drauf. Es gibt einige Dinge, auf die er mich penetrant hinweist, damit ich es besser mache. Zum Beispiel den Bootslauf, die Schlaglänge, Paddelstellung. Es sind Kleinigkeiten, die aber am Ende den Unterschied ausmachen können.

Dittmer war ein Ausnahmeathlet, der dann aber nach seinem medaillenlosen Olympia-Abschluss 2008 abgelöst wurde – von Ihnen. Inwieweit kann er als Trainer Ihnen in puncto Erwartungsdruck helfen?

Ich bin über viele Jahren mit der Favoritenrolle vertraut gewesen und auch immer gut damit klar gekommen, hatte keine mentalen Probleme oder so. Daran hat sich weiterhin nichts geändert. Andreas versucht, das Training so zu gestalten, dass wir viel Spaß haben, die nötige Lockerheit haben, was sehr viel Wert ist. Er arbeitet auch sehr gefühlsorientiert und passt das Training individuell an, wenn er merkt, dass gerade die Erschöpfung zu groß ist.

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Die Sommerspiele von Rio waren Ihre größte Sternstunde bisher. Zweimal Gold, dazu die Ehre als deutscher Fahnenträger bei der Abschlussveranstaltung: Wie haben diese Ereignisse Ihre weitere Karriere beeinflusst?

Es war tatsächlich eine Wahnsinnswoche, einfach grandios. Das sind tolle Erinnerungen, die mich auch weiter antreiben. Ich möchte das ähnlich noch mal erleben. Nach Rio hat sich auf jeden Fall die Aufmerksamkeit gesteigert, ich konnte einige Sponsoren hinzugewinnen. Als Kanute hatte ich eine ganz gute Sichtbarkeit bekommen und freue mich, dass ich damit auch meinem Sport helfen konnte, obwohl wir da immer noch weit hinter anderen Sportarten stehen.

In Tokio fahren Sie wie schon 2016 den Einer und den Zweier. Damals lag Ihr Fokus auf dem Solo, das Duett wurde zur Kür. Und jetzt?


Dieses Mal ist es genau umgekehrt. Das liegt aber auch daran, dass im Wettkampfprogramm beide Rennen getauscht wurden. Grundsätzlich bin ich glücklich, mir überhaupt die Chance erarbeitet zu haben, beide Titel verteidigen zu können. Das war schon eine große Erleichterung, als die Qualifikation durch war. Jetzt ist mein Fokus auf dem Zweier. Und dann hoffe ich, mit einem tollen ersten Erfolg wie in Rio in den Flow zu kommen, dass es dann auch im Einer gut klappt. Zwei Medaillen sind mein Ziel. Gold ist sicher ein Traum, aber ich weiß, wie hart es wird.

Im Zweier ist Tim Hecker aus Berlin zu Ihrem neuen Partner geworden. Er ist neun Jahre jünger als Sie. Was macht Ihre Kombination stark?

Uns hat das eine Jahr mehr Zeit geholfen, uns einzufahren. Wir konnten die optimale Abstimmung finden: Erst war ich hinten, er vorne, dann haben wir uns noch mal umgekniet und fühlen uns damit sehr wohl. Tim ist ähnlich wie ich sehr fleißig, den muss ich nicht antreiben oder ihm auf die Finger gucken. Er ist heiß auf Wettkämpfe und hat zugleich eine gute Lockerheit, sodass ich ihn nicht noch vor dem Start gut zureden muss. Außerdem passen wir von den Schlägen super zusammen und Tim beweist dabei ein gutes Gespür, wie er situativ auf das reagieren muss, was ich vorgebe.

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Der Canadier-Einer ist eine besonders wind- und wellenanfällige Disziplin. Mit welchen Sorgen blicken Sie auf die Rennen in der Tokio-Bucht?

2019 war ich bereits dort und habe die Regattastrecke getestet. Da gab es extreme Winde, aber täglich aus anderen Richtungen. Conrad Scheibner, der ja als zweiter Deutscher den C1 fahren wird, und ich sind Linkspaddler und müssten bei Rechtswind im Vergleich zu Rechtspaddlern mehr Steuerschläge machen, um gerade zu fahren. Das kostet Kraft und Tempo. Viele aus der internationalen Konkurrenz sind Rechtsschläger, für die es dann schwieriger ist, wenn der Wind von links kommt. Wir hoffen auf faire Bedingungen, aber letztlich muss man damit klar kommen, wie es dann ist. Allerdings bin ich froh, dass ich den Zweier als weitere Möglichkeit habe, denn da ist der Wind nicht so sehr ein Faktor.

Die Atmosphäre wird dieses Mal eine andere wegen der Corona-Einschränkungen sein. Wie beurteilen Sie, dass die Spiele stattfinden, obwohl sich in der japanischen Bevölkerung viel Widerstand regt?

Die Situation ist natürlich schwierig, aber die Vorkehrungen sind extrem, die Regeln sehr, sehr streng. Es wird ganz sicherlich alles dafür getan, dass Olympia nicht zum Superspreader-Event wird. Wir als Athleten sind super dankbar dafür, dass – auch ohne das wahre olympische Flair – der sportliche Wettstreit stattfinden kann. Und wir werden darauf achten, dass es sichere, gesunde Spiele für alle werden. Gerade wir Sportler stehen doch für Disziplin.

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