29. August 2019 / 13:31 Uhr

Olympiastützpunkt-Leiter Winfried Nowack: Höhepunkte und Tiefschläge aus drei Jahrzehnten

Olympiastützpunkt-Leiter Winfried Nowack: Höhepunkte und Tiefschläge aus drei Jahrzehnten

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Dr. Winfried Nowack zeichnete im Sommer 2017 die Ruderin Annekatrin Thiele als Sportlerin des Monats im Olympiastützpunkt Leipzig aus.
Dr. Winfried Nowack zeichnete im Sommer 2017 die Ruderin Annekatrin Thiele als Sportlerin des Monats im Olympiastützpunkt Leipzig aus. © Andre Kempner
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Winfried Nowack war 25 Jahre für die Organisation des Spitzensports am Standort Leipzig verantwortlich. Er wird wenige Tage vor seinem 65. Geburtstag am Donnerstag beim Sommerfest von Sportlern, Trainern, Mitarbeitern und Gästen in den Ruhestand verabschiedet.

Leipzig. 40 Jahre lang war er in Leipzig für den Leistungssport tätig – erst im Fachbereich Ringen am Forschungsinstitut FKS, seit 1990 am Olympiastützpunkt (OSP), dessen Leitung er Ende 1994 kommissarisch und wenig später offiziell übernahm. Ein Vierteljahrhundert war er für die Organisation des Spitzensports am Standort Leipzig verantwortlich. Wenige Tage vor seinem 65. Geburtstag wird Winfried Nowack an diesem Donnerstag beim Sommerfest von Sportlern, Trainern, Mitarbeitern und Gästen in den Ruhestand verabschiedet. Vor seinem letzten Arbeitstag erinnerte Nowack im Sportbuzzer-Gespräch an Höhe- und Tiefpunkte seiner 29 OSP-Jahre.

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Anfangszeit: „Ich war hier zunächst Mädchen für alles – vieles lief sehr hemdsärmelig ab“, erinnert sich Nowack. Im Frühjahr 1990 sei sein damaliger Chef Jürgen Hartmann vom Runden Tisch zurückgekommen und habe ihn gefragt: „Kommst du mit zum OSP?“ Nowack fragte, was das sei. Einige FKS-Kollegen hätten sich in den Wende-Wirren am nagelneuen Sportinstitut in Australien beworben. „Da wollte meine Frau nicht hin“, so Nowack rückblickend. So unterschrieb er seinen ersten Neun-Monats-Vertrag am OSP. Zunächst sei er städtischer Angestellter gewesen und arbeitete im Hauptgebäude des Sportforums. Nach einer ganzen Reihe an Kettenverträgen wurde seine Stelle erst 2012 entfristet.

Dienstsport, um selbst aktiv zu bleiben

Vorgänger: Jürgen Hartmann bescherte ihm einen der traurigsten Momente. „Ich war mit meiner Frau 1994 in Agadir im Urlaub, habe das Hartmanns wärmstens empfohlen – dort starb Jürgen an einem Herzinfarkt.“ Seinen Freund und Chef am Flughafen in einer Holzkiste in Empfang zu nehmen, war ein bitterer Tag. „Nach Jürgens Tod habe ich mittwochs Dienstsport eingeführt, damit wir Mitarbeiter nicht nur etwas für den Sport tun, sondern selbst aktiv bleiben.“ Sein Vorgänger, der für seine kämpferische, aber auch cholerische Art bekannt war, sei in der Politik top vernetzt gewesen. „Diese Vernetzung hatte ich nicht.“ Nowack versuchte, mit einem ruhigeren Führungsstil erfolgreich zu sein. 


Traurigster Moment: Der Unfall-Tod von Kanuslalomtrainer Stefan Henze bei den Spielen 2016 in Rio nahm Nowack extrem mit – die Schweigeminute beim Public Viewing ging unter die Haut. Froh ist der scheidende OSP-Chef, dass die 2008 erlittene Halswirbelverletzung seines größten Judo-Talentes Denis Herbst dank optimaler medizinischer Betreuung glimpflich endete. „Wir haben wochenlang gebangt.“ Herbst musste seine Karriere beenden, der Rollstuhl blieb ihm zum Glück erspart. Heute arbeitet er als Trainer.

Gille mutierte vom Mittelmaß zur Rakete

Großbrand: 2010 sah der Chef nach einem Saunabrand im Keller tiefschwarze Rauchschwaden aus dem OSP-Gebäude Am Sportforum 10 steigen. „Ich bin froh, dass keine Personen zu Schaden kamen.“ Nach einem Jahr konnte das Team in den Flachbau zurückkehren.

Sportpolitische Erfolge: Nowack nennt vor allem die Einweihung des Kanuparks Markkleeberg 2007, für den er mit Sportamts-Chef Siegwart Karbe und Kanu-Präsident Heiner Quandt mehrfach auf Standortsuche war. Als ein Beamter in den 90er-Jahren mitteilte, Sportler-Verpflegung sei nicht förderfähig, konnten die 30 000 D-Mark in Trainergehälter umgewidmet werden. Heute beträgt dieser kommunale Zuschuss 240 000 Euro.

Emotionalster Moment: „Das Kanu-Gold von Christian Gille 2004 in Athen nach super Endspurt steht über allem. Gilli saß im C2-Boot erst hinten. Als er mit seinem Partner die Position tauschte, wurden sie vom Mittelmaß zur Rakete.“ Auch Gilles Silbermedaille in Peking war hochemotional: „Zwei Tage nach einem Infekt hat er bis zur totalen Erschöpfung alles gegeben.“

Fast jeder Sportler fragte nach Geld

Ehrengäste: Von NOK-Chef Willi Daume über Kanzlerkandidat Rudolf Scharping bis zu den Innenministern Klaus Kinkel und Wolfgang Schäuble: Polit-Prominenz besuchte den OSP regelmäßig. Die Besuche seien aber kein „Wünsch-Dir-Was“ gewesen. „Meist hieß es: Machen Sie weiter so!“

Finanzierungsprobleme: „Ich habe es bedauert, mit der Zeit immer weniger inhaltlich zu arbeiten. Ich musste mich zunehmend ums Geld und die Rahmenbedingungen kümmern.“ Fast jeder Sportler, Trainer oder Funktionär in seinem Büro fragte nach Geld...

Nicht erfüllter Traum: Das Elsterbecken als Trainings- und Wettkampfrevier für Ruderer und Kanuten auszubauen, ist Nowack nicht gelungen. „Das ist aus meiner Sicht die einzige Chance für den Spitzensport, sich bei der touristischen Nutzung der Gewässer zu behaupten.“

Verlässliche Partner: Die Sportbürgermeister von Wolfgang Tiefensee bis Heiko Rosenthal hätten ihm stets geholfen. Auf Sponsoren (AOK, VNG, Sparkasse) war ebenso Verlass. „Der Zuspruch von Landesseite stieg enorm, seit der Sport vom Kultus- zum Innenressort gewechselt ist.“

Magengeschwüre vom Dauerstress

Problematischste Sportart: „Das wechselte. Eine Zeit lang war es meine eigene Sportart – Ringen. Später gab es die meisten Probleme bei den Schwimmern, die aus ihrem Potenzial der 90er-Jahre zu wenig gemacht haben. Da kam von unten nichts nach.“ Nun ist Judo das Sorgenkind.

Beste Sportart: „Probleme gibt es überall. Aber Kanuslalom hat sich toll entwickelt, hier sind wir die nationale Nummer eins. Die Sportart hat sehr vom Bau des Kanals in Markkleeberg profitiert.“

Gesundheit: Zwei Magengeschwüre vor fünf Jahren zeugen vom Dauerstress. „Ich hatte Probleme, nachts runter zu kommen.“

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Rat an den Nachfolger: Stefan Sadlau übernimmt die Standort-Leitung, der 35-Jährige steht für einen Generationswechsel. Nowack: „Er muss seine Linie finden und seinem Gegenüber darstellen, wofür er steht. Du kannst es nicht allen recht machen.“ In Leipzig sei er durch Studium und Praktika schon gut vernetzt, bundesweit noch nicht. „Leipzig braucht Alleinstellungsmerkmale – der Kampf der Standorte ist ein Verdrängungswettbewerb.“

Ehrenämter: Im Sportausschuss der Stadt und Landesausschuss Leistungssport räumt Nowack seinen Stuhl. Im Stadtsportbund-Präsidium bleibe er. „Zunächst nehme ich mir eine Auszeit, um Abstand zu gewinnen. Ich möchte keine neue Funktion, aber ich werde nicht verschwinden.“