29. Mai 2022 / 16:56 Uhr

"Peinlichster Verein": Mitgliederversammlung macht tiefen Riss bei Hertha BSC deutlich

"Peinlichster Verein": Mitgliederversammlung macht tiefen Riss bei Hertha BSC deutlich

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der Bundesligist Hertha BSC hielt am Sonntag seine Mitgliederversammlung ab.
Der Bundesligist Hertha BSC hielt am Sonntag seine Mitgliederversammlung ab. © IMAGO/Matthias Koch
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Fredi Bobic hörte aufmerksam zu und bekannte sich "schuldig". Auch Lars Windhorst bekam in der Messehalle eine volle Hertha-Lektion. In einer denkwürdigen Mitgliederversammlung kommt es nicht zur Abwahl des Präsidiums. Aber der Berliner Bundesligist ist tief gespalten.

Laute Buh-Rufe, heftige Vorwürfe - aber keine Revolution. Hertha BSC hat eine Woche nach der dramatischen Bundesliga-Rettung schon wieder ein bedenkliches Bild abgegeben. Nach stundenlangen, emotionalen Debatten scheiterte das Misstrauensvotum gegen das nach dem Rücktritt von Klub-Boss Werner Gegenbauer verbliebene Präsidium, doch eines wurde auch dem kleinlauten Geschäftsführer Fredi Bobic und Millionen-Investor Lars Windhorst als Zuhörer schnell klar: Ein tiefer Riss spaltet die Hertha nach Jahren der großen Krise. Interimschef Thorsten Manske trat nach einem desaströsen Wahlergebnis von 64,2 Prozent Ablehnung zurück.

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"Wir sind der peinlichste Verein in ganz Deutschland", sagte ein Mitglied. Diese schallende Verbal-Ohrfeige stand stellvertretend für eine Reihe von wütenden Wortbeiträgen. Misswirtschaft, Kontrollversagen und lähmender Stillstand, lauteten die Anklagepunkte. Mehrfach musste Versammlungsleiter Dirk Lentfer beruhigend einschreiten. Doch auch die Gegner eines radikalen Umbruchs verschafften sich Gehör.

Interimspräsident Manske tritt nach nur wenigen Tagen wieder zurück

Die Drohkulisse einer Handlungsunfähigkeit von Bobic mangels Chefetage mitten in der beginnenden Transferperiode wirkte wohl auch bei den 2628 anwesenden, stimmberechtigten Mitgliedern. Gegen keinen der sechs Vereinsfunktionäre kam bei der sich über Stunden hinziehenden Abstimmung die für eine Abwahl notwendige Dreiviertel-Mehrheit zusammen. Aber Manskes Resultat war so schlecht, dass er nur vier Tage nach dem Rücktritt von Boss Werner Gegenbauer freiwillig ging.

Somit wird die Hertha bis zur Präsidentschaftswahl am 26. Juni von dem Quintett Fabian Drescher, Anne Jüngermann, Peer Mock-Stümer, Ingmar Pering und Norbert Sauer geführt - wer die Leitung übernimmt war vorerst unklar. Bislang hat nur der frühere Ultra und heutige Unternehmer Kay Bernstein seine Kandidatur für den Chefposten angekündigt. Aufsichtsratschef Torsten-Jörn Klein will nach eigener Aussage nicht antreten. "Wir wollten einen Angriff starten, der hat nicht funktioniert", sagte Klein zu dem trotz Windhorst-Millionen gescheiterten sportlichen Aufschwung.

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Bobic räumt Versäumnisse ein: "Ich fühle mich schuldig"

Bobic räumte ein, an der schlechten Lage mit der Rettung erst in der Bundesliga-Relegation auch "schuldig" zu sein. Aber: "Mein Anspruch war es nie, in der Abstiegszone zu spielen." In der anstehenden Transferperiode müsse er wieder Überschüsse erzielen, kündigte Bobic erneut an. Wichtig sei es daher, dass er nach dem am Sonntag gescheiterten Misstrauensvotum mit einem funktionierenden Präsidium zusammenarbeiten könne. "Ich habe die Kraft und den Willen und die Positivität zu sagen, dieser Verein kann viel mehr", sagte der Geschäftsführer

Der umstrittene Millionen-Investor Lars Windhorst hielt seine mit Spannung erwartete Rede bei der Mitgliederversammlung begleitet von heftigen, teils beleidigenden Protesten. Erst nach einem Ordnungsruf von Versammlungsleiter Dirk Lentfer gegen eine Gruppe junger Hertha-Mitglieder konnte der 45-Jährige seine Ansprache beginnen. "Ich möchte, dass Hertha BSC extrem erfolgreich wird", sagte er unter dem Applaus der Mehrheit der rund 3000 Mitglieder in der Berliner Messehalle 20. An seine Kritiker gerichtet schloss Windhorst einen Rückzug aus.

"Windhorst raus, funktioniert nicht", sagte er. Die Anteile von 375 Millionen Euro seien "voll bezahlt und gehören mir und werden auch die nächsten zehn bis 20 Jahre mir gehören", sagte Windhorst. In einem Nebensatz kündigte er mögliche weitere Zahlungen an. Für die verspätete Zahlung von zwei Tranchen entschuldigte er sich. Die Verspätung sei der Corona-Krise geschuldet gewesen. Seine öffentliche Kritik an Ex-Präsident Gegenbauer sei richtig gewesen, da er wegen der Negativentwicklung nicht länger habe schweigen können. "Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit", schloss Windhorst seine rund zehnminütige Rede unter lauten Buh-Rufen und lautem Applaus.

Manske forderte Windhorst nach den heftigen Dissonanzen der vergangenen Monate zu einer besseren Zusammenarbeit auf. "Ich bitte sie inständig, lassen sie uns mit- und nicht übereinander reden. Lassen sie uns gegenseitig mit Vertrauen und Respekt begegnen", sagte er in seiner Rede. "Lassen sie uns die Reihen schließen", rief das führende Präsidiumsmitglied Windhorst zu - und war wenige Stunden später schon selber Hertha-Geschichte.

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