14. Oktober 2020 / 08:43 Uhr

Bronze-Schwur von Rio: Ex-Recke Kai Häfner blickt auf Erfüllung eines Traums zurück

Bronze-Schwur von Rio: Ex-Recke Kai Häfner blickt auf Erfüllung eines Traums zurück

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
So sehen Medaillengewinner aus: Die deutsche Nationalmannschaft kurz nach dem Sieg gegen Polen.
So sehen Medaillengewinner aus: Die deutsche Nationalmannschaft kurz nach dem Sieg gegen Polen. © imago images/Sven Simon
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Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Olympischen Spiele in Tokio in diesem Sommer ausgefallen. So schade das ist, so schön sind die Erinnerungen von Kai Häfner an die Spiele 2016 in Rio de Janeiro, als die deutsche Handball-Nationalmannschaft mit dem damaligen Recken Bronze holte...

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Neun Sekunden zeigt die Spieluhr. Es steht 28:28 an diesem heißen Sommerabend in Rio zwischen den Bad Boys und der alternden Handball-Macht aus Frankreich. Ein letzter Angriff, ein letzter Block, ein letzter Klammergriff für das Finale. Der Franzose Daniel Narcisse, Welthandballer von 2012, bekommt den Ball, kreuzt diagonal, wirft - und beendet mit dem glücklichen Aufsetzer den Goldtraum der deutschen Nationalmannschaft.

Kai Häfner verfolgt diese Schlüsselszene von der Ersatzbank aus. Einen Treffer hat der Profi bei der furiosen Aufholjagd in Brasilien beigetragen. Als einziger deutscher Nationalspieler kam Häfner damals aus Hannover. Mit der Schlusssirene verpufft die Goldeuphorie. Leere bleibt zurück. „Es herrschte mit einem Mal diese absolute Klarheit, dass Olympia für uns einen harten Cut erlebt hat. Die Enttäuschung, sie war so riesengroß“, sagt Häfner und erinnert sich noch genau an den Gang zurück durch die Katakomben und die ersten Minuten zusammen in der Kabine.

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Stille, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit. Bis Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der Autor dieser deutschen Bad-Boys-Geschichte, das Wort übernahm und seine Spieler emotional packte. „Seine Worte haben uns wieder voll angeknipst, er hat uns zusammen gerufen, nach zehn Minuten hatten wir ein neues Ziel.“

"Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung"

Es war der Bronze-Schwur der Handball-Helden, die in diesem Jahr 2016 so unglaublich viel geschaffen haben. Heute kann Kai Häfner locker sagen: „Wenn wir mit leeren Händen nach Hause gekommen wären, würden wir sicher eine andere Geschichte erzählen.“ Nach dem Halbfinal-K.o. gegen Frankreich folgte zwei Tage später der 31:25-Erfolg gegen den WM-Dritten Polen. Deutschland hatte seine Medaille.

Häfner, damals 27 Jahre alt, sog diese Momente in Brasilien auf. Es waren seine ersten Olympischen Spiele. „Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung, selbst Teil dieser Geschichte geworden zu sein“, sagt der Rückraum-Riese.

Es waren nicht nur die Spiele auf dem Feld, die ihm in Erinnerung blieben. Es sind die vielen Kleinigkeiten gewesen, die für ihn den Olympia-Kosmos ausmachten. Das tägliche Schlendern durch das olympische Dorf, das gemeinsame Essen in der Mensa mit den Athleten aus aller Welt als wäre es das Normalste überhaupt. Das hat Eindruck hinterlassen. „Man erkennt dabei gar nicht, dass hinter diesem Weg so viele Jahre harter Arbeit liegen.“

Im Sommercamp der Handball-Superstars

Mit Nationalmannschaftskollege Julius Kühn teilte sich der Hannover-Recke das Appartement. Wie immer, wenn er mit der Nationalmannschaft unterwegs ist. Auf der Etage wohnten außerdem Hendrik Pekeler, Uwe Gensheim und Patrick Groetzki untergebracht. Drei Wochen lang blieb die DHB-Mannschaft in Brasilien. Bei so einer Enge blieb kein Geheimnis ungelöst. Ein Sommercamp der Handball-Superstars.

Das Olympia-Abenteuer beginnt für Kai Häfner eigentlich auf der Couch in Hemmingen-Westerfeld. Erst im zweiten Anlauf wurde er für die Europameisterschaft in Polen in den Kader berufen. Es sollte der Höhepunkt der Bad Boys werden. Deutschland gehörte höchstens eine Außenseiterrolle. Die Spieler, heute allesamt Topstars, waren damals weit weg von Weltruhm.

Im Halbfinale scheitert Kai Häfner mit der deutschen Nationalmannschaft an Nikola Karabatic' Franzosen.
Im Halbfinale scheitert Kai Häfner mit der deutschen Nationalmannschaft an Nikola Karabatic' Franzosen. © imago images/Moritz Müller

Sigurdsson impfte den Handballern das „Hart, aber fair“-Mantra ein. Einsatz, Wille, Leidenschaft – alles am Rande des Erlaubten. Der Isländer arbeitete sich am Vorbild der Detroit Pistons ab. Die NBA-Mannschaft schaffte es 1989, als Gemeinschaft, als unverwüstliches Team der Übermacht aus Chicago - angeführt vom großen Michael Jordan - den Titel zu entreißen.

Spielmacher, Leistungsträger, Torschütze bei der EM

Ein Kunststück, das Deutschland im Januar 2016 bei der Europameisterschaft mit einem Sensationsmarsch bis zum Titel gegen Spanien wiederholte. Kai Häfer war dabei Spielmacher, Leistungsträger, Torschütze. So kurios es begann, so wild ging es weiter. Angefeuert vom EM-Titel hatte Häfner die Olympischen Spiele vor Augen. Eigentlich ein Selbstläufer nach der überragenden Leistung.

Im Testspiel gegen Katar bricht sich Häfner im März die Mittelhand. Und plötzlich steht alles wieder auf der Kippe. So wie vor der EM, als Sigurdsson Häfner als Linkshänder Nummer drei aus dem Kader strich. „Ich habe aber schnell die Signale bekommen“, so erzählt es der Zwei-Meter-Mann, „dass, wenn alles entsprechend heilt, ich dabei sein kann.“

Kai Häfner hat viele schöne Erinnerungen aus Rio mitgenommen - und dieser Fan eine Selfie mit dem Nationalspieler.
Kai Häfner hat viele schöne Erinnerungen aus Rio mitgenommen - und dieser Fan eine Selfie mit dem Nationalspieler. © imago images/Eibner

So kam es dann schließlich… „Und auf einmal“, so erzählt es der gebürtige Schwabe in gewohntem Understatement, „stehe ich mitten unter diesen Weltstars im olympischen Dorf.“ Und doch kommt ein bisschen Sentimentalität auf. Wie gerne wäre er in Tokio wieder inmitten dieser Gesellschaft gewesen. In einem knappen Jahr will er dabei sein, gehört zu dem Kreis. Allerdings: Zum einen muss sich Deutschland erst noch qualifizieren, zum anderen bestehen natürlich Corona-Zweifel, ob im nächsten Sommer das deutsche Märchen neu geschrieben werden kann.

Von den „Bad Boys“ ist nichts mehr geblieben. Mit dem Ende der Ära Sigurdsson schloss sich dieses Kapitel. Ebenso wie das in Hannover. Mittlerweile spielt Kai Häfner für die MT Melsungen in Nordhessen, steht vor einer schwierigen Saison. Es folgen die WM im Frühjahr und dann hoffentlich die Olympischen Spiele. „Das ist eine gefühlte Ewigkeit weit weg momentan“, sagt Häfner. Man wisse ja nicht einmal, wie die Saison funktionieren werde. „So viel steht aber fest: Überraschen kann mich eigentlich nichts mehr.“