18. Juni 2021 / 16:54 Uhr

Trotz Parkinson: Michael Schulte kämpft sich zurück zum Fußball

Trotz Parkinson: Michael Schulte kämpft sich zurück zum Fußball

Jan-Philipp Wottge
Kieler Nachrichten
Michael Schulte ist wieder voll im Einsatz.
Michael Schulte ist wieder voll im Einsatz. © Uwe Paesler
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Vor 15 Jahren erkrankte Michael Schulte an der Parkinson-Krankheit. Nach langer Leidenszeit und dank eines Hirnschrittmachers kann er jetzt endlich wieder dort sein, wo er am liebsten ist: auf dem Fußballplatz, als Teil des Trainerteams bei UT Kiel.

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Die Augen glänzen im Sonnenlicht. Die Mundwinkel zeigen steil nach oben. Michael Schulte strahlt die pure Lebensfreude aus. Er ist wieder da, wo er sich stets am wohlsten fühlte: Zurück auf dem Fußballplatz. Der 57-Jährige heuert bei seinem Heimatverein UT Kiel, dem er schon 1982 beitrat, als Teil des Trainerteams an.  

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„Fußball war und ist mein Leben“, sagt Schulte. Hinter dem Fußballtrainer liegt eine lange Leidenszeit. Vor mehr als 15 Jahren erkrankte Schulte am Parkinson-Syndrom, einer Erkrankung des Nervensystems. „Von einem Tag auf den anderen habe ich in meinem Bein ein Taubheitsgefühl verspürt“, erinnert er sich. Langsam ergriff die heimtückische Krankheit Besitz von ihm.

An der Seite seines Trainerteams hat Michael Schulte endlich wieder seinen Platz im Verein gefunden
An der Seite seines Trainerteams hat Michael Schulte endlich wieder seinen Platz im Verein gefunden © Uwe Paesler

Doch er kämpfte, ging weiter seiner Leidenschaft als Jugendtrainer nach und führte die C-Junioren der SpVg Eidertal Molfsee und die E-Jugend Kreisauswahl 2014 zum Landesmeistertitel. Dann war Schluss. Die Krankheit ließ ihm keine andere Chance. Die Fußballplätze der Region besuchte er lediglich noch als Zuschauer. Seinen Job bei der Bundesagentur für Arbeit musste er an den Nagel hängen. „Zeitweise bin ich so durch die Gegend getorkelt, dass die Leute denken mussten, ich sei sturzbetrunken“, blickt Schulte zurück. 2017 ging „Micha“ mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit: „Ich wollte aufklären, über mich, aber auch über die Krankheit. Mitleid wollte ich nie.“

Dank Hirnschrittmacher zurück ins Leben – und zum Fußball

Bis zu 30 Tabletten schluckte Schulte zeitweise am Tag, um seinen Zuckungen Herr zu werden. Licht ans Ende des Leidensweges brachte schließlich eine zehnstündige Operation, bei der dem heutigen Pensionär im Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf ein Hirnschrittmacher eingesetzt wurde. „Zehn Wochen vor der OP musste ich alle Tabletten absetzen. Ich fühlte mich wie ein Junkie, dem die Drogen weggenommen wurden“, erzählt Schulte. Die OP brachte den gewünschten Erfolg. „Mir ging es schnell besser.“ Schulte machte erste Schritte zurück ins soziale Leben, fuhr mit seiner Freundin Inken wieder in den Urlaub. „Sie ist mein starker Rückhalt in allen Situationen.“

Der Fußball rückte ebenfalls wieder in den Fokus. „Im Fernsehen habe ich kein Fußballspiel verpasst, aber ich wollte wieder raus. Raus auf den Platz“, sagt er. Er wählte die Nummer seines ehemaligen Jugendspielers Dennis Polenkowski, der zudem Trainer bei seinem Stammverein UT Kiel ist. „Der Anruf kam schon überraschend. Aber mir war sofort klar, dass wir für Micha eine Position finden würden und ihm diese Chance bieten. Wenn nicht bei uns im Verein, wo denn sonst?“, erinnert sich Polenkowski an das Telefonat im Februar diesen Jahres.

Nach Rücksprache mit den Ligaspielern des Kreisligisten integrierte Polenkowski den 57-Jährigen in sein Trainerteam. „Ich bin immer für einzelne Teilaspekte der Einheiten zuständig“, erläutert Schulte, der jedoch in jeder Trainingseinheit aufpassen muss, dass er keinen Ball an den Kopf, wo sich die Elektroden seines Hirnschrittmachers befinden, bekommt. „Den Ball verliere ich nicht aus dem Blick.“

„Abschalten gibt es nicht. Noch bin ich nach jeder Einheit platt, aber auch extrem glücklich“, schmunzelt der passionierte Coach. Beim reinen Fußballverein UT Kiel ist man froh, dass Michael Schulte den Weg zurück auf den Professor-Peters-Platz gefunden hat. Thomas „Thommy“ Ehlers, der 1. Vorsitzende und ehemalige Mitspieler Schultes, sagt: „Wir können alle von ihm und seinem Know-How profitieren. Es ist eine absolute Win-Win-Situation. Wenn es ihm gut geht, geht es uns allen gut.“

Olaf Rußmann, der bei UT Kiel Fußballobmann ist und „Micha“ seit über 35 Jahren kennt, berichtet: „Die harte Zeit liegt jetzt hoffentlich hinter ihm. Es ist einfach schön, ihn wieder auf dem Fußballplatz zu sehen.“ Das letzte Wort gehört dann Schulte, der wie im Leben auch beim Fußball auf Offensive setzt:

„Jeder Trainer, der als Aktiver Abwehrspieler war, liebt das Angriffsspiel. Doch jetzt muss ich weg, das Training fängt an. Die Jungs warten schon, aber ich werde jede Minute genießen“, verabschiedet er sich und eilt auf den Fußballplatz, von dem er nie weiter als zehn Gehminuten entfernt gewohnt hat und der auch deshalb seine zweite Heimat geworden ist.