24. August 2021 / 09:02 Uhr

Medaille bei der Premiere? Trio des VfL Grasdorf hat in Tokio definitiv was vor

Medaille bei der Premiere? Trio des VfL Grasdorf hat in Tokio definitiv was vor

Alexander Flohr
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Bereit für die Paralympics: Die Para-Badminton-Spieler ThomasWandschneider, Jan-Niklas Pott und Young-Chin Mi (alle vom VfL Grasdorf, von links) freuen sich auf Tokio.
Bereit für die Paralympics: Die Para-Badminton-Spieler ThomasWandschneider, Jan-Niklas Pott und Young-Chin Mi (alle vom VfL Grasdorf, von links) freuen sich auf Tokio. © Debbie Jayne Kinsey
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Am Dienstag gehen die Paralympics los. Und erstmals geht es auch im Para-Badminton um Medaillen. Und genau die nehmen Thomas Wandschneider, Jan-Niklas Pott und Young-Chin Mi ins Visier. Das Trio vom VfL Grasdorf hat sich für die Premiere in Tokio einiges vorgenommen.

Der Arm ist unten, der Schläger in der Hand. Der Ball fliegt über das Netz. Beide Hände an den Rollstuhl, schnelle Bewegung, Schläger hoch. Und wieder rüber auf die andere Seite. So beschreibt Thomas Wandschneider einen üblichen Ballwechsel beim Para-Badminton. „Es ist anders, als für gesunde Menschen. Wir müssen uns im Rollstuhl perfekt bewegen und auch die Bälle mit höchster Präzision spielen“, erklärt der 57-Jäh­rige, der als einer der ältesten Athleten bei den Paralympics in Tokio dabei ist. Am Dienstag startet das Flugzeug. Mit ihm sind auch die Teamkollegen Jan-Niklas Pott und Young-Chin Mi vom VfL Grasdorf am Start.

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Für die drei Sportler ist es eine Premiere. Badminton ist zum ersten Mal paralympisch. Für das große Event hat Wandschneider sogar seinen Ruhestand verschoben. Eigentlich wollte er seine Sportlerkarriere schon vor Jahren beenden. Nun greift er in Japan sogar nach einer Medaille: „Ich habe mich mehr als eineinhalb Jahre intensiv vorbereitet. Ich will in Tokio kein Statist sein, sondern auf jeden Fall eine Medaille holen – wenn möglich sogar Gold.“ Im Mixed tritt er zusammen mit Kollege Mi an. Dort müssen sie sich gegen fünf weitere Doppelgegner durchsetzen.

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Im Einzel ist die Konkurrenz groß. Vor allem die asiatischen Spieler dominieren den Sport. Und dennoch überzeugt Wandschneider (seit einem Unfall querschnittsgelähmt) durch seine Erfahrung und Ehrgeiz. Der Routinier ist ein Kämpfer. „Ich habe auch mal bei einer WM drei Tage lang mit gebrochener Nase gespielt“, erzählt er. „Mein Trainer wollte mich aus dem Turnier nehmen. Da meinte ich nur: ,Mich schmeißt hier niemand raus.‘“ Wandschneider kämpfte sich durch bis ins Finale.

Selbst der lockere Typ Mi ist angespannt

Mit dieser Mentalität will er auch die Spiele in Tokio angehen. Die lange Vorbereitung hat Kraft gekostet. Doch die harte Arbeit hat sich ausgezahlt. „Ich bin sehr fit, hole das Maximum aus mir heraus“, sagt Wandschneider.

Sein Mixed-Partner, der querschnittsgelähmte Mi (42), ist ebenfalls bereit, spürt aber den zunehmenden Druck. „Ich bin eigentlich ein ganz lockerer Typ“, sagt Mi, „aber so langsam steigt die Anspannung. Es ist eben was ganz anderes.“ Mi hatte seinen Lebensmittelpunkt für die Spiele extra von Dortmund nach Hannover verlegt. „Die Vorbereitung war diesmal noch intensiver. Ich konnte so die langen Fahrten für die Einheiten sparen“, sagt er.

Kollege Pott sieht sich nach der Verschiebung der Spiele um ein Jahr im Vorteil. „Ich habe in dieser Zeit einen großen Schritt nach vorne gemacht, bin jetzt noch besser und fitter“, sagt der 27-Jäh­rige, den eine Tibiaypoplasie behindert, also ein verkürzter Unterschenkel ohne Sprunggelenk und Wachstumsfuge. Für seinen Sport ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Potts größter Vorteil: Er hat die nötige Ruhe. Von Anspannung ist bei ihm nichts zu merken. „Ich spüre keinen Druck. Dafür bin ich einfach keine Person. Im Wettkampf bin ich zu 100 Prozent da und kann frei aufspielen.“


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Pott hat auch familiäre Unterstützung im olympischen Dorf. Cousin Thomas Rau ist als Tischtennisspieler nach 2012 und 2016 zum dritten Mal dabei – und kämpft um die vorderen Plätze. Und was ist für ihn drin? „Im Mixed will ich bis ins Halbfinale kommen, danach ist alles möglich“, sagt Pott, der gemeinsam mit Mixed-Partnerin Katrin Seibert an den Start geht. Für ihn zählen in diesem Jahr aber nicht nur die Paralympics. Im Oktober geht’s um den Weltmeistertitel in Tokio. „Das ist für mich die einmalige Chance, zweimal ein gutes Ergebnis zu erzielen“, sagt er.

Für den 57-jährigen Wandschneider könnte es nach diesem Jahr sogar noch weiter gehen. Bei der WM in Japan ist er trotz zunehmenden Schulterschmerzen auf jeden Fall noch dabei. Auch die Paralympics 2024 in Paris sind noch drin. „Ich muss natürlich gucken, was mein Körper macht“, sagt er. „Aber ich mache das sehr gerne. Es gibt mir Selbstbestätigung, wenn ich gegen gesunde Menschen spiele und merke, dass sie keine Chance haben, obwohl ich im Rollstuhl sitze.“