13. November 2019 / 15:57 Uhr

Paukenschlag beim VfB Lübeck: Sportvorstand Stefan Schnoor wirft hin

Paukenschlag beim VfB Lübeck: Sportvorstand Stefan Schnoor wirft hin

Jürgen Rönnau
Lübecker Nachrichten
Stefan Schnoor ist nicht mehr Sportdirektor beim Regionalligisten VfB Lübeck.
Stefan Schnoor ist nicht mehr Sportdirektor beim Regionalligisten VfB Lübeck. © imago images
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"Sportliche Ausrichtung und Kompetenzverteilung" passen nicht mehr - Klima zu Trainer Landerl deutlich abgekühlt - Vorstand stützt den Coach

Der VfB Lübeck und Sportdirektor Stefan Schnoor haben die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung beendet. Nach intensiven Gesprächen mit Vorstand und Aufsichtsräten hat der 48-jährige Ex-Profi um vorzeitige Auflösung seines eigentlich bis 30. Juni 2020 gültigen Vertrages gebeten. Dem wurde schließlich mit "großem Bedauern" entsprochen. Als Gründe wurden "unterschiedliche Auffassungen zur sportlichen Ausrichtung und zur Kompetenzverteilung" genannt. Hier geht es zur offiziellen Mitteilung des VfB.

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Dabei war die Ausrichtung ganz klar formuliert - von niemandem so unumstößlich wie von Schnoor selbst. Zu Saisonbeginn hatte er am 25. Juli in einem Medientalk der LN während der Travemünder Woche öffentlich erklärt: "Wir steigen in die 3. Liga auf - alles andere kommt nicht in Frage." Dieses Ziel hatten sich beim VfB alle auf die Fahnen geschrieben, zuletzt aber hatte es Rückschläge gegeben. Die Niederlage in Drochtersen war ein Tiefpunkt, das 3:3 in Jeddeloh hätte die Wende bedeuten können, wenn eine 3:2-Führung nicht in der Nachspielzeit noch verschenkt worden wäre. Danach wurde Trainer Rolf Landerl vor allem in Fanforen zur Zielscheibe der Kritik. Der VfB-Vorstand reagierte umgehend, stellte sich öffentlich hinter seinen Trainer, der "nicht zur Disposition" stehe.

Mehr zu Stefan Schnoor

48-Jähriger war mehrfach beim Vorstand und Aufsichtsrat vorstellig geworden

Das war auch ein Signal an Sportdirektor Schnoor, dessen Verhältnis zum Coach sich über die Monate merklich abgekühlt hatte. Immer wieder hatte es zum Beispiel unterschiedliche Bewertungen einzelner Spieler gegeben, auch taktische Ausrichtungen waren längst nicht immer identisch. Der 48-Jährige war deshalb mehrfach beim Vorstand und Aufsichtsrat vorstellig geworden, war dabei aber stets um weitere konstruktive, ausgewogene Zusammenarbeit gebeten worden. Für Schnoor, der nicht gerade als Diplomat in Fußballschuhen bekannt ist, ein schwieriges Unterfangen . . .

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Stefan Schnoor - bis November 2019 Sportdirektor beim VfB Lübeck

Sportdirektor Stefan Schnoor und Trainer Rolf Martin Landerl 

beim Belt-Cup im Juli 2018 auf der Lohmühle. Zur Galerie
Sportdirektor Stefan Schnoor und Trainer Rolf Martin Landerl  beim Belt-Cup im Juli 2018 auf der Lohmühle. ©

Neben Ralf Dümmel VfBer mit bundesweiter Strahlkraft

Nach seinem Amtsantritt als "Sportdirektor-Novize" brachte Schnoor ab dem 29. August 2017 sofort extrem viel Knowhow aus 476 Spielen von der HH-Oberliga über die Bundesliga (277 Spiele für HSV und Wolfsburg) bis zur englischen Premier League (60 Spiele für Derby County) ein. Zudem war er bestens vernetzt in der Profifußballwelt, woraus mehrere viel beachtete Transfers resultierten. Schließlich war Schnoor als TV-Experte zu der Zeit neben Ex-Aufsichtsrat Ralf Dümmel ("Höhle der Löwen") der einzige VfBer mit bundesweiter Strahlkraft. Ein Volltreffer damals für die Grün-Weißen, zu dem ihnen ihr Aufsichtsrat Oliver Bruss über seine Kontakte verholfen hatte.

Stefan Schnoor/Rolf Landerl gegen Michael Hopp

Am 31. Mai 2018 wurde der Vertrag mit Schnoor um zwei Jahre verlängert, zudem wurde Michael Hopp als Sportvorstand eingestellt. In Kooperation sollten beide das "Projekt Drittligaaufstieg" positiv vorantreiben. Dazu sollten beide sogar eine Bürogemeinschaft auf der Lohmühle bilden. Das klappte nur kurzfristig. Rasch traten unterschiedliche Auffassungen in der "sportlichen Ausrichtung nebst Kompetenzverteilung" (siehe oben) auf - und bereits am 17. Januar 2019 wurde Hopp "degradiert", wurde ihm das Co-Mandat für die Regionalligamannschaft entzogen, musste er sich auf den Nachwuchsbereich konzentrieren. Am 8. März 2019 gab Hopp enttäuscht alle Ämter ab. Damals wurde das als "Sieg" des Duos Schnoor/Landerl gewertet.

Differenzen zu Saisonbeginn zwischen Stefan Schnoor und Rolf Landerl

Zur Saison 2019/20 stellte Schnoor maßgeblich den neuen Kader zusammen, rückte ganz nah ans Team heran. Schon zum Ende der Vorsaison hatte er angedeutet, wo er seinen Platz sieht. Gegen Drochtersen/Assel ließ er sich direkt am Spielfeldrand auf ein Wortgefecht mit dem Gegner ein, das ihm einen Verweis auf die Tribüne einbrachte. Beim ersten Punktspiel 2019/20 auf der Lohmühle gegen Jeddeloh (3:1) war er per Headset von der Tribüne aus mit der Trainerbank verbunden, teilte seine Erkenntnisse mit. Anschließend war er der Presse gegenüber mürrisch und sehr kurz angebunden, zudem teilte Trainer Landerl mit, dass er künftig keinen Headset-Kontakt mehr wünsche. Ein erstes Signal vielleicht…

"Sollen sie doch rufen 'Schnoor raus!'".

Jedenfalls wurde die Distanz zum Team und zum Trainer größer. Schnoor war seltener am Trainingsplatz oder in der Kabine zu sehen - oder bei Auswärtstouren im Bus oder Hotel anzutreffen. Bei einer Zwischenbilanz nach acht Spielen Mitte September bemängelte er öffentlich "zunehmende Kritik auf der Tribüne und in Online-Foren an den Spielern, die ich geholt habe". Im LN-Interview sagte Schnoor: "Diese Kritik geht in meine Richtung. Sollen sie doch rufen 'Schnoor raus!'".

Stefan Schnoor ist neuer Sportdirektor beim VfB-Lübeck

Timo Neumann übernimmt Aufgaben mit Thomas Schikorra

Regionalliga-Saison 2019/2020 VfB Lübeck

Los ging die Saison 2019/2020 am 27. Juli 2019 mit einem 3:1-Heimsieg über den SSV Jeddeloh. Vor 2413 Zuschauern auf der Lohmühle trafen Tommy Grupe (v.l.), Ahmet Arslan und Patrick Hobsch. Zur Galerie
Los ging die Saison 2019/2020 am 27. Juli 2019 mit einem 3:1-Heimsieg über den SSV Jeddeloh. Vor 2413 Zuschauern auf der Lohmühle trafen Tommy Grupe (v.l.), Ahmet Arslan und Patrick Hobsch. ©

Die Fans aber wendeten sich nicht gegen ihn, sondern eher gegen den Trainer. Der Vorstand musste sich entscheiden und stellte sich demonstrativ hinter Landerl. Schnoor zog nach letzten intensiven Gesprächen mit Vorstandssprecher Thomas Schikorra und Aufsichtsratchef Bruss am Dienstag die Konsequenzen, bat um Vertragsauflösung. Er verabschiedete er sich vor dem Training von der Mannschaft. Aufsichtsrat Timo Neumann wird zunächst zusammen mit Schikorra die Schnoor-Aufgaben übernehmen. Gesucht wird nun ein neuer Sportdirektor oder -vorstand.