22. Juli 2021 / 18:56 Uhr

Olympia: VfL-Sprinter Almas hat auch eine Kaffeemaschine im Koffer

Olympia: VfL-Sprinter Almas hat auch eine Kaffeemaschine im Koffer

Maik Schulze
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Bock auf Olympia: VfL-Sprinter Deniz Almas.
Bock auf Olympia: VfL-Sprinter Deniz Almas. © Imago Images/DPA
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Er tankte noch einmal Ruhe im Schwarzwald, jetzt will Deniz Almas vom VfL Wolfsburg mit der Sprintstaffel erst im Pre-Camp in Miyazaki und dann bei den Olympischen Spielen in Tokio Vollgas geben. Wie die letzten Tage in Deutschland abliefen, warum der Ausfall von Teamkollege Niels Giese schmerzt und was in seinem Koffer nicht fehlen durfte - darüber spricht der 24-Jährige im SPORTBUZZER.

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Zuletzt kehrte für Deniz Almas noch einmal Ruhe ein. Die Tage vor dem Abflug ins vor-olympische Trainingslager nach Miyazaki verbrachte der Sprinter des VfL Wolfsburg bei seinen Eltern im Schwarzwald, feierte dort auch am Samstag seinen 24. Geburtstag. Jetzt ist der deutsche 100-Meter-Meister aus dem Vorjahr mit der Sprintstaffel in Japan angekommen. Mit im Gepäck: Viel Selbstvertrauen - und zwei weltliche Dinge, auf die er nicht verzichten wollte...

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Doch drehen wir die Zeit noch einmal ein paar Tage zurück. Die letzten Trainingseinheiten in Deutschland verliefen für Almas gut. "Sie haben mir Selbstvertrauen mit auf den Weg gegeben. Ich fühle mich von der Form deutlich besser als in der Hallen- und bisherigen Sommersaison", so der Wolfsburger. Kleine Kraftreize, intensive Läufe, der Wolfsburger steckte alles gut weg. "Es läuft im Training deutlich leichter, die Zeiten werden deutlich schneller - auch ohne mehr Aufwand. Zumindest kommt es mir so vor", sagt Almas.

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Alles optimal also, wäre da nicht der kurzfristige Ausfall seines Wolfsburger Teamkollegen. „Für Niels Giese ist es bitter, kurz vor dem Start der Spiele wegen einer Beugerverletzung absagen zu müssen. Das gesamte DLV-Team wünscht ihm gute Besserung und eine baldige Genesung“, sagte Annett Stein, DLV-Chef-Bundestrainerin.

"Der Worst-Case", fühlt Almas mit Giese mit. "Das ist natürlich super schade für ihn. Er hat jetzt so eine tolle Saison abgeliefert und wird da nicht so richtig für belohnt. Er hat sich die ganze Zeit in einem Top-Zustand gezeigt - dass dann so eine große Verletzung passiert, ist natürlich für alle ein Schock ein gewesen." Der VfLer ist merklich berührt: "Das nimmt einen mit. Gerade wir als Leipziger Trainingsgruppe (Anmerkung der Redaktion: mit Marvin Schulte), wir hätten die halbe Staffel, also drei von sechs Teilnehmern, gestellt. Das kann auch nicht jeder von sich behaupten. Es ist natürlich ein Riesen-Rückschlag fürs ganze Team, dass Niels mit so einer Verletzung ausfällt."

Kurz vorm Olympia-Traum ausgebremst. Wenn einer nachempfinden kann, was Giese fühlt, dann Almas. Er selbst musste um sein Olympia-Ticket bangen. Ein Zeh machte ausgerechnet im Olympia-Jahr Probleme, bremste ihn aus. Ihn, der im Vorjahr mit seinen 10,08 Sekunden in der ewigen deutschen Bestenliste auf Platz fünf klettere. Ihn, den jüngsten Deutschen, der unter 10,10 Sek. blieb. Ihn, dem man zutraute, als erster Deutscher unter 10,0 Sek. zu laufen. Zuletzt war mit Julian Reus (LC Top Team Thüringen) 2016 ein deutscher Sprinter über 100 Meter schneller als Almas gewesen.

Alles Makulatur, wenn der Zeh nicht will. Den Traum von einem Einzel-Start musste der Wolfsburger begraben, dann schien ihm auch das Staffel-Ticket zu entgleiten. Doch der Schmerz verschwand - und so wurde der Sprinter zum Marathon-Mann. Zumindest was seine Wettkampf-Intensität am Ende des Nominierungszeitraumes anging - vier Starts in zehn Tagen! Eine 10,30 Sek. in Berlin bei Nieselregen zum Abschluss "war ein Befreiungsschlag, der mir das Olympiaticket beschert hat".

Almas zählt also neben Owen Ansah, Lucas Ansah-Peprah (beide Hamburger SV), Reus und Schulte (SC DHfK Leipzig) zum Aufgebot der deutschen Staffel. Zunächst mit dem Zusatz "Alternate Athlet" (Ersatz). Den trägt jetzt Joshua Hartmann (ASV Köln), der für den verletzten Giese nachgerückt ist, der den VfL-Pechvogel schon seit Jugendzeiten kennt und mit ihm gemeinsam DM-Bronze in diesem Jahr gewann.

Bis zum Abflug stiegen bei Almas von Tag zu Tag die Aufregung und der Stress. "Weil wir viel zu tun hatten, auch mit der Einreise." Zum Flughafen fahren, Pass zeigen und los geht's - so einfach ist das in Zeiten der Pandemie nicht. Doch als er bei seinen Eltern in Calw im Schwarzwald noch mal zur Ruhe kam ("Sie wollten mich auch noch mal sehen, ich bin jetzt ja für ein paar Wochen ganz weit weg"), da war schon alles gepackt, alle Formalitäten erledigt. "Ich bin komplett abflugbereit", sagte Almas schon am vergangenen Sonntag. Montagabend startete der Flieger in Frankfurt, am Dienstagabend landete Almas - nach einem Zwischenstopp in Tokio mit vierstündigem Lauf durch die einzelnen Kontrollinstanzen inklusive einem ersten Speicheltest - mit der Staffel in Miyazaki.

"Ich bin das erste Mal in Japan. Aber sehen werde ich sicherlich nicht viel", ahnt Almas. In Zeiten von Corona wird der Bewegungsradius klein sein. Deshalb durften im Gepäck des 24-Jährigen zwei Dinge nicht fehlen: "Ich habe die Playstation und die Kaffeemaschine eingepackt. Da wir das Hotelzimmer wahrscheinlich nur zum Training verlassen dürfen, sind das zwei sehr wichtige und essenzielle Bestandteile", sagt der Wolfsburger mit einem Schmunzeln. Wie trinkt er seinen Kaffee? "Am besten mit einem Schuss Hafermilch." Was wird gezockt? "Zurzeit viel Call of Duty."

Ehe die komplette Staffel am 2. August nach Tokio weiterreist, geht es in Miyazaki darum, "noch mal ein paar intensive hochwertige Staffel-Einheiten auf die Bahn zu zaubern", so der VfLer. Natürlich sollen auch Abläufe weiter automatisiert werden, Routine in die Wechsel kommen - nachdem der Jetlag überwunden ist. In Tokio gibt's dann wahrscheinlich "noch ein kleines Abschlussstaffel-Training", so Almas, der hofft am Ende zu dem Quartett zu gehören, das dann auch am 5. August zu den Vorläufen erstmals auf die Bahn geht. Am 6. August steigt dann das olympische Finale über die 4x100 Meter. Das Quartett will dann dabei sein. „Dafür müssen wir aber deutschen Rekord laufen“, ist sich der Wolfsburger sicher.