19. März 2020 / 19:15 Uhr

Peiner Ärzte raten Amateursportlern: Vernünftig sein, allein trainieren!

Peiner Ärzte raten Amateursportlern: Vernünftig sein, allein trainieren!

Matthias Preß
Peiner Allgemeine Zeitung
Trainingslager abgebrochen! Dr. Sanjay Weber-Spickschen (rotes Shirt) mit der Speerwurf-Trainingsgruppe in Belek. Alle mussten den Heimweg antreten.
Trainingslager abgebrochen! Dr. Sanjay Weber-Spickschen (rotes Shirt) mit der Speerwurf-Trainingsgruppe in Belek. Alle mussten den Heimweg antreten. © privat
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Wenn trainieren, dann allein! Das empfehlen Peiner Ärzte den Amateur-Sportlern. Selbst die deutschen Top-Athleten haben zurzeit große Probleme zu trainieren, wie Dr. Sanjay Weber-Spickschen schildert. Der Peiner ist Teamarzt der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft und musste mit den Sportlern aus dem Trainingslager abreisen.

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Werden die Maßnahmen zur Vorsicht vor dem Corona-Virus übertrieben? Kann man nicht als Mannschaft zusammen trainieren oder in der Gruppe Walken, wenn man sich nicht zu nah auf die Pelle rückt?

„Nein“, sagt der Vöhrumer Arzt Constantin de Curtis. „Nein“, sagt auch der Peiner Sanjay Weber-Spickschen, Chefarzt an der Paracelsusklinik in Bremen und Team-Arzt der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft.

„Wir hätten viel früher mit Maßnahmen beginnen sollen, wie sie jetzt umgesetzt werden“, stellt de Curtis fest. „Alle haben nach Italien geguckt, wo die Entwicklung schon zu sehen war, haben aber nichts unternommen.“

Es verbiete sich zurzeit gänzlich, zusammen zu trainieren. „Handball und Fußball zum Beispiel sind Sportarten mit Körperkontakt. Und selbst wenn man den Sicherheitsabstand von anderthalb Metern einhalten könnte, wäre das nicht ausreichend. Denn man atmet stärker.“

Sport nicht mit anderen

Sogar beim Tischtennis ist Vorsicht geboten, weil beide Spieler den Ball anfassen, an dessen Oberfläche das Virus haften könne. „Und wichtig ist vor allem, dass man sich nicht hinterher zusammensetzt.“

De Curtis’ Empfehlung für alle Sportler: „Allein trainieren! Walken oder Laufen an der frischen Luft ist möglich, aber nicht mit anderen.“ Auch zuhause sei Gymnastik und Krafttraining kein Problem. „Wer keine Übungen weiß, kann sich welche aus dem Internet herunterladen.“

Der Arzt ist in seiner Freizeit Trainer und Sportler bei Karate 76 – und in dieser Sportart „ist allein zu trainieren sehr gut möglich. Bei Kata* kann man allein im Raum sein und man kommt ins Schwitzen.“

Der frühere Zehnkämpfer Weber-Spickschen kam gerade mit einer Gruppe deutscher Speerwerfer aus dem Trainingslager in Belek (Türkei) zurück. Dort war er als Team-Arzt im Einsatz. „Eigentlich sollten bis Mai durchgängig deutsche Athleten dort trainieren. Am Montag sollten die Diskuswerfer starten. Aber es ist alles abgebrochen worden“, sagt der Peiner.

Spitzensportler treffen die Virus-Schutzmaßnahmen härter als Breitensportler. Gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele ist es „noch völlig unklar, wie es weitergeht“. Wettkämpfe, die zur Qualifikation dienen sollten, sind abgesagt worden. „Das hat für die Athleten auch wirtschaftliche Konsequenzen. Viele finanzieren sich ja wie Selbstständige“, erklärt Weber-Spickschen. Wettkämpfe seien für Sponsoren und die Olympia-Vorbereitung wichtig.

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„Nicht oberste Priorität“

Im Vergleich zu den Spitzenathleten relativieren sich die Beschränkungen, die Sportler auf Kreis- oder Bezirksebene aushalten müssen. „Man muss an die Vernunft aller appellieren. Eigenes Training hat jetzt nicht unbedingt die oberste Priorität. Jeder muss selbst Verantwortung zeigen und mit gutem Beispiel vorangehen“, meint der Chefarzt.

Selbst Top-Athleten hätten momentan Probleme mit dem Training. Auch die Olympia-Stützpunkte sind geschlossen. „Es gibt Sonderregelungen für einzelne Top-Athleten. Sie können allein auf die Anlage – aber auch wirklich nur allein.“

„Noch vor vier Wochen habe ich selbst nicht geglaubt, dass es so schlimm wird“, sagt Weber-Spickschen. „Aber alle Spezialisten sagen, dass es anders als mit drastischen Maßnahmen nicht funktioniert.“

*Kata ist eine Übungsform aus stilisierten Kämpfen, wobei es auf Konzentration, Technik, Stand, Blickrichtung oder auch Atmung ankommt.

Olympische Spiele noch nicht abgesagt

Stand jetzt finden die Olympischen Spiele ab dem 24. Juli in Tokio statt. Ob nicht doch noch eine Absage erfolgen müsste, können sowohl Dr. Sanjay Weber-Spickschen als auch Dr. Constantin de Curtis aus heutiger Sicht nicht sagen. „Ich würde noch sechs Wochen abwarten und die Entwicklung beobachten – gerade, was in Asien passiert“, sagt de Curtis. „Man muss auch sehen, ob die Zahlen aus China stimmen oder ob sie Propaganda sind.“ Wenn die Zahl der Infizierten zurückgeht, könnte es mit Olympia vielleicht klappen.

„11000 Sportler aus der ganzen Welt kommen zusammen. Dazu Betreuer. Und ich kann mir auch nicht olympische Spiele ohne Zuschauer vorstellen“, sagt Weber-Spickschen. Es wären seine „ersten olympischen Spiele“ als Arzt. „Wir haben uns alle darauf gefreut.“ Aber dennoch: „Es ist nur Sport.“