26. Oktober 2019 / 08:07 Uhr

Paderborn-Trainer Steffen Baumgart kritisiert Geld-Verteilung: „Fußball in Deutschland ist mehr als Bundesliga“

Paderborn-Trainer Steffen Baumgart kritisiert Geld-Verteilung: „Fußball in Deutschland ist mehr als Bundesliga“

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Paderborn-Trainer Steffen Baumgart ist besorgt, dass die Schere im Fußball noch größer wird, wie er im SPORTBUZZER-Interview verriet.
Paderborn-Trainer Steffen Baumgart ist besorgt, dass die Schere im Fußball noch größer wird, wie er im SPORTBUZZER-Interview verriet. © Getty Images/Montage
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Nicht nur, dass er mit dem SC Paderborn in der Bundesliga auf einem Abstiegsplatz steht, beschäftigt Trainer Steffen Baumgart. Auch die wachsende finanzielle Kluft zwischen Profi-Teams und Amateurvereinen treibt ihn um, wie er im SPORTBUZZER-Interview verrät.

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Dieser Artikel ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Weitere Informationen dazu auf gabfaf.de.

Steffen Baumgart hat alles schon erlebt – als Spieler und Trainer kennt er sowohl die Niederungen als auch die Eliteklasse des deutschen Fußballs. Aktuell liegt er mit dem SC Paderborn auf Platz 18 der Bundesliga – macht sich aber nicht nur deshalb große Sorgen.

Steffen Baumgart, alle Aufsteiger stecken im Tabellenkeller. Zufall?

Kann kein Zufall sein. So, wie die Bundesliga und ihre Gelder aufgeteilt sind, haben es die Aufsteiger immer schwer. Wir haben den Etat eines mittelmäßigen Zweitligisten. Es gibt die, die um die Champions League spielen, die, die international spielen – und fünf, sechs Abstiegskandidaten. Es muss unser Ziel sein, den SCP unter den besten 30 Teams in Deutschland zu etablieren – und nicht, dauerhaft in der Bundesliga zu spielen. Das wird aus finanzieller Sicht nicht gehen. Ein HSV oder Stuttgart – die sollten eigentlich um die Champions League spielen und nicht um den Aufstieg. Die Unterschiede sind enorm und werden größer.

„Interessiert den Fan in Dresden oder Cottbus nicht, ob Bayern Champions-League-Sieger wird“

Finden Sie das ungerecht?

Mir geht es auf die Nerven, wenn ich höre: Wir brauchen oben mehr Geld, damit wir die Champions League gewinnen. Mich interessiert das nicht annähernd. Der deutsche Fußball beginnt in der Oberliga. Man muss sich mal die 3. Liga angucken, da geht es Jahr für Jahr ums Überleben. Ob Bayern Champi­ons-League-Sieger wird, interessiert den Fan in Dresden oder Cottbus nicht.

Jochen Breyer: #GABFAF in 60 Sekunden

Inwiefern?

Der deutsche Fußball ist mehr als die Bundesliga. Wir sehen, wie viele Zuschauer die 3. Liga gucken, wie überragend die 2. Liga angenommen wird. Wenn man sich mal so eine Sendung wie den Doppelpass anguckt: Da wird ein Jahr lang über Dortmund, Bayern, mittlerweile Leipzig und irgendeinen, der in der Krise ist, gesprochen. 50 Vereine werden gar nicht erwähnt. Ist das der Fußball? Also nicht meiner. Damit habe ich wirklich ein Problem. Die Schere wird immer weiter auseinander gehen. Dann wird es immer so sein, dass immer die gleichen Mannschaften um die gleichen Plätze spielen.

Baumgart: Gelder werden nicht für deutschen Fußball genutzt

Verständnis, dass Coutinho bei Bayern 13 Millionen Euro netto verdient?

Wenn das Geld bezahlt wird, okay. Aber ich frage mich: Was macht den deutschen Fußball aus? Nur Bayern, Dortmund, Schalke? Es gibt auch gute Regionalligisten wie Rot-Weiss Essen oder BFC Dynamo. Die können kaum überleben, weil alles Geld nach oben geht. Die Gelder werden ja nicht dafür genutzt, dass der deutsche Fußball sich entwickelt, sondern es geht immer um den Meister, den Pokalsieger. Wie viele deutsche Spieler haben wir überhaupt noch in der Bundesliga? Jeder deutsche Spieler in der Bundesliga gehört ja beinahe schon zum erweiterten Kader von Jogi Löw. Da frage ich mich schon: Ist das alles so richtig?

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Kann man das Rad zurückdrehen?

Nein. Die Leute, die die Macht haben, wollen es nicht ändern, also bleibt es dabei.

Das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF berichtet regelmäßig über Probleme bei Amateurvereinen. Hier eine Auswahl an Klubs, die davon profitiert haben:

<strong>Suchsdorfer SV (Schleswig-Holstein):</strong> Die C-Jugend des Suchsdorfer SV hatte gleich doppeltes Glück. Im Zuge des Abschieds von Rafael van der Vaart im Hamburger Volksparkstadion durfte das Team das Pre-Game gegen Damian van der Vaart und seine Mannschaft von Victoria Hamburg spielen. Zusätzlich gab es eine neuen Trikotsatz oben drauf.  Zur Galerie
Suchsdorfer SV (Schleswig-Holstein): Die C-Jugend des Suchsdorfer SV hatte gleich doppeltes Glück. Im Zuge des Abschieds von Rafael van der Vaart im Hamburger Volksparkstadion durfte das Team das Pre-Game gegen Damian van der Vaart und seine Mannschaft von Victoria Hamburg spielen. Zusätzlich gab es eine neuen Trikotsatz oben drauf.  ©
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Baumgart über Mega-Transfers: „Wer macht diese Marktwerte?“

Das liegt aber auch an den Summen, die andere Mannschaften in Europa zur Verfügung haben.

Manchester City hat in den letzten zehn Jahren über eine Milliarde ausgegeben, 800 Millionen Minus gemacht. Vereine haben teilweise 50, 60 Spieler ausgeliehen, weil sie sie unter Vertrag haben und irgendwann mal auf sie hoffen. Da weiß ich nicht, wo das hinführt. Wer macht diese Marktwerte? Wenn einer sagt, da ist ein Spieler von Chelsea, hat er automatisch einen Marktwert von was weiß ich wie vielen Millionen. Und dann frage ich erst mal: warum? Es geht bei diesen Zahlen nur um die Show. Deswegen interessiert mich nur: Kann einer etwas, oder kann einer nichts? Aber man muss schon sagen: Die, die teuer sind, können auch meistens was. (grinst)

Wären Sie lieber heutzutage Profi?

So, wie meine Karriere verlaufen ist, bin ich erst mal froh, dass ich da angekommen bin. Das ist schon eine Auszeichnung – und für viele ein Schlag ins Gesicht. 14 Jahre über 240 Bundesliga-Spiele – mit einem Talent, das andere auch gehabt haben. Ich kann mit meinen Enkeln auf vieles zurückblicken, was andere nicht erreicht haben. Letztens hat jemand zu mir gesagt: Ich bin nicht mit dem Fahrstuhl gefahren, ich habe wirklich die Treppe genommen.

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