13. Mai 2020 / 13:08 Uhr

"Wir fielen in ein tiefes Loch": Reinhard Krull und der Boykott der Olympischen Spiele 1980

"Wir fielen in ein tiefes Loch": Reinhard Krull und der Boykott der Olympischen Spiele 1980

Carsten Schmidt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Der späte Lohn: Reinhard Krull (Mitte) bekommt sein olympisches Erlebnis
 1984 in Los Angeles und bringt Silber mit. Diese Szene ist aus dem Endspiel gegen Pakistan.
Der späte Lohn: Reinhard Krull (Mitte) bekommt sein olympisches Erlebnis 1984 in Los Angeles und bringt Silber mit. Diese Szene ist aus dem Endspiel gegen Pakistan. © imago images/WEREK
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Sportliche Träume platzen nicht nur durch Pandemien. Vor 40 Jahren bremsten Politiker die besten bundesdeutschen Athleten mit dem Boykott der Olympische Spiele in Moskau aus. Auch Hannoveraner waren betroffen, etwa Hockey-Ass Reinhard Krull, den die meisten Sportler nur als "Felix" kennen.

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Im hannoverschen Sport kennt man Reinhard Krull nur als „Felix“. Dieser Spitzname kennzeichnet die Karriere der Hockey-Legende des DHC Hannover, weil Felix übersetzt „der Glückliche“ heißt. „Glück habe ich gehabt“, sagt der 65-jährige Krull, der heute noch in seiner Heimatstadt lebt, rückblickend. Früher war er Partner einer Steuerberatungsgesellschaft, heute ist er im Ruhestand, zudem im Ehrenamt Präsident des Niedersächsischen Hockey-Verbandes.

"Dieses Erlebnis wurde uns genommen"

Sein Länderspieldebüt gab er 1978 bei der Heim-EM auf dem 78-Platz, die für ihn sowie die DHC-Kameraden Andreas Wistuba und Reinhardt Lange mit dem Titelgewinn (3:2 gegen die Niederlande) einen frühen Höhepunkt bot. Seine Laufbahn fand sechs Jahre später eine verblüffende Krönung, von der noch die Rede sein wird.

Krull und die deutschen Hockey-Herren durchlitten aber auch einen beispiellosen Tiefpunkt – den Olympiaboykott 1980. „Es ist das größte Erlebnis als Sportler, bei einem Wettkampf starten zu dürfen, bei dem 7000 Athleten aus allen Sportarten und Ländern zusammenkommen. Dieses Erlebnis wurde uns genommen“, sagt Krull. Er fühlt auch mit den Sportlern mit, deren aktuelle Olympiaträume wegen der Covid-19-Pandemie mindestens ein Jahr warten müssen. „Man denkt in olympischen Zyklen und richtet die berufliche Ausbildung darauf aus. Die Lage ist vor allem für die Älteren schwierig.“ Er denkt an Hockey-Ass Martin Häner (31), der als Assistenzarzt arbeitet und diesen Spagat ein weiteres Jahr organisieren muss.

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Krull musste 1980 den Olympiatraum gleich um vier Jahre verschieben. „Wir fielen in ein tiefes Loch“, sagt er. Die Auswahl mit dem Krummstab gehörte seinerzeit zu den Top 4 in der Welt, war noch im Januar bei der Champions Trophy Zweiter hinter Pakistan geworden. „Wir hätten um Medaillen gespielt“, sagte Krull.

Da aber die weltbesten Hockeyteams wie die Reiter Moskau geschlossen fernblieben, gewannen in Moskau die damals zweitklassigen Inder. „Es ist kein Trost für uns, dass auch andere fehlten“, sagte Krull.

Vom Boykott geblieben ist Krull eine Urkunde als Mitglied der bundesdeutschen Olympiamannschaft 1980 mit dem sinngemäßen Zusatz, der verpasste Start sei nicht den Sportlern zuzuschreiben. „Das Innenministerium hat meiner Erinnerung nach auch vorgesehene Erfolgsprämien an den Sport weitergeleitet“, ergänzte er.

Reinhard Krull (links, mit Helmut Staude) heute - bei der NP-Sportgala 2020.
Reinhard Krull (links, mit Helmut Staude) heute - bei der NP-Sportgala 2020. © Rainer Dröse
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Anstoß zur Karrierefortsetzung gab Krull die Liebe zur „geilen Sportart“ Hockey. Zudem ging das Nationalteam Ende 1980 auf Länderspieltour nach Aus­tralien – eine Art Kompensation. „Diese Reisen waren damals etwas Besonderes“, sagte Krull. 1982 verpasste er die WM wegen einer Meniskusoperation, ein Jahr später erlebte er ein unvergessliches EM-Halbfinale im Wagener-Stadion in Amstelveen gegen die Niederlande – trotz der Niederlage. „Eine tolle Stimmung. Wer spielt schon mal wie wir Hockey vor 10 000 Zuschauern?“

Die Olympiachance 1984 für Krull bot sich unverhofft. „Eigentlich war ich aussortiert, der Kader sollte verjüngt werden“, sagte Krull. Doch die Vorbereitung holperte, und der erfahrene DHC-Spieler kam ins Aufgebot für Los Angeles. Von dort brachten er und die Kollegen Silber mit (1:2 nach Verlängerung im Finale gegen Pakistan). „Die Farbe ist egal“, sagte Krull über das späte Happy End mit Edelmetall. „Die Spiele waren unvergleichlich, allein das olympische Dorf. Da triffst du beim Frühstück Carl Lewis, und Michael Groß gibt im Gespräch mit auf den Weg, dass er uns die Daumen drückt.“