05. Mai 2018 / 07:00 Uhr

Per Mertesacker: Das sind die Gefahren bei der Ausbildung von Talenten

Per Mertesacker: Das sind die Gefahren bei der Ausbildung von Talenten

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Weltmeister Per Mertesacker beendet nach der laufenden Saison seine aktive Karriere
Weltmeister Per Mertesacker beendet nach der laufenden Saison seine aktive Karriere © imago/ZUMA Press
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Im zweiten Teil des SPORTBUZZER-Interviews mit Per Mertesacker erklärt der Weltmeister die Herausforderungen bei seiner neuen Aufgabe als Nachwuchs-Chef des FC Arsenal und spricht über sein bald erscheinendes Buch.

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SPORTBUZZER: Herr Mertesacker, wieso trägt Ihr Buch den durchaus provokanten Titel „Weltmeister ohne Talent“?

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Per Mertesacker (33): Es war es mir echt ein Anliegen, endlich mal mit diesem Begriff „Talent“ aufzuräumen. Es wird so schnell, so früh gesagt: Der ist ein Talent oder der ist keines. Auch ich hatte eher Talent in anderen Dingen – im Schwimmen oder im Basketball. Und auf dem Weg habe ich gemerkt, dass ich die Gabe habe, Chancen zu nutzen, wenn sie sich ergeben. Türen, die zugefallen sind, wieder zu öffnen. Das fußballerische Talent habe ich mir erarbeitet. Deshalb ist der Begriff Talent für mich eigentlich völlig irrelevant. Alle, die in meinem Jahrgang für Talente gehalten wurden, sind am Ende keine Fußballer geworden. Meine Karriere war einige Male zu Ende und ich habe es trotzdem geschafft – wie das möglich ist, damit wollte ich mich noch mal auseinandersetzen.

In Ihrem ersten Bundesligaspiel wurden Sie zur Halbzeit ausgewechselt, bekamen böse Kritiken. War das so ein Zeitpunkt, an dem Sie dachten, dass es schon wieder vorbei ist?



 Ja, zum dritten oder vierten Mal (lacht). Kurios war, dass ich an dem Tag total glücklich war, weil wir das Spiel gewonnen haben. Ich dachte mir persönlich: dann machst Du halt was anderes. Im Winter kamen noch mal fünf, sechs Neuzugänge – da hatte ich dann wirklich abgeschlossen.

Fußballchef Heiko Ostendorp (l.) beim Interviewtermin mit Mertesacker in London.
Fußballchef Heiko Ostendorp (l.) beim Interviewtermin mit Mertesacker in London. © SPORTBUZZER

Darf man sich auf weitere „Enthüllungen“ in Ihrem Buch freuen?

Es ist kein typisches Enthüllungsbuch. Ich möchte auch aufzeigen, was sich alles im Fußball verändert hat. Ich wurde nicht von Beratern angesprochen, bis ich 19 oder 20 war. Ich hatte mit 14 noch keinen Schuhdeal. Ich weiß, dass man die Uhr nicht zurückdrehen kann, aber finde es wichtig, Dinge aufzuzeigen, die mir geholfen haben, auf dem Boden zu bleiben. Vielleicht kann ich damit auch gewisse Sachen anschieben und etwas hinterlassen, von dem der ein oder andere etwas lernen kann.

Schönster und schlimmster Moment Ihrer Karriere: Der WM-Titel und der Suizid Ihres Freundes Robert Enke?

Ich hatte in der Jugend Wachstumsprobleme, konnte nichts mehr machen und habe extrem an mir gezweifelt. Aber daraus habe ich beispielsweise auch unglaublich viel Kraft gezogen. In jedem tragischen Moment gibt Dir das Leben auch Aufgaben, wie Du damit umgehst. Dass war auch mit Roberts Tod so – die Aufgabe, die er uns damit gegeben hat – diese nicht zu vernachlässigen, auch das hat wiederum etwas Positives bewirkt.

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Wie wollen Sie Ihre zukünftige Aufgabe als Nachwuchs-Chef beim FC Arsenal angehen?

Wir wollen natürlich auch die Kids in unsere Akademie holen. In der Vergangenheit wurde das oft mit viel Kohle gemacht, was nicht immer der richtige Weg ist. Deshalb muss man schauen, welche Werte ich einbringen kann, die vor 15 Jahren noch galten. Ist es nicht vielleicht besser, in Manpower zu investieren, die bestmöglichen Bedingungen zu bieten, anstatt sie mit Geld zuzuschmeißen? Ich will meinen Weg gehen, ohne mich zu verkaufen.

Könnten Sie Ihrem Sohn ruhigen Gewissens empfehlen, Profi zu werden?

Sagen wir es mal so: Ich forciere es momentan nicht. Ich weiß, was es bedeutet – positiv wie negativ. Wenn er das machen möchte, unterstütze ich ihn gerne dabei. Aber ich laufe jetzt nicht mit ihm zu jedem Fußballverein und würde ihn ehrlich gesagt auch nicht in eine Akademie stecken wollen. Aus den genannten Gründen. Es ist sehr limitiert auf Fußball. Wenn Du es nicht schaffst, wirst Du wieder zurück in die Gesellschaft geworfen. Das sehe ich sehr kritisch – als Vater. Und mir ist auch klar, dass es schwer ist, anderen Eltern zu verkaufen, dass es der richtige Weg ist, wenn man es für sein eigenes Kind anders sieht.

Per Mertesacker: Seine Karriere in Bildern:

Per Mertesacker spielte bis zu seinem elften Lebensjahr in seinem Heimatort für den TSV Pattensen. 1995 wechselte er in den Jugendbereich von Hannover 96. Unter Jugendtrainer Jürgen Stoffregen schaffte der 1,98-Meter-Hüne am Profitraining teilzunehmen.  Zur Galerie
Per Mertesacker spielte bis zu seinem elften Lebensjahr in seinem Heimatort für den TSV Pattensen. 1995 wechselte er in den Jugendbereich von Hannover 96. Unter Jugendtrainer Jürgen Stoffregen schaffte der 1,98-Meter-Hüne am Profitraining teilzunehmen.  © Hannoversche Allgemeine Zeitung

Wie wollen Sie das hinbekommen?

Das versuche ich noch herauszufinden und es bedingt viel Arbeit. Manchmal wird es auch Grenzen geben, wo der Verein sagt: Stopp, wir wollen aber diesen Weg gehen. Im Moment gehe ich davon aus, dass sie mir vertrauen, sonst hätten sie mich vermutlich nicht genommen. Sie wissen, wie ich ticke und welche Stärken und Schwächen ich habe. Es wird in jedem Fall sehr, sehr spannend.

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