12. August 2021 / 14:35 Uhr

Olympiatraum erfüllt: Aber jetzt will Alaa Maso "eine echte Konkurrenz werden"

Olympiatraum erfüllt: Aber jetzt will Alaa Maso "eine echte Konkurrenz werden"

Josina Kelz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Alaa Maso sprang in Tokio fürs Refugee Olympic Team ins Becken.
Alaa Maso sprang in Tokio fürs Refugee Olympic Team ins Becken. © Debbie Jayne Kinsey
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Mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio hat sich Alaa Maso einen Traum erfüllt. Satt ist der 21-jährige Schwimmer, der vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet ist, aber nicht: "Jetzt geht es darum, nicht nur teilzunehmen, sondern eine echte Konkurrenz zu werden."

Alaa Maso sitzt am Beckenrand im Ricklinger Bad. Reinspringen darf er heute nicht. Denn: Tags zuvor hat er sich erst ein Tattoo stechen lassen. Die Olympischen Ringe. Direkt nach seiner Rückkehr aus Tokio hat er die Erinnerung auf seiner Haut verewigt. Vier Wochen darf er damit nicht ins Wasser. Das passt perfekt, denn nach den Strapazen der Olympischen Spiele ist jetzt ohnehin erst mal Erholung angesagt.

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„Ganz so lang können wir aber nicht warten, denn die nächsten Spiele in Paris sind schon in drei Jahren.“ Das nächste Ziel hat Maso klar vor Augen. „Klar könnte ich jetzt sagen, ich habe mir den großen Traum von Olympia erfüllt. Jetzt geht es aber darum, nicht nur teilzunehmen, sondern eine echte Konkurrenz zu werden.“

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Der Syrer ist erst 21 Jahre alt, drei Teilnahmen könnten also mindestens noch drin sein, und es gibt Luft nach oben. „Ich habe einige Fehler im Wettkampf gemacht, aber ich bin trotzdem zufrieden“, sagt er. 23,30 Sekunden brauchte er für die 50 Meter Freistil, für die Zwischenläufe reichte das nicht.

Dass er jetzt nicht ins Wasser kann, sei nicht schlimm. „Ich habe noch einen ordentlichen Jetlag – und freue mich, ein paar Wochen mal nichts zu tun. Die vergangenen beiden Jahre habe ich in der Woche 36 Stunden trainiert.“ Jetzt, zurück in Deutschland, ist er tiefenentspannt und lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen – außer vom Regen. „Eigentlich hasse ich Wasser“, sagt er und lacht. „Ich mag es nur, wenn ich freiwillig nass werde.“

"Sonst würden wir nicht mehr leben."

Das wird in den kommenden Wochen nichts. Stattdessen wird er seine freie Zeit mit Netflix verbringen, den Führerschein machen, Kochen, am liebsten Kartoffelgratin, und Computerspiele zocken. „Ich bin zwar Sportler, aber auch ein ganz normaler Junge“, sagt er und zwickt sich zur Untermalung dieser Tatsache in den Arm.

Ein ganz normaler Junge, der schon viel Unnormales erleben musste und trotzdem nie aufhört, zu lächeln. Vor fünf Jahren flüchtete er mit seinem Bruder, dem Olympia-Triathleten Mohamad Maso (28), aus dem Bombenhagel im syrischen Aleppo nach Deutschland. „Dreimal hat es unser Haus getroffen. Zum Glück waren die Bomben von den Rebellen, die waren oft zu schlecht, um aufzugehen. Sonst würden wir nicht mehr leben.“ Einen Halbbruder haben die beiden im Krieg verloren: Terroristen nahmen ihn als Geisel und töteten ihn, er hinterließ drei kleine Kinder, Masos Nichten. „Deshalb ist unser Vater nach Syrien zurückgekehrt, um sich um die Kleinen zu kümmern.“


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Masos Mutter und Schwester leben jetzt in der Türkei. Sechs Jahre lang haben die Brüder ihre Familie nicht mehr gesehen. Die Eltern haben ihre Sportlichkeit an die Söhne vererbt. Der Vater war Schwimmer und später Trainer, Alaa fing im Alter von vier Jahren an. „Seitdem habe ich mehr Zeit meines Lebens im Wasser als an Land verbracht“, sagt er – und lacht erneut.

Abzüglich der drei Kriegsjahre, in denen das Training nicht mehr möglich war. „Das Schwimmbad wurde von einer Bombe getroffen, und wir mussten drinnen bleiben, weil es draußen zu gefährlich war. Es ging ums Überleben und nicht um ein Hobby.“

Verlorene Zeit fehlt dem talentierten Maso

Als es dann 2015 kurzzeitig ruhiger war, ergriffen die Schwimmer die Chance und trainierten wieder, 20 Tage hintereinander. „Das hat sich angefühlt wie aus dem Knast zu kommen.“ Selbst das grüne, stinkende Wasser wussten die Sportler zu schätzen. „Es konnte nicht ausgewechselt werden. Den Geruch habe ich bis heute in der Nase. Wie im Schlachthaus.“

Die drei Jahre, die Maso verpasst hat, bezeichnet er als „die zweitwichtigsten in der Karriere eines Sportlers. In der Jugend bildet man die Basis und schaut, wo man hin will.“ Die verlorene Zeit konnte der talentierte Maso wieder aufholen. „Ich weiß aber nicht, ob es so gut gelaufen wäre, wenn ich nicht in Deutschland gelandet wäre. Ich hatte Glück, an die richtigen Leute zu geraten.“

Bruder Mohamad ist meist in Amsterdam

Allen voran die Familie Thöneböhn aus der Oststadt, Sohn Jo (22) ist Triathlet bei Hannover 96 und vernetzte die Maso-Brüder in der Sportszene. „Heute bin ich bei ihnen zum Essen“, freut sich der 21-Jährige Alaa, dessen Deutsch inzwischen nahezu perfekt ist.

Mit seinem Bruder lebt er in einer Wohnung in Badenstedt. Die hat er meistens für sich alleine, denn Mohamad trainiert und lebt vor allem in Amsterdam. Nach acht Monaten haben sich die beiden in Tokio wieder gesehen. Mohamad trat für Syrien an, Maso für das Flüchtlingsteam. „Es fühlt sich an, als hätte ich das alles nur geträumt.“