29. März 2020 / 17:12 Uhr

Peiner Reitvereine mit Schulpferden sorgen sich um ihre Existenz

Peiner Reitvereine mit Schulpferden sorgen sich um ihre Existenz

Christian Meyer
Peiner Allgemeine Zeitung
Wie lange reicht das Geld noch für Futter? Jörg Bartels, der Vorsitzende des Peiner Reit- und Fahrvereins, sorgt sich wegen der Corona-Krise um die Zukunft des Vereins und der Schulpferde wie Reit-Pony-Oldie Paco.
Wie lange reicht das Geld noch für Futter? Jörg Bartels, der Vorsitzende des Peiner Reit- und Fahrvereins, sorgt sich wegen der Corona-Krise um die Zukunft des Vereins und der Schulpferde wie Reit-Pony-Oldie Paco. © Foto: Christian Meyer
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Wegen der Corona-Krise sorgen sich Peiner Reitvereine mit Schulpferde-Betrieb um ihre Existenz. Weil kein Unterricht mehr gegeben werden darf, brechen die Einnahmen weg. Versorgt werden müssen die Tiere aber trotzdem. „So halten wir das maximal noch vier Wochen durch“, sagt Jörg Bartels, Chef des Peiner Reit- und Fahrvereins.

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Dass sie vielleicht mal Mist am Schuh haben, sind die Vorsitzenden von Reitvereinen und selbstständige Stallbetreiber aufgrund ihres Hobbys und Berufs gewohnt. Aber die Corona-Krise ist derzeit für sie ganz großer Mist. Den Peiner Reitvereinen, die einen Schulpferde-Betrieb unterhalten, sind von heute auf morgen die Einnahmen aus dem Unterricht weggebrochen. „Einige schlaflose Nächte haben wir schon hinter uns“, sagt etwa Jörg Bartels, der Vorsitzende des Peiner Reit- und Fahrvereins. Existenzsorgen gibt es auch bei freiberuflichen Reitlehrern und Hof-Betreibern wie Susi Oelkers aus Hohenhameln. Sie hat sich sogar schon einen Nebenjob gesucht.

Tinka-Stute Viana (6) und Reit-Pony Paco (14) mampfen in der Nachmittagssonne genüsslich am Heu. Sie sind zwei der sechs Schulpferde mit denen der Peiner Reit- und Fahrverein vor allem Kindern und Jugendlichen den Reitspaß an der Ilseder Mühle ermöglicht. In der Corona-Krise darf jedoch kein Unterricht gegeben werden. Die Einnahmen sind weggebrochen, die Kosten nicht. Hufschmied, Tierarzt, Futter – „Rund 3500 Euro Kosten pro Monat fallen bei uns an“, sagt Klubchef Jörg Bartels. Der trockene Sommer hat für Rekordpreise beim Heu gesorgt, der Verein kaufte deshalb die letzten 48 Ballen preisgünstiger in Polen ein. Wegen der geschlossenen Grenzen in der Corona-Krise lässt sich nun aber auch da nicht mehr sparen. Für seinen Reit-Lehrer hat der Verein bereits Kurzarbeiter-Geld beantragt. Immerhin sind acht von zehn Boxen mit Pferden von Einstellern belegt, die dafür Miete zahlen. „Das ist die einzige finanzielle Stütze, die wir derzeit haben.“ Doch das reicht nicht. „Maximal vier Wochen können wir das noch durchhalten“, befürchtet Bartels. In dieser Woche will sich der Verein deshalb mit Ideen beschäftigen, wie er vielleicht Spenden einsammeln kann. Ein Corona-Hilfe-Kredit vom Staat könne die Probleme dagegen wohl nicht lösen. „Uns nützen keine Hilfen, die wir wieder zurückzahlen müssen. Wir haben im Verein ohnehin noch rund 20000 Euro an Schulden“, erläutert der Vorsitzende.

Entscheidend für die Zukunft des Schulpferde-Betriebs sei vor allem die Dauer der Corona-Vorsichts-Maßnahmen. Gelten die Einschränkungen noch monatelang, wird’s emotional. „Im schlimmsten Fall müssten wir unsere Schulpferde verkaufen“, skizziert der Klub-Chef. Doch das soll ebenso verhindert werden, wie eine deutliche Anhebung der Unterrichtskosten, wenn die Krise beendet ist. „Wenn wir die Stunde Reitunterricht von 7,50 Euro auf 15 Euro erhöhen, würden wir eine bestimmte Klientel verlieren. Und das gäbe ganz viele traurige Kinder“, ahnt Bartels.

Nebenjob statt quirliges Hofleben mit Kindern

Shetland-Pony-Hof-Betreiberin Susi Oelkers aus Hohenhameln sieht auch lieber fröhliche Kinder. Sie gibt mit ihren Ponys Reit-Unterricht für 5- bis 12-Jährige. Pardon: Sie gab! „Ich habe durch die Corona-Krise quasi ein Berufsverbot“, sagt sie. Das quirlige Hofleben mit vielen Kindern, Eltern und zottelig-knuffigen Tieren ist ebenso versiegt wie die Einnahmen. Doch ihre 30 Ponys müssen trotzdem versorgt werden. „Maximal vier Wochen kann ich mir das noch leisten“, sagt sie. Um die Kosten zu reduzieren, sollen die Pferde so früh wie möglich auf die Weide gestellt werden, um Geld für Heu zu sparen. Einige Kunden haben sich zwar schon bereiterklärt, ihre Reitstunden auch ohne Gegenleistung weiter zu zahlen, doch das reicht nicht. „Ich musste mir einen Nebenjob suchen.“

Hält die Krise weiter an, folgt ein weiterer schmerzlicher Schritt: Sie müsste Pferde verkaufen. „Aber das ist derzeit auch nicht so leicht. Wer kauft jetzt schon Pferde?“, fragt Susi Oelkers. Gerührt ist sie von den Reaktionen ihrer Kunden. „Sie haben alle Verständnis und hoffen, dass wir bald zumindest Einzelunterricht geben dürfen. Zumindest die menschliche Seite stimmt in der Krise“, stellt sie erfreut fest.

Mehr regionaler Reitsport

Zumindest Einzel-Unterricht – auf diese Lockerung bei den Beschränkungen hofft auch Peines freiberufliche Reit-Lehrerin Dimitra Martens. „Genug Abstand zum Reiter hätten wir in den Hallen“, ist die Pferdewirtschaftsmeisterin aus Solschen überzeugt. Sie leitet die bei Kindern so beliebten Abzeichen-Lehrgänge in Vereinen und gibt Einzel- oder Gruppenunterricht für Reiter. „Meine Einnahmen sind zu 100 Prozent weggebrochen. Ich bin nur froh, dass ich keine eigenen Schulpferde habe“, sagt sie. Aufgrund der Auswirkungen wird sie Corona-Förderhilfe vom Staat beantragen. „Es bleibt einem ja nichts anderes übrig.“ Sie hofft darauf, dass nach dem Ende der Krise nicht auch noch die Kundschaft wegbleibt, weil sie selber sparen muss.

Einer der Vereine in denen Dimitra Martens Reit-Unterricht gibt ist der Reit- und Fahrverein Hohenhameln. Der besitzt nicht nur 12 Schulpferde sondern betreibt auch eine Voltigierschule und beschäftigt zwei festangestellte Mitarbeiter und eine Teilzeit-Kraft. Der Verein gibt nämlich nicht nur Dressur- und Spring-Unterricht, er bildet auch Voltigier-Übungsleiter aus und schult in Lehrgängen. Die Einnahmen daraus fallen derzeit komplett weg. „Jeder Monat Stillstand kostet uns 3000 Euro“, rechnet Klub-Chef Ralf Lange vor. „Die Lage ist gravierend, wir profitieren im Moment aber davon, dass wir im Februar die Jahresbeiträge unserer Mitglieder eingezogen haben.“ Das gebe ein wenig Puffer für die Versorgung der Schulpferde und den Lohn der Mitarbeiter. Trotzdem: Wenn die Beschränkungen über den April hinaus erweitert werden, „geht es ans Eingemachte, dann müssten wir im Herbst oder Winter wohl Kredite aufnehmen“, befürchtet Lange.

Irritation über Höhe von Hilfs-Zuschüssen

Zumal: Das Voltigier-Turnier im März durfte schon nicht stattfinden und das Reit-Turnier im April wird wohl auch gestrichen. Auch dadurch gehen dem Verein Einnahmen verloren. Ralf Lange recherchierte deshalb bereits im Internet zu den Corona-Staats-Hilfen für Kleinst- und Kleinunternehmen. Und staunte etwas verärgert: „In Niedersachsen gibt es für Betriebe bis fünf Beschäftigte Zuschüsse von 3000 Euro, in Mecklenburg-Vorpommern aber 9000 Euro. Ich glaube nicht, dass dort die Lebenshaltungskosten bedeutend höher sind.“

Bei all den Sorgen spüren die Vereine und Hofbetreiber in ihren Ställen aber derzeit vor allem auch eines: Tierischen Rückhalt der Mitglieder und Kunden. Pony-Hof-Betreiberin Susi Oelkers etwa durfte gerade Möhren und altes Brot für ihre Pferde entgegen nehmen, die eine Kundin vorbeigebracht hatte. „Das macht dann auch mal gute Laune.“