14. Mai 2020 / 21:08 Uhr

Paul Breitner spricht Klartext: Liga-Neustart zu früh, fünf Wechsel übertrieben, Fans im Stadion wären möglich

Paul Breitner spricht Klartext: Liga-Neustart zu früh, fünf Wechsel übertrieben, Fans im Stadion wären möglich

Patrick Strasser
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Fußball-Legende Paul Breitner ist ein Kritiker des Bundesliga-Neustarts.
Fußball-Legende Paul Breitner ist ein Kritiker des Bundesliga-Neustarts. © imago images/Eibner
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Er ist eine Legende des deutschen Fußballs: Paul Breitner gewann unter anderem mit der deutschen Nationalmannschaft, dem FC Bayern und Real Madrid die wichtigsten Titel im Weltfußball. Im SPORTBUZZER-Interview kritisiert der 68-Jährige den Bundesliga-Neustart am Wochenende hart. Breitner spricht unter anderem Klartext über die am Donnerstag von der DFL beschlossenen fünf Auswechsel-Möglichkeiten und hätte sich durchaus Fans in den Stadien vorstellen können.

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SPORTBUZZER: Herr Breitner, nach 66 Tagen Pause, bedingt durch die Ausbreitung des Coronavirus, nimmt die Bundesliga am Wochenende wieder ihren Betrieb auf. Ganz prinzipiell: Gut so oder nicht?

Paul Breitner (68): Im Moment nicht, nein. Ich hätte es befürwortet, noch zwei oder drei Wochen zu warten. So hätten alle ein besseres Gefühl gehabt, wenn der Wiederbeginn des Fußballs mit weiteren Lockerungen des täglichen Lebens einhergeht. Und vielleicht hätten wir bei einem Abflachen der Infektionskurve nicht rund 1000, sondern nur noch 500 Neuinfektionen täglich gehabt. Im Moment können wir nicht wissen, wie sich die Epidemie entwickelt und ob Ende des Jahres oder im nächsten Jahr die Bundesliga überhaupt noch existiert. Bei weiteren 14 Tagen abwarten wäre die Akzeptanz für die Rückkehr des Fußballs sicher größer gewesen.

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Die Profivereine entgegnen, dass sie die Saison unbedingt bis zum 30. Juni beenden wollen, um Streitigkeiten und Prozesse wegen der auslaufenden Spielerverträge zu vermeiden.

Es wird doch möglich sein, dass die Verträge bis zum 31. Juli gelten. Und was den Spielplan betrifft: Es sind nur zwei englische Wochen angesetzt – warum? Warum zieht man die Spiele nicht alle drei, vier Tage durch? Für Spieler gibt es doch nichts Schöneres – besser als Training.

Ab sofort fünf Auswechslungen in der Bundesliga erlaubt: Breitner: „Drei reichen, basta“

Damit die Spieler nicht überlastet werden. Mediziner warnen vor erhöhter Verletzungsgefahr. Daher werden auch fünf Auswechslungen möglich sein.

Drei reichen, basta. Da fehlt mir jegliches Verständnis, was soll das bringen? Mit einem Hinausschieben des Starts und vielen englischen Wochen am Stück wäre vielleicht sogar die Zulassung von einigen Fans in den Stadien möglich gewesen.

Fortsetzung oder Abbruch: So ist der Stand in den internationalen Topligen

Das Coronavirus legt den Fußball in Europa lahm - mit Ausnahme der weißrussischen Liga müssen alle Wettbewerbe pausieren. Die Länge der Zwangspause ist dabei unterschiedlich bemessen. Der <b>SPORT</b>BUZZER fasst den Stand zusammen - wie lange pausieren die Ligen in Europa? Zur Galerie
Das Coronavirus legt den Fußball in Europa lahm - mit Ausnahme der weißrussischen Liga müssen alle Wettbewerbe pausieren. Die Länge der Zwangspause ist dabei unterschiedlich bemessen. Der SPORTBUZZER fasst den Stand zusammen - wie lange pausieren die Ligen in Europa? ©

Wie stellen Sie sich das vor? Großveranstaltungen sind bis Ende August gänzlich untersagt.

Wenn in ein paar Wochen sukzessive die Grenzen wieder geöffnet werden und wir – natürlich unter Beachtung der Hygiene-Maßnahmen – ab nächster Woche in Bayern wieder in den Biergärten sitzen, hätte man auch eine Fußball-ähnlichere Situation in den Stadien schaffen können. Mit einigen Tausend Zuschauern, die im vorgeschriebenen Abstand zueinander sitzen. Zum Vergleich: Selbst wenn im Flugzeug der Mittelplatz frei bliebe, wäre der Abstand doch auch viel geringer, selbst zum Vorder- und Hintermann.

Aber wie soll die Anreise der Fans kontrolliert werden?

Ohne Auswärtsfans, nur mit Heimfans. Wenigstens die kämen dann in den Genuss eines Live-Spiels. Nehmen wir das Beispiel FC Bayern, der 35.000 Dauerkarten-Besitzer hat. Bei noch vier Heimspielen und dem Pokal-Halbfinale käme jeder Fan noch bei einem Spiel ins Stadion. 7000 pro Partie, ohne Streit. Analog könnte man das, entsprechend der Größe der Stadien, bei den anderen Vereinen handhaben. Wir Deutsche sind doch Weltmeister im Reglementieren und Organisieren, wir würden auch das locker hinbekommen!

Breitner prophezeit: Qualität der Bundesliga-Spiele wird ohne Zuschauer steigen

Momentan muss man sich mit Geisterspielen abfinden. Wird der Fußball ohne Fans anders?

Mit Sicherheit. Die Qualität des Spiels steigt.

Wieso das?

Einige Spieler werden befreiter auftreten, sich mehr zutrauen. Ohne die Fans, ohne die Emotionen von den Tribünen im Stadion ist der Druck geringer, die Nervosität sinkt. Viele Spieler werden sich freuen und durchschnaufen: Ach, ist das schön, mal nicht ausgepfiffen oder gar beleidigt zu werden. Öffentlich zugeben können sie das natürlich nicht.

Haben nun spielstärkere Mannschaften Vorteile gegenüber den Teams, die über die Emotion kommen und sich sonst durch die Wechselwirkung mit den Fans pushen?

Natürlich. Die Mannschaften, die ihren Angriffsfußball durchsetzen können, sind klar im Vorteil. Wir werden nicht so viele Fouls sehen, kein Gehacke. Die spielintelligenten, dominanten Mannschaften, die aktuell in der Tabelle oben stehen, sind auch am Ende der Saison dort zu finden.

Der FC Bayern tritt am Sonntag bei Aufsteiger Union Berlin an. Das Stadion „An der Alten Försterei“ wird kein Hexenkessel sein wie sonst, sondern ein gespenstischer Ort der Ruhe.

Der Heimvorteil fällt weg. Normalerweise kommst du als Spieler eines Favoriten in so ein kleines, enges Stadion und willst eigentlich nur noch weg. Manche Spieler können ihre Leistung nicht abrufen, weil sie gehemmt sind. Für die großen Teams sind Geisterspiele ein Riesenvorteil.

Breitner: „Auch ohne Corona hätten die Bayern den Titel geholt“

Also wird der FC Bayern wieder Meister?

Na sicher. Daran führt kein Weg vorbei – auch ohne Corona hätten die Bayern den Titel geholt.

Wie hoch ist das Risiko, das die DFL eingeht?

Sehr hoch. Wenn die Bundesliga gestoppt werden muss, weil sich auch nur einer in den nächsten Wochen während eines Spiels ansteckt und dann ganze Mannschaften in Quarantäne geschickt werden, lösen sich die Pläne der Liga in Luft auf. Außerdem blicken alle anderen Ligen nun gespannt nach Deutschland. Vor allem Länder wie England oder Frankreich, wo Corona noch massiver aufgetreten und momentan präsenter ist.

Was auch eine große Chance bedeutet.

Es wäre eine einmalige Gelegenheit, die Bundesliga weltweit zu präsentieren, auch für die Sponsoren. Aber dann biete ich der Welt doch etwas, fange mit dem ersten Spiel um 12 Uhr mittags an und zeige übers Wochenende ein Spiel nach dem anderen. Ein ganzes Wochenende Fußball, als Spektakel für unsere Fans und die ganze Welt. So hätte man trotz Zeitverschiebung in den verschiedenen Erdteilen attraktive Anstoßzeiten.

Nach Corona-Pause: Diese Verletzten könnten im Saison-Endspurt dabei sein

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„Die Bundesliga hält den Schädel hin für andere“

Freuen Sie sich schon, dass man ab dem Wochenende wieder über Dinge wie den Videobeweis diskutiert?

Endlich! Das brauchen wir dringend. Wir erleben eine Wiedergeburt, eine Befreiung. Corona wird uns weiter beschäftigen, aber bitte nur noch mit einer Sondersendung pro Woche – und nicht täglich. Kehrt der Fußball erfolgreich zurück, hat das auch eine Streuwirkung auf andere Sportarten.

Es herrscht jedoch Neid, weil der Fußball eine Sonderrolle beanspruche.

Verstehe ich nicht. Die Bundesliga macht nun einen Testlauf, geht volles Risiko. Sie hält den Schädel hin für andere. Und das ganz ohne Steuergelder, ohne Subventionen, wie sie milliardenschwere Dax-Konzerne eingefordert haben. Der Fußball hat gelitten, war demütig und will sich nun aus sich selbst heraus heilen. Das ist eine großartige Leistung aller Klubs mit Christian Seifert (DFL-Geschäftsführer, d. Red.) an der Spitze, der ein hervorragendes Krisenmanagement betreibt. Die DFL hat ein Arbeitsmodell entwickelt, das Vorbildcharakter haben kann für andere Wirtschaftsbereiche, in denen mit Körperkontakt gearbeitet werden muss. Ein Modell der Branche Fußball, aus der Mitte der Gesellschaft heraus – das ist doch wunderbar.