19. August 2021 / 12:29 Uhr

Kämpferherz mit Goldhoffnung: United-Spielerin Beijer mit Niederlande bei den Paralympics

Kämpferherz mit Goldhoffnung: United-Spielerin Beijer mit Niederlande bei den Paralympics

Josina Kelz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
United-Spielerin Mariska Beijer (Nummer 15) gilt mit den Rollstuhlbasketballerinnen der Niederlande bei den Paralympics als Goldfavoritin.
United-Spielerin Mariska Beijer (Nummer 15) gilt mit den Rollstuhlbasketballerinnen der Niederlande bei den Paralympics als Goldfavoritin. © imago images / Beautiful Sports / privat
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Mariska Beijers Start ins Leben war schwer: Erst erkrankte sie an Nierenkrebs und verlor dann bei einem Sturz beide Füße. Doch die Frohnatur von Hannover United zeigte stets Kampfgeist und ist nun Teil der niederländischen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft, die bei den Paralympics in Tokio auf Gold hoffen darf.

An Mariska Beijer (30) fallen nicht zuerst die fehlenden Füße auf, sondern das strahlende Lächeln. Und es wird noch breiter, als sie von ihrem ersten Mal beim Rollstuhlbasketball erzählt. „Ich war etwa zehn Jahre alt und spielte Rollstuhl-Badminton, die Halle war 50 Meter von unserem Haus entfernt. Aber irgendwas hatte mir dabei gefehlt“, erinnert sie sich. „Dann nahm mich eine Teamkollegin mit zum Basketball. Ich sagte direkt: Das ist mein Sport.“ Sie beschreibt das Quietschen der Rollstuhlreifen auf dem Hallenboden, das Dribbeln des Balls, die Fangesänge.

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Heute bekommt Beijer ihren eigenen Jubel. Denn mit dem niederländischen Nationalteam ist die Sportlerin amtierende Welt- und Europameisterin. Zum dritten Mal fährt sie zu den Paralympischen Spielen, in Rio und London holte sie Bronze, aktuell gilt ihr Team als Goldfavorit.

Beijer pausierte wegen Corona

Und wenn sie nicht mit den Niederländern trainiert, dann in Hannover. Zwei Saisons hat sie bereits für Hannover United gespielt, die vergangene Spielzeit hatte sie allerdings ausgesetzt – wegen Corona. „Ich habe so viele gesundheitliche Probleme, das war zu riskant. Jetzt bin ich aber doppelt geimpft“, freut sie sich.

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Beijers Start ins Leben war schwer, das spürt sie noch heute am ganzen Körper. Als Baby erkrankte sie an Nierenkrebs, verbrachte etwa anderthalb Jahre mit Chemotherapie und im Krankenhaus. Das Immunsystem wurde durch die Medikamente zerstört, das Resultat: Asthma, Allergien und vieles mehr.

Erst Nierenkrebs, dann beide Füße verloren

Als wäre das nicht schon genug, fiel Beijer als Einjährige, geschwächt von der Chemo, die Treppe runter und verlor beide Füße. Das Laufen lernte sie mit Prothesen. „Ich kann laufen, aber nicht lange. Im Haus kann ich mich frei bewegen und den Einkauf bekomme ich auch hin.“

Ihr bester Freund wurde der Rollstuhl. Noch wichtiger wurde er, als Beijer sich im Alter von zehn Jahren bei einem Skiunfall schwer verletzte, seitdem ist ihr linkes Bein kaputt. „Wenn ich irgendwo hingehe, wo ich nicht weiß, ob es eine Sitzmöglichkeit gibt, nehme ich den Rollstuhl mit. Dann fühle ich mich sicherer“, erklärt sie. „Zum Beispiel auf Festivals“, ergänzt sie und lacht. Denn sie ist eine normale junge Frau, die ausgeht, feiert, Spaß hat.

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"In Hannover verstehe ich das Deutsch besser als in Trier"

Die Niederlande ist und bleibt ihr Zuhause. „Ich habe mir vergangenes Jahr ein Haus in Doorwerth gekauft“, erzählt Beijer. Doch ihre Wohnung in Hannover-Mitte genießt die 30-Jährige auch. „Als Niederländerin ist es einfach, in Deutschland zu leben. So ein großer Unterschied ist das nicht.“ Bevor sie zu Hannover United wechselte, spielte sie in Trier bei den Dolphins. „In Hannover verstehe ich das Deutsch aber besser“, gibt sie zu und lacht.

Obwohl die Niederlande so gut im Rollstuhlbasketball ist, spielen viele Sportler bei deutschen Vereinen. „Das Niveau und die Möglichkeiten sind hier einfach besser. In einem niederländischen Verein kann ich vielleicht ein- bis zweimal pro Woche trainieren, ich möchte aber ein- bis zweimal am Tag trainieren.“

Japan-Fan mit Drang zur Kreativität

Und wenn sie das nicht tut, geht sie mit ihrer Teekanne in einen hannoverschen Park, puzzelt, spielt Flöte oder malt. Mit der Handykamera zeigt sie im Videocall auf selbst gemalte Bilder, die an der Wand in ihrem Haus in Doorwerth hängen. „Ich liebe es, kreativ zu sein.“

Und sie liebt Japan. Es ist ihr fünfter Wettkampf dort. „Ich liebe die Menschen und das Essen! Sushi, Curry, Miso-Suppe, Matcha-Tee…“, schwärmt sie voller Vorfreude. Heute Nacht um 2 Uhr startet der Flieger, am 25. August hat ihr Team das erste Spiel gegen die USA.

"Es ist wichtig neben dem Sport eine Sicherheit zu haben"

„Wer hätte gedacht, dass ich bei meinen dritten Paralympics dabei bin?“, sagt Beijer. In ihrem Team nimmt einer sogar schon zum sechsten Mal an den Spielen teil. „Gut möglich, dass ich auch so lange am Start bin“, sagt Beijer und grinst. Und wenn nicht, hat sie ihren Bachelor in BWL in der Tasche. Stolz zeigt sie auf die Urkunde im Regal. „Es ist wichtig, neben dem Sport eine Sicherheit zu haben.“