17. Juni 2020 / 20:37 Uhr

Opa - Der Holstein-Blog: Irritationen im Störche-Biotop

Opa - Der Holstein-Blog: Irritationen im Störche-Biotop

Andreas Geidel
Ahmet Arslan (li.) und KSV-Chefcoach Ole Werner beherrschen momentan die Medien.
Ahmet Arslan (li.) und KSV-Chefcoach Ole Werner beherrschen momentan die Medien.
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Der Klassenerhalt ist nach dem Regensburg-Sieg gegen den KSC zu 99,9 Prozent gesichert. Die Fragen zur Auszeit des Trainers bleiben auch nach dem wenig erhellenden Auftritt von Sportchef Uwe Stöver am Mittwoch: Was ist los mit Ole Werner?

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Es gab nach dem Drittliga-Abstieg 2010 zahlreiche Steine, teils sogar Felsbrocken aus dem Weg zu räumen, ehe Holstein Kiel 2017 der euphorisch gefeierte Aufstieg in die Zweite Liga gelang. Vor dem vierten Jahr im Bundesliga-Unterhaus eilt den Nordlichtern das Positiv-Image des kleinen gallischen Dorfes voraus, das sich dank kluger Personalpolitik und einer Menge Fachkompetenz am Seitenrand mit vergleichsweise bescheidenen wirtschaftlichen Bordmitteln im Haifischbecken Profifußball behauptet. Ein Ruhepol im hohen Norden, in dem Talente in familiärer Atmosphäre reifen oder sich hochbegabte Kicker, denen zuvor der letzte Drive zum endgültigen Durchbruch fehlte, abseits des medialen Stresses der Branchen-Hotspots entwickeln können. Doch jetzt gibt es erhebliche Irritationen im Fußball-Biotop Kiel.

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Holstein Kiel: Die Saison 2019/20 in Bildern

1. Spieltag: Holstein Kiel spielt zu Hause gegen den SV Sandhausen 1:1-Unentschieden. Torschützen: 0:1 Behrens (4.), 1:1 Iyoha (54.). Zur Galerie
1. Spieltag: Holstein Kiel spielt zu Hause gegen den SV Sandhausen 1:1-Unentschieden. Torschützen: 0:1 Behrens (4.), 1:1 Iyoha (54.). ©

Was ist los mit Ole Werner, dem Kieler Jung auf dem Cheftrainer-Sessel? Der mit 32 Jahren aktuell jüngste Coach der deutschen Bundesliga fehlt in den letzten drei Spielen dieser Saison. In denen es nach dem 2:1-Sieg des SSV Jahn Regensburg gegen den Karlsruher SC am Mittwochabend nur noch darum geht, minimale theoretische Rest-Zweifel am Klassenerhalt zu beseitigen. „Private Gründe erfordern seine volle Aufmerksamkeit und Kraft“, hieß es am vergangenen Dienstag um 12 Uhr in einer Pressmitteilung, die die Fan-Gemeinde an der Förde zutiefst beunruhigte.

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Für den folgenden Tag kündigte Sportchef Uwe Stöver an, im Rahmen einer virtuellen Pressekonferenz Stellung zur Situation beziehen zu wollen. Doch der Mittwochmittag brachte entgegen aller Hoffnungen nichts Erhellendes.

Ist das Fehlen Werners eine temporäre Auszeit? Oder muss sich die KSV Holstein zur kommenden Saison gar einen neuen Trainer suchen? „Wir gehen – Stand heute - davon aus, dass Ole schon bald wieder seiner Arbeit nachgehen kann“, so hätte eine Antwort auf die Journalisten-Fragen unter Beachtung der Wahrung der Privatsphäre Werners lauten können. Denkbar auch: „Ole fehlt in den nächsten drei Spielen aus rein privaten Gründen, bleibt aber unser Trainer.“ Oder im schlimmsten aller Fälle: „Ich bitte um Verständnis, aber ich kann diese Frage heute nicht seriös beantworten.“

Stattdessen bereicherte Stöver, der gestählte Kämpe auf der Position des Geschäftsführers Sport, die klubeigene Pressemitteilung lediglich um eine Nullaussage aus dem Standard-Regal: „Ole steht uns in den nächsten drei Spielen nicht zur Verfügung. Alles weitere wird man sehen müssen.“ Selbst die Stirnrunzeln verursachende Textpassage aus der Pressemitteilung, „wir sind uns der Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern, aber auch unserer sportlichen Lage bewusst“, wurde nicht weiter thematisiert. Ein Indiz für Risse in der nach außen hin heilen Holstein-Welt?

Diese Spieler haben Holstein Kiel in der Vergangenheit geprägt:

Verteidiger Henning Hardt kann eine beeindruckende Leistungsbilanz im Trikot der Störche vorweisen: 276 Spiele, sieben Tore. Zur Galerie
Verteidiger Henning Hardt kann eine beeindruckende Leistungsbilanz im Trikot der Störche vorweisen: 276 Spiele, sieben Tore. ©

Chance vertan, Vorhang auf für alle Spekulationen, an denen sich an dieser Stelle allerdings nicht beteiligt wird. Mag sich jeder sein eigenes Bild, geprägt von möglichen Falsch-Informationen, Wunschdenken oder Verschwörungs-Theorien, machen. Der Tag vor dem Heimspiel gegen Dynamo Dresden (Donnerstag, 18.30 Uhr) offenbarte derweil einen Makel in Reihen der Störche, der schon vor der Corona-bedingten Öffentlichkeits-Abstinenz deutlich geworden war: die mangelnde Transparenz. Verursacht möglicherweise durch eine beinahe irrationale Furcht vor der überschaubaren Zahl der regelmäßig über die Geschicke der Störche berichtenden Journalisten als Transporteure der Informationen.

Wer sich derart verhält, reizt die Neugier der medialen Berichterstatter in besonderem Maße. Und so stellt sich abseits der außergewöhnlichen Situation um Ole Werner eine weitere Frage. Dass die Holstein-Verantwortlichen mit dem ablösefreien Ahmet Arslan einen überragenden Viertliga-Akteur verpflichtet haben, entspricht sowohl unter sportlichen als auch wirtschaftlichen Aspekten der Personalpolitik der Kieler. Das teils unwürdige Getöse, das der Wechsel der torgefährlichen Offensivkraft vom designierten Drittliga-Aufsteiger VfB Lübeck ausgerechnet zum Erzrivalen aus Kiel entfacht hat, ist unter professionellen Gesichtspunkten schlicht zu vernachlässigen. Auch der Spieler selbst wird lernen, Videos, in denen er beim Blick in seine eigene Zukunft von Klubs spricht, zu denen er keineswegs gehen wolle und damit unmissverständlich auf die KSV Holstein abzielt, künftig besser nicht öffentlich zu machen.

Warum aber die Störche einem 26-Jährigen, der bislang nicht einmal auf Drittliga-Ebene Höchstleistungen in Konstanz vorweisen kann, mit einem Vierjahres-Vertrag ausstattet, bleibt ein Rätsel, das zu klären ist. Für Arslan selbst indes gilt: herzlich willkommen und ehrlichen Glückwunsch zur sportlichen wie finanziellen Gold-Card!

Ob Arslan die Riege um die bislang unter dem Radar fliegenden Akteure wie Michael Eberwein, Philipp Sander und Tobias Fleckstein oder die Leih-Rückkehrer Daniel Hanslik und Benjamin Girth (samt und sonders mindestens bis 2021 unter Vertrag) bereichert oder tatsächlich einschlägt, wird die Zukunft beweisen. Oder in den Worten Uwe Stövers formuliert: „Das wird man sehen müssen.“

Das sagen Holstein-Fans zur Verpflichtung von Ahmed Arslan vom VfB Lübeck

Holstein-Dauerkarten-Inhaber Arne Butscheck: Ich finde den Wechsel tatsächlich etwas fragwürdig. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, haben die Spieler aus der 3. und 4. Liga ja meistens nicht so gut funktioniert. Ich bin gespannt, ob es bei Arslan für die 2. Liga reicht, oder ob er nach einem halben Jahr bereits wieder verliehen wird, wie schon Benny Girth. Besonders fragwürdig finde ich das auf YouTube aufgetauchte Video. Ein Königstransfer ist das für mich jedenfalls nicht und Uwe Stöver hat noch viel Arbeit vor sich. Ich bin auch der Meinung, dass es langsam mit Verpflichtungen aus der 3. und 4. Liga reicht.

Nils Voss, Co-Trainer beim Landesligisten SV Tungendorf, Dauerkartenbesitzer und Holstein-Fan: Ich halte Ahmet Arslan für einen überragenden Regionalligaspieler. Wahrscheinlich zu gut für die Regionalliga, jedoch muss man gucken, ob er es zwei Klassen höher packt. Der Sprung ist natürlich gewaltig. Wenn so ein Spieler ablösefrei ist und Holstein ihn verpflichtet, ist zumindest die Fallhöhe für die KSV allerdings nicht allzu hoch. Die Aussagen, die er vorher getroffen hat, sind natürlich sehr unglücklich. Ich hoffe aber, dass es nicht so läuft wie bei Benjamin Girth und Daniel Hanslik. Aus seiner Sicht ist der Wechsel aber nachvollziehbar.

Jürgen Bahlmann, bei jedem Holstein-Spiel dabei: Wenn er bereit ist, auch bei uns in der U23 zu spielen, ist es einen Versuch wert. Ober er die Qualität hat, die wir brauchen, bezweifel ich. Aber Lübeck den besten Mann wegzuholen, ist schon sehr lustig.

Von Andreas Geidel und Andrè Haase