26. Juli 2021 / 17:16 Uhr

Olympische "Hitzespiele" in Tokio : Athleten kämpfen gegen brutale Temperaturen – Taifun im Anmarsch

Olympische "Hitzespiele" in Tokio : Athleten kämpfen gegen brutale Temperaturen – Taifun im Anmarsch

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Triathlet Kristian Blummenfelt bricht völlig erschöpft im Ziel zusammen.
Triathlet Kristian Blummenfelt bricht völlig erschöpft im Ziel zusammen. © IMAGO/Panoramic
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Die Olympischen Spiele in Tokio sind für die Athletinnen und Athleten eine ganze besondere Herausforderung - nicht wegen der Corona-Pandemie und den fehlenden Zuschauern. Vor allem das Wetter macht vielen Sportlerinnen und Sportlern extrem zu schaffen. Jetzt kündigt sich auch noch ein Unwetter an. 

Selbst Mediziner wunderten sich in den vergangenen Wochen und Monaten: Alles redete im Vorfeld der Spiele in Tokio von Corona, kaum einer sprach von der brutalen Hitze. Das hat sich mit Beginn der Spiele schlagartig gedreht. Die russische Bogenschützin Swetlana Gombojewa erleidet während des Wettkampfes einen Hitzschlag, die deutsche Ruderin Leonie Menzel bekommt im Endspurt Kreislaufprobleme. Nach seinem Triathlon-Triumph sackt Kristian Blummenfelt aus Norwegen im Ziel zusammen, muss sich übergeben und wird mit dem Rollstuhl rausgefahren, obwohl der Wettkampf extra in die Morgenstunden ab 6.30 Uhr gelegt worden war. Jetzt droht auch noch ein Taifun über Japan zu fegen – die Luftfeuchtigkeit soll bis Sonntag von 70 auf 90 Prozent steigen.

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Die Bedingungen machen nicht nur dem Kreislauf der Sportlerinnen und Sportler zu schaffen. Bogenschützin Lisa Unruh kämpfte gegen feuchte, rutschende Hände, um ihre Zielsicherheit zu erhalten. Dass sich die Tennisbälle blau färben, weil der aufgeheizte Boden Farbe verliert, ist da eher eine Anekdote am Rande. Der internationale Wettkampfkalender sieht immer mal wieder Hitzewettkämpfe vor – siehe die Aus­tra­lian Open im Tennis oder die Leichtathletik-WM im Oktober 2019 in Katar bei bis zu 40 Grad. Doch die Mischung aus Hitze und Luftfeuchtigkeit in Japan stellt die Athletinnen und Athleten vor ungekannte Herausforderungen.

"Wir haben unseren Athleten im Vorfeld empfohlen, den Ergometer ruhig mal in der Sauna aufzustellen", erklärt Christine Kopp, Internistin und Sportmedizinerin der Uni Tübingen, die bei Olympia zum Betreuerstab des Deutschen Leichtathletik-Verbandes gehört. Ruderer Oliver Zeidler simulierte die Tokio-Bedingungen mit einer selbst angefertigten Wärmekammer im Keller seines Elternhauses im bayerischen Schwaig. Warme und feuchte Trainingsräume gehörten also zum langfristigen Trainingskonzept einiger Athleten. In Potsdam wurde der Strömungskanal der Schwimmer für die Triathleten extra auf 30 Grad erhitzt. Klimatrainingslager im Vorfeld fielen jedoch teilweise der Pandemie zum Opfer. Dabei wären die sehr wichtig gewesen. "Der Körper merkt sich das, wenn er öfter unter Hitzebedingungen trainiert“, so Christine Kopp.

Es wird gekühlt, was das Zeug hält

Gerade die Leichtathleten hätten bei der WM 2019 in Katar viel darüber gelernt, wie sich der Körper an grenzwertige Bedingungen anpasst. "Damals sprachen im Vorfeld alle von den Läufern und Gehern. Wir haben aber festgestellt, dass die Werfer genauso betroffen sind. Ihr Wettkampf unter praller Sonne geht inklusive Einwerfen über zwei Stunden." Einige Werfer würden die Hitze und Schwüle nicht so gut wegstecken, weil sie konditionell nicht über das Niveau der Läufer verfügten. In Tokio wird nun gekühlt, was das Zeug hält. Einige Verbände wie die Kanuten nahmen 80 Kilogramm schwere Kältebecken mit 13 Grad Wassertemperatur mit nach Japan und an die Wettkampfstrecke. Christine Kopp empfiehlt kalte Handtücher für den Nacken, nicht aber Eis auf dem Kopf: "Das kann zu Migräneattacken führen."

Marathon-Bundestrainerin Ka­trin Dörre-Heinig, Olympiadritte 1988 in Seoul, trainierte im Vorfeld der Spiele von Barcelona 1992 und Atlanta 1996 notgedrungen in der Sauna. Das sei nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen, erzählte sie häufig. Da hat es ihre Tochter Katharina Steinrück-Heinig besser. Sie darf den diesjährigen olympischen Marathon am 7. August in Sapporo bestreiten. In der Wintersportstadt, in der in den Morgenstunden knapp 25 Grad herrschen, starten auch die Geherinnen und Geher – mit diesen beiden Disziplingruppen hatten die Organisatoren ein Einsehen. Triathleten sowie Tennis- und Beachvolleyballcracks bekommen aber die ganze Wucht des subtropischen Sommers zu spüren. Deutschlands Schwimmstar Florian Wellbrock äußerte Respekt vor den Temperaturen – von oben und unten – während des zweistündigen Freiwasserwettkampfes in der 30-Grad-Brühe. Er erinnert an den tragischen Todesfall des US-Amerikaners Fran Crippen, den Taucher 2010 beim Weltcup in den brütend heißen Arabischen Emiraten tot an einer der Wendebojen fanden.