19. November 2021 / 14:30 Uhr

Peking im Visier: Vier Para-Eishockeyspieler aus Hannover wollen zu den Paralympics

Peking im Visier: Vier Para-Eishockeyspieler aus Hannover wollen zu den Paralympics

Josina Kelz
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Nationalspieler und Vizeweltmeister im Para-Eishockey: die Mellendorfer Jörg Wedde (56), Simon Kunst (35), Malte Belage (23) und Felix Schrader (24).
Nationalspieler und Vizeweltmeister im Para-Eishockey: die Mellendorfer Jörg Wedde (56), Simon Kunst (35), Malte Belage (23) und Felix Schrader (24). © Florian Petrow
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Felix Schrader, Jörg Wedde, Simon Kunst und Malte Belage sind Vize-Weltmeister im Para-Eishockey. Die vier Hannoveraner wollen mit dem deutschen Nationalteam zu den Paralympics 2022. Dafür muss das Quartett einige Hürden überwinden.

Felix Schrader (24), Jörg Wedde (56), Simon Kunst (35) und Malte Belage (23) schlittern Richtung Eis. Auf die spiegelglatte Fläche der Mellendorfer Eishalle zu kommen, stellt die erste Hürde für die gehbehinderten Para-Eishockeyspieler dar: Sie lassen sich auf ihren maßgefertigten Schlitten, alle auf das jeweilige Handicap des Spielers angepasst, die Stufe zum Eis runterfallen. Mit einem lauten Rumms landen sie – teilweise rücklings – auf der kalten Fläche, richten sich schnell wieder auf, und los geht’s.

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Warmduscher sind die vier Nationalspieler aus Mellendorf definitiv nicht. „Die Eishalle in Langenhagen war barrierefrei und unser Bundes-Stützpunkt, aber die wurde ja leider geschlossen“, ärgert sich Schrader.

Späte Trainingszeiten haben Vor- und Nachteile

Ihr Weg ist nicht nur zur Eisfläche beschwerlich. Die vier Männer, die zu den ERC Hannover Ice-Lions gehören, trainieren hier in der Hus-de-Groot-Arena jeden Dienstag um 22.30 Uhr – was Nachwuchs abschreckt. „Die Eiszeiten sind teuer, und der Geldtopf für Para-Eishockey ist nicht groß. Je später am Abend, desto günstiger wird es.“ Doch die Jungs sind Optimisten durch und durch: „Dafür können wir so lange trainieren, wie wir möchten, denn nach uns kommt keiner mehr.“

Das kann spät nach Mitternacht werden – und dann geht’s zurück nach Hannover, wo alle vier wohnen und arbeiten. Bas Disveld (45), Kapitän der Nationalmannschaft, steht eine noch längere Rückreise bevor: Der gebürtige Niederländer wohnt in Bremen, trainiert aber dienstags in Hannover mit. „Man nimmt jede Eiszeit mit“, sagt er. „Wir haben nicht wie die Russen die Möglichkeit, mehrmals am Tag aufs Eis zu gehen. Dort ist der Sport populärer und wird mehr gefördert.“

Sie wollen nach Peking: Das Para-Eishockey-Nationalteam.
Sie wollen nach Peking: Das Para-Eishockey-Nationalteam. © privat

Lockerer Umgang mit Behinderungen

Para-Eishockey hat den Männern eine neue Perspektive gegeben. „Wenn ich nicht gehbehindert wäre, könnte ich diesen Sport nicht machen. Deshalb finde ich es mittlerweile sogar ganz gut, behindert zu sein“, sagt Kunst, der Trainer der Ice-Lions und Witzbold der Runde. Die Spieler pflegen einen offenen und humorvollen Umgang mit ihren Behinderungen, nehmen sich auch gerne selbst auf die Schippe. „Damit sind manche überfordert.“

Kunst ist bereits mit Handicap zur Welt gekommen. „Hängt vermutlich mit Tschernobyl zusammen“, sagt er und zuckt lässig mit den Schultern. „Ich bin in Berlin vier Monate nach der Atomkatastrophe zur Welt gekommen, viele Babys hatten zu dem Zeitpunkt Lungenprobleme.“ Die schlechte Sauerstoffversorgung verursachte, dass sich Kunsts Beine nicht richtig ausbildeten.


Wedde kam als Kind unter die Gleise

Felix Schraders linkes Bein wuchs seit der Geburt nicht richtig mit, im Alter von zwölf Jahren wurde es amputiert. Seine Beinprothese steht in der Umkleide neben der von Geologiestudent Malte Belage und denen von Medizintechniker Jörg Wedde. Er verlor seine Beine, als er als Kind beim Spielen auf Gleisen unter eine Eisenbahn kam.

Er spielt seit knapp 20 Jahren Para-Eishockey und gilt nach wie vor als einer der Fittesten der Mannschaft. Als Einziger hat er unter den Hannoveranern die Paralympischen Winterspiele miterlebt: 2006 in Italien, als die deutsche Nationalmannschaft das letzte und einzige Mal qualifiziert war. „Wir haben die USA, die zu dem Zeitpunkt Weltmeister waren, besiegt. Das hat dem Sport erstmals Popularität in Deutschland gebracht.“

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"Wir waren noch nie so gut wie jetzt"

Das nächste Ziel: die Paralympische Winterspiele in Peking 2022, gerade bereitet sich die Nationalmannschaft auf das Qualifikationsturnier in Berlin Ende November vor. „Es ist so schwer wie noch nie, aber wir waren auch noch nie so gut wie jetzt.“ Denn im September ist Deutschland in Schweden Vizeweltmeister geworden.