21. April 2020 / 09:41 Uhr

Opas Bergfest: Fußball-Alptraum im Saarland

Opas Bergfest: Fußball-Alptraum im Saarland

Andreas Geidel
Opas Bergfest heute mit dem Thema Relegation.
Opas "Bergfest" heute mit dem Thema Relegation. © Andrè Haase
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Ehemaliger Störche-Co-Trainer Bernd Heemsoth über den DFB Pokal und den Aufstieg in die 3. Liga

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Nur zu gerne erinnert sich Fußball-Kiel an den 7. Februar 2012. Damals, als die KSV Holstein an einem der bis dahin größten Tage der Vereinsgeschichte dem Viertelfinale im DFB-Pokal entgegen fieberte – und am Abend bei arktischen Minusgraden vor 11.522 Zuschauern mit 0:4 dem späteren Cup-Sieger Borussia Dortmund unterlag. Wie die Störche vor gut acht Jahren, so spielt auch der 1. FC Saarbrücken aktuell in der Vierten Liga. Die Saarländer indes warfen in der Runde der letzten Acht den Bundesligisten Fortuna Düsseldorf nach einem packenden Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb. Das war am 3. März. Doch nur zehn Tage nach diesem historischen Paukenschlag in forte fortissimo stieß das Corona-Virus den 1. FCS und dessen Anhang in die vielleicht größte Schockstarre des deutschen Fußballs.

Bernd Heemsoth vertreibt sich die ungewöhnlich ausgedehnte Freizeit wie viele seiner Berufskollegen in heimischen Gefilden. Für ihn ist dies Petersfehn 1 bei Oldenburg/Niedersachsen. Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist er als Assistenzcoach des Chefs Lukas Kwasniok beim 1. FC Saarbrücken tätig, tüftelt knapp 600 Kilometer von seinem Arbeitgeber entfernt im Homeoffice an taktischen Kniffen, hält sich im Garten oder mit Ausdauerläufen individuell fit. Motivation bieten die Erinnerungen an die Glanz-und-Gloria-Nacht gegen Düsseldorf mit Torwart und Matchwinner Daniel Baatz, der die gesamte Region mit insgesamt fünf parierten Elfmetern in Euphorie versetzte.

Bernd Heemsoth (li.) und Christian Wück.
Bernd Heemsoth (li.) und Christian Wück. © Peter
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Vieles hat der 53-jährige A-Lizenz-Inhaber im Fußball erlebt. Unter anderem gleich zweimal als Co-Trainer bei Holstein Kiel. Zunächst unter Hans-Werner Moors (16. September 2002 bis 8. Septmeber 2003), danach noch einmal unter Christian Wück (15. Februar 2010 bis 30. Juni 2010). Auch mit den Ex-Störche-Trainern Peter Vollmann (Wehen Wiesbaden) und Karsten Neitzel (SV Elversberg) hat er zusammen gearbeitet. Die Ungewissheit der momentanen Lage aber macht naturgemäß auch vor Heemsoth nicht halt.

„Niemand weiß, wie es weitergeht“, sagt der ehemalige Abwehrspieler, der 87 Zweitligaspiele für Hannover 96 bestritt. Und unter Regie des damaligen Coaches Michael Lorkowski mit den Niedersachsen am 23. Mai 1992 als Zweitliga-Klub nach einem 4:3 im Elfmeterschießen gegen Borussia Mönchengladbach sensationell den deutschen Pokal an die Leine holte. „In diesem Wettbewerb ist eben alles möglich, das habe ich ja positiv am eigenen Leibe erfahren“, so Heemsoth.

Und tatsächlich: Noch ist der Traum vom Finale in Berlin nicht geplatzt. Noch besitzt der 1. FCS die Chance, per Geisterspiel im Halbfinale mit Bayer Leverkusen dem nächsten Schwergewicht ein Bein zu stellen. Wie schon in den Runden zuvor vor vollen Rängen Jahn Regensburg, 1. FC Köln, Karlsruher SC und eben Düsseldorf. „Die Frage ist nur, ob überhaupt noch gespielt wird. Und wenn ja wann“, rätselt der ehemalige Defensiv-Allrounder Heemsoth.

Dazu kommt noch eine sportpolitische Ungerechtigkeit. Denn während Leverkusen wie alle Erst- und Zweitligisten zumindest in Kleingruppen trainieren darf, müssen sich die Saarländer mangels Sondergenehmigung zumindest bis kommenden Freitag mit individueller Arbeit begnügen. Und auch der finanzielle Aspekt sorgt für Grübeleien. 2.587.500 Euro an Prämien aus dem DFB-Vermarktungspool haben die Saarbrücker dank ihres Triumphzuges eingenommen. 2.807.000 Euro kommen für die Halbfinal-Qualifikation obendrauf. „Aber nur, wenn gespielt wird, wenn die Mannschaften tatsächlich auf den Rasen laufen und das Fernsehen überträgt“, ergänzt Heemsoth. Sage noch einer, in der aktuellen Finanzkrise des deutschen Profifußballs hängen nur die Erst- und Zweitligaklubs am Tropf der TV-Sender.

"Meine Holstein Kiel-Traumelf" - Heute von Thomas Griese

Doch der Pokal ist lediglich eine Saarbrücker Baustelle infolge der Pandemie. Nachhaltig wertvoller wäre für den Vollprofi-Kader ohnehin der Aufstieg in Liga drei.Mit sechs Punkten Vorsprung und einer um zehn Treffer besseren Tordifferenz führte nach dem 23. Spieltag das Bundesliga-Gründungsmitglied um Präsident und Hauptsponsor Hartmut Ostermann die Tabelle vor Verfolger Elversberg an – klarer Aufstiegskurs. Dann kam der Shutdown für die Regionalliga Südwest. Seit dem 8. März ruht auch in dieser Liga der Ball.

Abbruch der Saison, Aufstockung der Dritten Liga, Aufstieg am grünen Tisch, Verbleib in Liga vier, Prozesse der sich benachteiligt fühlenden Vereine? „Diese Ungewissheit ist wirklich nervtötend“, klagt Heemsoth und bricht eine Lanze für den Anhang seines Klubs: „Das Saarland lechzt nach höherklassigem Fußball. Das Fan-Potenzial ist für Regionalliga-Verhältnisse überragend. Hier wird Fußball traditionell gelebt.“

Diese Spieler haben Holstein Kiel in der Vergangenheit geprägt:

Zur Saison 2015/16 wechselte Rafael Czichos vom damaligen Drittligisten FC Rot-Weiß Erfurt zum Ligakonkurrenten Holstein Kiel. Nach dem verpassten Aufstieg in die Bundesliga am Ende der Spielzeit 2017/18 schloss er sich dem 1. FC Köln an. Seine Bilanz bei Holstein Kiel: 111 Spiele (16 Tore). Zur Galerie
Zur Saison 2015/16 wechselte Rafael Czichos vom damaligen Drittligisten FC Rot-Weiß Erfurt zum Ligakonkurrenten Holstein Kiel. Nach dem verpassten Aufstieg in die Bundesliga am Ende der Spielzeit 2017/18 schloss er sich dem 1. FC Köln an. Seine Bilanz bei Holstein Kiel: 111 Spiele (16 Tore). ©

Immerhin 3163 Zuschauer besuchten im Schnitt die Heimspiele des 1. FC Saarbrücken. Die mussten bislang im Hermann-Neuberger-Stadion in Völklingen ausgetragen werden. Diese Spielstätte genügt aber nicht den unter normalen Voraussetzungen gültigen DFB-Vorgaben. Der heimische Ludwigspark wird seit 2018 zu einer reinen Fußball-Arena umgebaut. Die ursprünglich mit 16 Millionen Euro angesetzten Kosten sind nach neuestem Stand auf 46,5 Millionen Euro angewachsen. Die für diesen Sommer geplante Fertigstellung ist auch wegen der Folgen des Corona-Virus äußerst fraglich.

Zurück zum Pokal. Heute hätte im Normalfall für die Saarbrücker das Halbfinale gegen Leverkusen auf dem Programm gestanden. Für viele Beteiligte sicher das Spiel ihres Lebens.