04. Juli 2020 / 10:00 Uhr

Onlineausbildung zum Schiedsrichter: Das sind die ersten Erfahrungen 

Onlineausbildung zum Schiedsrichter: Das sind die ersten Erfahrungen 

Annika Langhorst
Seit der Corona-Krise können angehende Schiedsrichter ihren Schein auch online machen.
Seit der Corona-Krise können angehende Schiedsrichter ihren Schein auch online machen. © Stefan Zwing
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Digital zum Schiedsrichter werden? Corona macht’s möglich. Erstmals kann man die Ausbildung zum Unparteiischen in fast allen Landesverbänden online absolvieren. Das Angebot könnte auch nach Corona zum Standard werden.

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Dieser Artikel ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Mehr Infos dazu auf gabfaf.de.

Durchsetzungsstark und reaktionsschnell; empathisch, aber unparteiisch; fußballbegeistert, aber fokussiert – einem Fußballschiedsrichter wird in den 90 Minuten einiges abverlangt. Die Leistungen sind sowohl persönlich als auch gesellschaftlich von großer Bedeutung. Der Schiedsrichter bleibt im Sport unabdingbar – ohne ihn wird kein Fußballspiel angepfiffen. Inzwischen kann die komplette Ausbildung bis hin zur theoretischen Prüfung, die für die erste Spielleitung berechtigt, sogar online absolviert werden.

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"Ich habe den Kurs innerhalb zwei Wochen von zu Hause abgeschlossen. Wäre jetzt nicht Corona dazwischen gekommen, könnte ich schon auf dem Platz stehen und mein erstes Spiel pfeifen", sagt Tobin Schebitz ein wenig wehmütig. Der 15-Jährige aus Wunstorf bei Hannover war einer der ersten Onlineabsolventen des Schiedsrichter-Lehrgangs.

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Angebot wegen Corona-Krise geschaffen

Auslöser für das Angebot war die Corona-Krise, die es im Februar und März damaligen Teilnehmern erlaubte, den Kurs auch online zu beenden. Die kostenlosen Kurse für Teilnehmer ab 14 Jahren, anfangs aus reiner Not heraus geboren, sollen nun fester Bestandteil werden. Vorraussetzungen sind lediglich eine Vereinsmitgliedschaft sowie Begeisterung für den Fußball. Seit der Corona-Pandemie laufen die Onlinekurse auf Hochtouren. "Das digitale Angebot wird bisher gut angenommen", sagt Bernd Domurant vom Niedersächsischen Fußballverband. Ziel der Verbände sei es, Interessenten zu gewinnen und langfristig für die Tätigkeit des Schiedsrichters zu begeistern.

In acht Webinaren zum Schein

Eigentlich sieht der klassische Schiedsrichterlehrgang etwas anders aus: An sieben Lehrabenden werden die aufstrebenden Schiedsrichter zu fertigen Referees ausgebildet. Bei der Onlineausbildung wird den Teilnehmern das Lehrmaterial zur Verfügung gestellt. Der Ablauf ist je nach Landesverband etwas anders, in Niedersachsen nehmen die Teilnehmer an acht Webinaren mit einer Dauer von jeweils 1,5 Stunden teil. Zwischen den Sitzungen arbeiten die angehenden Schiedsrichter dann immer wieder eigenständig. Die "nicht theoretischen" Einheiten, zu denen zum Beispiel das Kennenlernen der Schiedsrichterpaten, die Prüfungen und der Fitnesstest gehören, werden in den jeweiligen Schiedsrichtervereinigungen nachgeholt. Am Ende müssen die Absolventen eine Abschlussprüfung ablegen, die 30 Fragen beinhaltet.

Das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF wurde am 15. März 2019 ins Leben gerufen. Hier zehn besondere Momente aus dem ersten Jahr:

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Onlineausbildung seit Mai

Kreisschiedsrichterlehrwart Nils René Voigt aus Hannover sieht in der Onlinevariante eine große Chance, die Lehrgänge noch einfacher und schneller durchzuführen. In Hannover ist die Onlineausbildung seit Mai möglich. Da ein Lehrgang schon absolviert wurde, lässt sich sogar schon eine erste Bilanz ziehen: Hohe Nachfrage und funktionierende Technik schließen einander nicht aus. Die etwa 30 Teilnehmer freuten sich über einen reibungslosen Ablauf. Für den besseren Austausch stehen bei den meisten Ausbildungen zusätzlich Telefonsprechstunden und Whatsapp-Gruppen zur Verfügung. Natürlich hat die Onlineausbildung auch kleine Nachteile: So sei die Hemmschwelle, Nachfragen zu stellen höher und eine stärkere Eigeninitiative gefordert.

Positiv seien dagegen die fehlenden Anfahrtswege und die freie Zeiteinteilung. Voigt spricht von einer nie dagewesenen Flexibilität. "Bereits nach dem ersten Kurs sind wir sehr zufrieden und werden die Onlinevariante fest in den Lehrgang einbauen", sagte er. Gleichzeitig sei die Onlineausbildung aber nicht für alle Teilnehmer gleichermaßen geeignet. So gebe es Interessierte, die nicht über die technischen Möglichkeiten verfügen oder denen das selbstständige Lernen schwerer falle. Daher soll sowohl die digitale, als auch die analoge Ausbildung in Zukunft angeboten werden. Für die Teilnehmer ist der Onlinekurs kostenlos, lediglich die Vereine zahlen für die Ausbildung 20 Euro. Den durchschnittlichen Zeitaufwand schätzt Voigt auf etwa zwei Wochen.

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Geringe Durchfallquote

Tobin Schebitz ist positiv überrascht von der Onlineausbildung. Auf die Schulung aufmerksam geworden ist er über seinen Verein TSV Kolenfeld. Ihm gefiel vor allem die unkomplizierte Anwendung. Philipp Rinne von der SG Blau-Gelb Elze ist ebenfalls Absolvent des ersten Onlineseminars. Lediglich eine Woche Unterricht habe bei ihm der Kurs in Anspruch genommen. "Besonders gut gefiel mir die freie Zeiteinteilung und fehlende Anfahrt. Für alle angehenden Schiedsrichter sind die teilweise weiten Anfahrtswegen zu den Seminarsitzungen sicherlich ein Aspekt." Rinne erinnert sich lediglich an zwei bis drei Teilnehmer, die im ersten Onlinekurs durchfielen. "Heutzutage wachsen die jungen Leute ja mit der ganzen Technik auf und können damit bestens umgehen. Da sowieso das meiste online stattfindet, ist das jetzt die optimale Lösung, den Schiedsrichterkurs ebenso online anzubieten."

Hendrik Berger, der für Germania Grasdorf in Niedersachsen pfeift, hat seine Ausbildung im August vergangenen Jahres absolviert. Da gab es die Onlinevariante noch nicht. "Die Ausbildung zum Schiedsrichter war von dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch geprägt, dort hat man viele Storys von aktiven Schiedsrichtern gehört, konnte gezielter Rückfragen stellen, es war alles sehr viel persönlicher. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Effekt bei den Onlinekursen der gleiche ist", sagt Berger. "Allerdings ist es eine tolle Möglichkeit im ersten Schritt Schiedsrichter anzuwerben. Durchsetzungsvermögen und Persönlichkeitsstärkung müssen dann aber unbedingt auf dem Platz nachgeholt werden."

Bei der Schiedsrichterausbildung in Zukunft aber komplett auf die digitale Variante zu setzen, hält Berger für bedenklich. Der mangelnde Erfahrungsaustausch sowie das Fehlen unmittelbarer Ansprechpartner ließe keine "Schiedsrichtergemeinschaft" aufkommen. Kurz gesagt: "Der Effekt ist für mich nicht der Gleiche." Ähnlich sieht es auch sein Schiedsrichterkollege Maximilian Peper. "Was am Ende fehlt, ist der persönliche Kontakt zu den Ausbildern."

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Fazit

Klar ist: Die digitalen Inhalte können die Erfahrungen auf dem Platz nicht ersetzen. Sie dienen vielmehr als Basis. Die Verbände gehen neue Wege und erhoffen sich dadurch viele neue Absolventen – damit der Schiedsrichtermangel im Amateurfußball schon hoffentlich bald kein Thema mehr ist.