09. Juni 2021 / 13:49 Uhr

Weltmeister Per Mertesacker über seine EM-Vorfreude, die DFB-Chancen und seine ZDF-Tätigkeit

Weltmeister Per Mertesacker über seine EM-Vorfreude, die DFB-Chancen und seine ZDF-Tätigkeit

Imre Grimm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Per Mertesacker spricht im SPORTBUZZER-Interview.
Per Mertesacker spricht im SPORTBUZZER-Interview. © IMAGO/Sven Simon
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ZDF-Experte Per Mertesacker erklärt im SPORTBUZZER-Interview kurz vor der EM, warum seine Vorfreude auf das Turnier groß ist. Außerdem spricht er über Engagement für Kinder und seine Leidenschaft für Panini-Hefte.

Er ist neben Bastian Schweinsteiger (ARD) und ZDF-Kollege Christoph Kramer der dritte TV-Experte bei dieser Europameisterschaft, der 2014 mit Deutschland Weltmeister geworden ist: Per Mertesacker begleitet die deutsche Nationalmannschaft bei der EM. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, erklärt der 36-Jährige, wie groß seine Vorfreude auf das paneuropäisch ausgetragene Turnier ist und verrät, was er dem scheidenden Bundestrainer Joachim Löw zum Abschied wünscht.

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Herr Mertesacker, diese Fußball-Europameisterschaft wird keine normale sein. Wo werden Sie denn im Einsatz sein als ZDF-Experte?

Wir haben unsere Homebase auf dem Lerchenberg in Mainz und werden von dort aus berichten – so gut das eben geht. Natürlich will man gern so eng wie möglich dabei sein, um die Emotionen mitzunehmen. Aber wir werden die Spiele auch vom Stützpunkt Mainz aus genießen. Es fehlt ein bisschen was, das ist klar. Aber die Gesundheit aller Menschen steht im Vordergrund. Natürlich wäre ich zum Halbfinale und Finale gern zurück in London bei meiner Familie. Mal sehen, was überhaupt geht. Ich habe schon die Hoffnung, dass das Infektionsgeschehen bis zur EM noch weiter nachlässt. Ich glaube, wir sind alle froh, dass wir das Turnier überhaupt austragen können.

Ist es denn eine gute Idee, in diesen Zeiten eine EM in elf Ländern zu veranstalten?

Es gab ja von Anfang an viel Kritik an dieser Idee, schon vor Corona, ohne diese Pandemie, in der dieser Plan noch viel absurder klingt. Es hat mir persönlich immer besser gefallen, wenn ein Land als EM-Gastgeber sich und seine Kultur vorstellen kann oder auch zwei sich zusammentun wie Österreich und die Schweiz oder Polen und die Ukraine. Ich weiß nicht, ob dieser Zwölf-Städte-Modus jetzt wirklich den Zeitgeist trifft, mit Blick auf die Lage in Europa, mit Blick auf England und den Brexit. Ich glaube, man sollte sich eher zurückbesinnen auf den früheren Modus, bei dem ein Land sich präsentieren kann, wie Deutschland beim Sommermärchen 2006. Sich als Nation zu zeigen oder als Zuschauer ein Land und seine Kultur kennenzulernen, ist viel schwieriger, wenn noch zehn andere im Boot sind. Das hat mir besser gefallen. Deswegen war ich von der Idee nie überzeugt, schon vor Corona nicht.

EM 2021: In diesen Stadien wird gespielt

Die Partien der EM 2021 werden in 11 verschiedenen Spielstätten ausgetragen. Der <b>SPORT</b>BUZZER stellt die Stadien vor. Zur Galerie
Die Partien der EM 2021 werden in 11 verschiedenen Spielstätten ausgetragen. Der SPORTBUZZER stellt die Stadien vor. ©

Wie groß ist bei Ihnen die Vorfreude: Sammeln Sie mit Ihren Kindern Panini-Sticker?


Ja! Ich habe gestern die ersten Stickeralben gesehen. Wir sammeln. Und da stehen ja auch Informationen drin, die sind unglaublich wichtig für mich als Experte! Das muss ich ehrlich sagen: Ich habe gleich mal zwei Fotos geschossen, denn da standen total interessante Sachen drin: dass es das 16. Turnier ist, dass Deutschland dreimal gewonnen hat – so etwas. Das kann ich gut gebrauchen. Du siehst die Gruppenkonstellationen, du lernst die Mannschaften kennen, du hast den Turnierverlauf auf einen Blick – toll! Für mich als Experte ist das Panini-Heft ein unglaubliches Tool.

Auf welche Mannschaften müssen wir bei der EM denn achten?

Ich bin ein sehr großer Deutschlandfan, das ist klar – und natürlich Englandfan, weil ich hier lebe und arbeite. Diese beiden Nationen haben es mir natürlich angetan. Trotzdem wird es eine Endrunde, bei der es Überraschungen geben kann, es kommen ja auch Gruppendritte weiter. Natürlich gehören auch die Spanier, die Franzosen und die Portugiesen als Titelverteidiger zu den Favoriten, außerdem die Belgier und die Italiener. Grob gerechnet sehe ich einen Favoritenkreis von sieben bis acht Mannschaften. Aber es ist alles offen. England ist wirklich stark, mit Jadon Sancho, Phil Foden, Marcus Rashford – eine unglaublich talentierte Truppe. Und die Deutschen sind ja auch im Umbruch. Selbst in der deutschen "Todesgruppe" mit Portugal, Ungarn und Frankreich können ja drei weiterkommen. Ich bin sehr gespannt.

Mertesacker: Löw ist ein "unglaublicher Mensch und Trainer"

Was wünschen Sie Jogi Löw zum Abschied – als Vertrauter und Nationalspieler unter ihm?

Man darf das alles nicht vergessen: diese Energie, mit der er mich und die anderen damals als Jungspund mitgerissen hat beim ersten Turnier 2006, als er noch Co-Trainer war. Es war etwas ganz Besonderes, Jogi mit seinem Wissen und seinen Emotionen mit dieser jungen Mannschaft damals zu erleben, und dann auch später in all den Jahren. Ich wollte mich immer zerreißen für diesen unglaublichen Menschen und Trainer. Er hat Unglaubliches geleistet in diesen vielen Jahren. Und er soll einfach bleiben, wie er ist, und alle in seinen Bann ziehen. Ich bin sicher, dass sich das Land daran erinnern wird.

Mit Blick auf Ihren Job als Leiter der Jugendakademie des FC Arsenal – wie steht es um die Nachwuchsförderung in Deutschland? Was fehlt?

Es ist so wichtig, dass wir uns mit unseren Kindern beschäftigen. Wir müssen sie besser verstehen lernen, wir müssen uns wirklich kümmern um unsere nächste Generation und sie nicht verkümmern lassen mit all dem, was sie jetzt in der Pandemie erleben oder was das Internet mit ihrer Aufmerksamkeit macht oder das Handy. Sie müssen beschützt und behütet werden und nicht sich selbst überlassen mit all den Schwierigkeiten. Wir müssen Vorbilder sein, uns voll einzubringen und uns immer fragen: Wie können wir den Jüngeren helfen? Wie können wir sie in die Lage versetzen, auch schwierige Momente auszuhalten?

Wie denn?

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Wir müssen als Erwachsene präsent sein, mit unserem Verhalten vorangehen. Über allem steht für mich dabei ein respektvolles Miteinander. Und wir müssen sie daran erinnern: Wenn du etwas erreichen willst, musst du diszipliniert sein. Du musst wertschätzen, dass du Eltern hast, die dich unterstützen, dass du Trainer hast, die sich kümmern. Wertschätzung ist ein großes Thema, eine Akzeptanz zu schaffen für eine Gesellschaft, die immer diverser wird. Wertevermittlung steht ganz oben auf der Agenda. Denn ohne Werte sind wir wenig wert. Es ist die Voraussetzung für alles andere. Der Fußball kommt erst viel später. Ich habe das an mir selbst erlebt: Wie ich mich als Persönlichkeit entwickelt habe – das hat mich zu einem besseren Fußballer gemacht. Und nicht andersherum.

Beim DFB ist man zuletzt nicht sonderlich respektvoll miteinander umgegangen. Wer könnte aus Ihrer Sicht auf den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Fritz Keller folgen? Bibiana Steinhaus?

Mit Bibi habe ich eine enge Verbindung, nicht nur, weil sie auch aus Hannover kommt. Sie hat mich immer mitgezogen, auf Lehrgängen, auf Workshops, auf Sponsorenterminen. Ich bin begeistert davon, wie sich mich richtig mitgenommen hat auf ihre wirklich krasse Reise – als Mensch, als Schiedsrichterin, als Frau. Das war einfach toll! Ich kann nur schildern, wie ich sie erlebt habe. Ob das reicht, um DFB-Präsidentin zu werden, kann ich nicht beurteilen.

Zurück zu EM: Was wird drin sein für das deutsche Team?

Wir wollen mindestens das Halbfinale sehen, das ist ja klar. Das muss der Anspruch sein. Ich wünsche mir, dass wir uns als Mannschaft Schritt für Schritt weiterentwickeln und diesen Umbruch, der jetzt schon lange im Gang ist, während dieses Turniers auch wirklich vollziehen. Wir haben tolle, erfahrene Männer mit Manuel Neuer, Toni Kroos oder Thomas Müller und viele junge, hungrige, heiße Spieler – es müsste doch möglich sein, etwas zu reißen. Das sind hohe Erwartungen, aber das war immer so. Halbfinale ist immer Minimum. Wir wollen ja als Sportler auch, dass es um etwas geht. Keiner geht in ein solches Turnier und sagt: "Woll’n mal gucken, ob wir die Vorrunde überstehen." Das macht keiner. Sie werden alle versuchen, Jogi Löw den bestmöglichen Abschied zu liefern.