28. Juli 2021 / 17:48 Uhr

Nach Final-Albtraum: Ruderikone Kathrin Boron leidet mit Doppelvierer

Nach Final-Albtraum: Ruderikone Kathrin Boron leidet mit Doppelvierer

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Kathrin Boron (kleines Fotos) kann sich aus eigener Erfahrung vorstellen, wie es Daniela Schultze (links) jetzt geht.
Kathrin Boron (kleines Fotos) kann sich aus eigener Erfahrung vorstellen, wie es Daniela Schultze (links) jetzt geht. © imago/dpa
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Als "grausam" bezeichnet die vierfache Goldmedaillengewinnerin das olympische "Krebs"-Drama um Daniela Schultze. Die untröstliche Potsdamerin zeigte sich fassungslos nach ihrem Fahrfehler.

Schon im Boot flossen die Tränen bei Daniela Schultze. Auf dem Anlegesteg kauerte die Ruderin des RC Potsdam dann bitterlich weinend, weil sie das, was kurz zuvor passiert war, einfach nicht begreifen konnte. Weil die Erfüllung des Traums doch eigentlich so nah war, fast schon perfekt. Auf dramatische, brutale Weise platzte allerdings die Olympia-Medaillenhoffnung am Mittwoch in Tokio.

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Ausleger gebrochen, aus Sitz gedrückt

Und Schultze war die tragische Figur im deutschen Frauen-Doppelvierer. Auf Platz zwei liegend unterlief der Bugfrau etwa 250 Meter vor dem Ziel ein fataler Fehler, als sie mit ihrem rechten Skull bei welligen Bedingungen im Wasser hängen blieb – sie fing einen „Krebs“, wie es im Fachjargon heißt. Das Boot bremste dadurch massiv ab. Die Auslegerkonstruktion an der Seite brach und sie sei aus dem Rollsitz gedrückt worden, berichtete Schultze auf MAZ-Nachfrage.

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„Ich habe versucht, meinen Skull wieder aus dem Wasser zu bekommen, habe versucht, ohne Rollsitz weiter zu rudern, aber am Ende hat es nicht gereicht.“ Trotz aller Bemühungen kamen sie, Franziska Kampmann (Waltrop), Carlotta Nwajide (Hannover) und Frieda Hämmerling (Kiel) nur auf den fünften Rang – 1,33 Sekunden fehlten zum Podium. Es gewann China vor Polen und den Australierinnen.

Boron machte ähnliche Erfahrung in Japan

In Deutschland litt eine Ruderikone mit. „Ich könnte immer noch mitweinen. Es war grausam. Mir tun die Mädels und vor allem Dani so sehr leid”, sagte Kathrin Boron, die als Potsdamerin viermal Olympiagold holte. Sie selbst hatte 2005 eine ähnliche Erfahrung gemacht. Auch in Japan. Bei den damaligen Weltmeisterschaften fing sie im Doppelvierer-Finale kurz vor dem Ziel einen „Krebs“, die Führung ging verloren. Aber: „Wir hatten nur Gold abgegeben und zumindest Silber gerettet. Unsere Mädels jetzt stehen bei Olympia mit leeren Händen da – das ist tausendmal schrecklicher.” Die 51-Jährige könne sich gut vorstellen, wie sich Schultze nun fühle. „Ich wäre damals am liebsten gar nicht an Land gekommen, sondern wollte einfach bis nach Hause durchschwimmen.”

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Sie verstehe nicht, wie das geschehen konnte, sagte Schultze über das folgenschwere Missgeschick, bei dem sich auch der Rudergriff in ihrem Trikot verfangen hatte. Sie habe die Bedingungen für machbar gehalten. „Wenn man in so einer Situation ist, macht man sich ewig Vorwürfe”, sagte Kampmann laut Süddeutscher Zeitung. „Es hätte jeder von uns passieren können.” Passiert ist es ausgerechnet Schultze, die als so technisch stark gilt, mit 30 Jahren die Älteste ihrer Crew ist und auch die einzige mit vorheriger Olympiaerfahrung. Noch vor den Spielen hatte sie in der MAZ über den „Krebs“, jenen Ruderei-Albtraum, erzählt. Die Gefahr, mit dem Ruderblatt des Skulls zu verkanten, sei bei unruhigem Wasser und Unkonzentriertheiten größer, erklärte die gebürtige Cottbuserin. „Das ist das Schlimmste, was passieren kann”, sagte ihr Vereinskollege Hans Gruhne, der sich nach dem Olympiasieg 2016 dieses Mal als B-Final-Zweiter mit Gesamtplatz acht im deutschen Männer-Doppelvierer abfinden musste.

Kein Lohn nach viel Einsatz und Kampf

Gruhne und Schultze stehen wohl vor dem Karriereende. Er hat sich mit WM- und Olympiagold zumindest die sportlichen Träume erfüllt. „Für Dani war das jetzt die große Chance – und dann geht das so aus”, sagte Boron. Der Frauen-Doppelvierer galt als eine vielversprechende Edelmetallhoffnung des Deutschen Ruderverbands (DRV). Mit dem Vorlaufsieg waren in Tokio die Ambitionen untermauert worden und auch das Finale verlief zunächst wie gewünscht. Hinter den überragenden Chinesinnen fuhr das DRV-Quartett ein starkes Rennen. Bei der 1500-Meter-Marke, also 500 Meter vor dem Ziel, betrug der Vorsprung auf Polen rund 2,5 Sekunden, etwa eine weitere Sekunde war es auf die Niederlande und Australien. Dann riss Schultzes Fauxpas das Boot aus der Erfolgsbahn.

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Dabei hatte sie in der Vergangenheit doch so viel richtig gemacht. Nach dem U23-WM-Sieg 2011 im Doppelzweier war die Brandenburgerin in den Riemenbereich gewechselt, schaffte es im Jahr darauf mit dem Achter zu Olympia. Weil das vier Jahre später nicht gelang, kenterte Schultzes Motivation. Die Entscheidung zur Rückkehr als Skullerin richtete sie wieder auf. Einen Medaillensatz bei Europameisterschaften fuhr die 1,86 Meter große Athletin im Doppelvierer ein und wurde zweimal WM-Vierte. Doch immer wieder stoppte die Gesundheit sie. 2018, als es bei den Welttitelkämpfen Silber für Deutschland gab, fehlte Schultze nach Verletzungs- und Krankheitsproblemen. Im Frühjahr 2020 wurde sie symptomfrei auf das Coronavirus getestet. „Dani hat unfassbar viel investiert, ist immer wieder aufgestanden”, erzählte Boron. „Ihr wäre diese Olympiamedaille so sehr zu wünschen gewesen.”

Stattdessen solch ein bitteres Erlebnis, mit dem auch das deutsche Medaillen-Abonnement im Frauen-Doppelvierer endete. Seit 1988 steht diese Bootsklasse im Olympiaprogramm – immer ruderte Deutschland auf das Podium und holte bis dato sogar sechs der acht möglichen Siege. Boron war an zweimal Gold und einmal Bronze beteiligt. Zudem verlor der DRV am Mittwoch nun auch noch seine Weltbestzeit aus dem Jahr 2014 an die Chinesinnen. In den Tränen nach dem „Krebs”-Drama verkam das aber zu einer Randnotiz.

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