06. Mai 2020 / 12:51 Uhr

"Otto" schoss das letzte Tor beim bis heute letzten VfL-Abstieg

"Otto" schoss das letzte Tor beim bis heute letzten VfL-Abstieg

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
43 Jahre her: Der VfL Wolfsburg (l. Trainer Momirski) stieg aus der 2. Liga Nord ab, Wolfgang Wallek (r.) machte das letzte Tor.
Entschlossener Blick: Wolfgang Wallek (M. und r.; auf dem großen Bild v. r. Jürgen und Ralph Speh, Joachim „Tanne“ Diehl, Wallek, Ronald Feuerhahn und Trainer Radoslav Momirski. © Fritz Rust
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Diesmal geht’s um einen Treffer, den es in dieser Art nie wieder geben konnte.

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Wohin das mal führen würde, das hätten wir wohl beide nicht gedacht in jenem Mai. 1992, kurz vor der Aufstiegsrunde zur 2. Liga, in die der VfL Wolfsburg - mal wieder - eingezogen war. Wolfgang Wallek, den man bis heute nur Otto ruft, erzählte mir seine Gedanken zur kommenden Aufstiegsrunde zur 2. Liga. Die hatte er nämlich auch mal erfolgreich mit Wolfsburg bestritten. Er räumte 1992 auf mit dem Vorurteil, das immer wieder aufkam. Jenes, dass die VfLer gar nicht aufsteigen wollten, zumal sie gerade ein Jahr vorher erst gescheitert waren. "Die wollen", sagte Wallek. Und behielt Recht. Und wie.

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Wolfgang "Otto" Wallek wollte auch immer - Tore schießen. So war es dann letztlich auch nicht verwunderlich, dass er einen finalen Treffer erzielte. Nämlich den letzten eines Fahrstuhl-VfL, das letzte Tor absteigender Wolfsburger. Beim 1:4 in Osnabrück am 21. Mai 1977 hatte der Weyhäuser das zwischenzeitliche 1:1 der Gäste erzielt. Für einen längst feststehenden Absteiger, der sich dann für längere Zeit in der 3. Liga einrichtete. Bis 1992. Was niemand ahnen konnte: Nach 1992 stieg der VfL sogar noch einmal auf, wurde deutscher Meister, spielt seit über 20 Jahren in der Bundesliga - aber er stieg in inzwischen 43 Jahren nie wieder ab.

Vor 40 Jahren stieg der VfL das letzte Mal ab Bilder aus der Saison in der 2. Liga Nord.

VfL-Kapitän Ronald Feuerhahn Zur Galerie
VfL-Kapitän Ronald Feuerhahn ©

"Ach, in Osnabrück, beim letzten Zweitligaspiel 1977 habe ich auch getroffen. Das hätte ich nicht mehr gewusst", sagte Wallek, auf dieses Saisonfinale angesprochen. Ein paar Jährchen ist es schon her, zudem traf Wallek, gerade 70 geworden, oft. In jener Spielzeit satte 17 Mal. Franz Gerber (28 Tore/St. Pauli) und Gerd-Volker Schock (23/VfL Osnabrück) standen ganz oben in der Torjägerliste, aber der Mann aus der VW-Stadt hatte genauso gut getroffen wie die viel bekannter gewordenen Friedhelm Funkel oder Jürgen Milewski. Die größeren Namen, die in jener Zeit in der Liga spielten, zeigen an, woran es beim VfL haperte. Spieler wie Manfred Mattes, Ingo Eismann, Wilfried Kemmer oder Dieter Winter waren gute Spieler und regional bekannt. Aber ohne richtig erfahrene Profispieler war der VfL nicht gut genug für die 2. Liga.

Anderenorts waren teils schon Vollprofis am Werk. In Wolfsburg war man im Werk. Bei VW. Und spielte auch Fußball. Wallek: "Ich weiß noch, wir kamen in unseren VW-Mannschaftsbullis zum Spiel bei Fortuna Köln. Und dort standen einige Porsches von Spielern."


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1969 hatte der VfL ihn als 19-Jährigen aus Lebenstedt nach Wolfsburg gelockt. Weil er Tore schießen konnte. "Auch Braunschweig hatte mich beobachtet, wollte mich, aber nur für die Amateurmannschaft. Da bin ich lieber nach Wolfsburg, in eine erste Mannschaft - und die berufliche Perspektive hatte für einen jungen Fußballer damals einen hohen Stellenwert." VW hielt er 41 Jahre die Treue ("Meinen Arbeitsplatz zu behalten, das war mir auch wichtig, als ich 1977 zu Arminia Hannover ging“).

Als der VfL im Mai 1977 gegen Osnabrück antrat, da war er längst abgestiegen, hatte am Ende 16:60 Punkte bei 46:119 Toren. Wallek: "Das tat nicht so weh wie der Zweitliga-Abstieg zwei Jahre zuvor. Da war es knapper gewesen. 1976/77 sind wir auch mit Euphorie gestartet, aber es wurde schnell klar, es wird nicht reichen." Besser als an sein letztes Tor beim letztmaligen Abstieg kann sich Wallek bis heute an einen anderen Treffer erinnern: sein 4:2 gegen das Spitzenteam von Preußen Münster um den langjährigen Bundesliga-Profi Benno Möhlmann. Wallek hatte schon das 3:2 besorgt. Und beim 4:2 narrte er gleich mehrere Gegenspieler samt Torwart Gerhard Welz, stoppte den Ball auf der Linie, kniete sich hin und drückte den Ball per Kopf über die Linie. "Da war sogar der Schiedsrichter verdutzt, gab Tor und fertig. "Nach dem Spiel meinte er zu mir: ,Otto, ich hätte dich doch eigentlich verwarnen müssen'." Wallek, der wunderbar erzählen kann, über seinen Übermut: "Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe, vielleicht weil Coach Farkaszinski immer sagte, ,Otto, du musst auch mal ein Kopfballtor machen'." Und Otto machte es. Eben so.

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Aber wieso eigentlich Otto? "Irgendwann, als B-Jugendlicher, so in der Zeit, habe ich mal ein gutes Spiel gemacht, da waren viele Zuschauer da, mein Vater Otto hatte eine Gaststätte, in der viele Spieler der Salzgitteraner Klubs verkehrten. Und ich war eben der Sohn vom Otto. Und später der Otto. So kam das."