03. Juni 2017 / 21:38 Uhr

Per Mertesacker exklusiv: "Ich habe mir mehr erfüllt, als ich je gedacht hatte"

Per Mertesacker exklusiv: "Ich habe mir mehr erfüllt, als ich je gedacht hatte"

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Per Mertesacker gewann mit dem FC Arsenal den FA Cup.
Per Mertesacker gewann mit dem FC Arsenal den FA Cup. © imago
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Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Weltmeister vom FC Arsenal über seine lange Leidenszeit, den FA-Cup-Triumph und den Jugendverein Hannover 96.

SPORTBUZZER: Per Mertesacker, Ihre Leidenszeit endete triumphal mit dem Pokalsieg vor einer Woche. Sie müssen sich fühlen wie in einem Fußballmärchen. Klären Sie uns auf!

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Per Mertesacker: Ich war in der ersten Halbserie der Saison komplett verletzt und erst ab Februar wieder im Mannschaftstraining. Vor zwei Wochen hatte ich dann ein Gespräch mit dem Trainer, als ich gemerkt habe, ich bin nicht mehr im Kader, ich trainiere nur noch. Ich habe ihm gesagt, dass ich müde bin, mental ausgelaugt. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich gedacht, es bringt nichts mehr, ich mache Schluss. Es war egal, wie ich trainiert habe, ich habe keine Chance bekommen.

Was hat Ihnen der Coach Arsène Wenger geantwortet?

Er hat gesagt, er versteht das, aber er kann wenig für mich tun, er hat seine Mannschaft gefunden. Das war am Tag vor dem letzten Ligaspiel gegen Everton. Er hat wohl gedacht, dass die Verletzung meine Karriere beenden wird. Er kannte mich gut, aber nicht so gut, dass er wusste, was ich alles opfere, um wieder fit zu werden. Dann haben sich zwei Spieler verletzt und ich bin in den Kader gerutscht, obwohl ich schon auf dem Weg nach Hause war. Im Spiel gegen Everton kamen dann noch eine Verletzung und eine rote Karte dazu. Es fielen also vier Abwehrspieler aus, so dass ich dann noch für 40 Minuten mitgespielt habe, obwohl ich zwei Tage vorher damit abgeschlossen hatte. Und dann hat sich in einer Woche so unglaublich viel getan, mit dem man nicht rechnen konnte.

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Innig: Arsenals Manager Arsène Wenger und sein Kapitän Per Mertesacker.
Innig: Arsenals Manager Arsène Wenger und sein Kapitän Per Mertesacker. © imago

"Schöner kann man Geschichten nicht schreiben"

Sie standen dann erstmals in der Saison in der Startelf, ausgerechnet beim 2:1 im Pokalfinale gegen Meister Chelsea im ausverkauften Wembley-Stadion.

Schöner kann man Geschichten nicht schreiben. Ich bin Wettkämpfer, ich wollte beweisen, dass ich es noch kann. Das war eine Extremsituation. Ich brauche keine lange Vorbereitung. Ich habe nur überlegt, was ich der Mannschaft geben kann.

Und Sie haben laut der gern mal sehr kritischen „Sun“ das Spiel ihres Lebens gemacht...

Es hat viel zusammengepasst an dem Tag, es war perfekt. Zum ersten Mal in der Startelf, als Kapitän und dann den Pokal hochzuheben – das war eigentlich zu viel Kitsch für mich.

"Es war so weit weg, dass ich überhaupt noch mal spiele"

Den Pokal hat Ihnen Prinz William überreicht. Ist der Erfolg vergleichbar mit dem WM-Titel 2014?

Überhaupt nicht. Es war für mich so weit weg, dass ich überhaupt noch mal spiele. Vor zwei Wochen war in meinem Kopf, dass ich nach Hannover fahre, um mich auf das Benefizspiel vorzubereiten. Es war aber eine gute Zeit, um zu lernen, wie man gewissen Dingen auch aus dem Weg gehen kann.

Wie zum Beispiel?

Durch Perspektivwechsel. Ich habe versucht, den Trainer zu verstehen. Er hat neue Leute geholt, die er stützen wollte, wie er mich damals auch gestützt hat.

Was machen die Helden vom Sommermärchen 2006?

Von Odonkor bis Neuville: Was machen eigentlich die deutschen Stars der WM 2006? Zur Galerie
Von Odonkor bis Neuville: Was machen eigentlich die deutschen Stars der WM 2006? ©

Sie haben im Winter für ein Jahr bis 2018 verlängert. Bleibt es dabei?


Ja, das bleibt so. Ich hatte extremes Glück mit meiner Karriere. Ich will sie ausklingen lassen. Ich merke, dass es schwieriger wird zurückzukommen, die Spieler werden immer jünger. Mir ist wichtig, meinen eigenen Abschluss zu finden. Das war auch bei der Nationalmannschaft so, zehn Jahre waren genug. So ähnlich ist es auf Vereinsebene. Ich bin motiviert, aber ich kann nicht mehr alle drei Tage spielen. Ich kann das realistisch einschätzen. Wenn ich nicht mehr so Gas geben kann wie früher, dann mache ich Schluss. Das ist nicht endgültig. Aber ich mache mir Gedanken, wo ich hin will, wo ich gebraucht werde. Ich möchte das Glück nicht überreizen. Ich habe viel investiert, um 15 Jahre auf dem Level zu spielen. Darauf bin ich stolz.

Sie haben doch sicher schon Pläne für die Zeit nach der aktiven Karriere. Wo werden Sie landen?

Ganz sicher im Fußballgeschäft. Es kann sich schnell ergeben. Dabei spielt London eine ganz wichtige Rolle, weil wir uns da sehr wohlfühlen. Arsenal möchte mich auch ganz gern halten. Da gibt es bereits Gespräche. Das kann auch relativ fix gehen, aber wo genau wir uns da zusammenfinden, muss man abwarten.

Könnte es darauf hinauslaufen, dass Sie ab sofort Teilzeitprofi bei Arsenal mit Funktion im Klub werden?

Diese Einschätzung ist realistisch. Klar könnte man denken, es lief im Cup-Finale so gut, ich hänge noch mal ein paar Jährchen dran. Aber gerade weil ich noch mal so eine Leistung gebracht habe, sollte man sich Gedanken machen, wie man die Zukunft gestaltet.

Per Mertesacker hat sich verletzt
Seit 2011 spielt Mertesacker für den FC Arsenal. © imago/sportimage

Der Pokal-Triumph wäre doch ein perfekter Karriereabschluss?

So war es bei der Nationalmannschaft mit dem WM-Titel. Bei Arsenal ist man als Spieler so schnell ersetzbar, da möchte ich keinem im Weg stehen. Gut, ein Jahr ist noch in der Planung, aber der Pokalsieg war jetzt ein extremer Abschluss, mit dem ich nicht rechnen konnte.

Ihr Mit-Weltmeister Philipp Lahm hat gerade schon ganz aufgehört.

Da habe ich wieder festgestellt, dass wir ähnlich ticken. Wir haben schon nach dem WM-Titelgewinn in der Kabine nebeneinander gesessen und uns gefragt: Was soll jetzt noch kommen? Er ist proaktiv und vorausschauend unterwegs. Ich habe höchsten Respekt davor.

Es gibt immer mal wieder Gerüchte über Ihre Rückkehr zu 96.

Vor einem Jahr hatte ich viel Kontakt mit Daniel Stendel. Er hat mich bei 96 herumgeführt, mir das Stadion und die neue 96-Akademie gezeigt. Vom Club gab es keine Anfrage, nur bei Daniel habe ich gemerkt, dass er großes Interesse hatte, Identifikationsfiguren bei 96 unterzubringen.

Viel zu Jubeln: Schon bald sollte Mertesackers Karriere in der Nationalmannschaft beginnen.
Per Mertesacker spielte von 1995 bis 2006 für Hannover 96. © dpa

Hatten Sie den Aufstiegskampf im Blick?

Ich habe die Spiele mit Daniel Stendel als Trainer genau verfolgt. Es war wichtig, mit Daniel einen Trainer aus dem Verein zu haben, der gezeigt hat, dass man nach dem Abstieg etwas verändern will. Man sollte auch nach dem Aufstieg nicht vergessen, dass Daniel die Initialzündung gegeben hat. Was dann schiefgelaufen ist, und warum es zur Trennung kam, kann ich nicht beurteilen. Mir tut es aber sehr leid für ihn.

Was raten Sie 96 jetzt?

Es stehen wichtige strategische Entscheidungen an. Welche Spieler nimmt man dazu, wie sehr will man den Charakter der Mannschaft verändern? Ich habe viele 96-Spieler gesehen, die wollen. Aber welche Spieler sind gut genug, um in der ersten Liga zu bestehen? Pirmin Schwegler halte ich für eine gute Verpflichtung. An¬sonsten sind die Ressourcen ja da, aber ich würde nichts Verrücktes machen. Ich fühle mich wohler mit bodenständigen Spielern, die langfristig den Unterschied machen können. Die Jugend sollte auch nicht vergessen werden, dafür habe ich ja auch gestanden – als junger Spieler sollte man die Chance haben, bei den Profis reinzurutschen. Millionen zu investieren, um in der Bundesliga zu bestehen, das ist nicht der richtige Weg.

"Ich will von klein auf lernen, was es bedeutet, in einem Verein zu arbeiten"

Als Pattenser bleiben Sie in Hannover irgendwie am Ball?

Der Bezug zu Hannover wird sich nie verlieren. Ich werde immer darüber nachdenken, was man hier machen kann. Aber für mich geht es jetzt erst mal darum, die Sache mit Arsenal zu finalisieren. Ich muss Praxiserfahrungen in den Bereichen sammeln, in denen ich noch nicht war. Ich bin Fußballer und kein Funktionär. Einen Fußballer zu holen und zu glauben, der macht das schon irgendwie, so bin ich nicht gestrickt. Ich will von klein auf lernen, was es bedeutet, in einem Verein zu arbeiten.

Als Trainer oder Manager?

Ich bin da offen. Ich habe Trainer früher immer ausgeschlossen. Es ist ein extremer Beruf, aber ein Weg, der möglich ist. Aber es ist nicht entschieden, in welche Richtung es gehen wird. Es wird aber im operativen Geschäft sein, ich werde auf der anderen Seite stehen.

Per Mertesacker zum Benefiz-Spiel

Es ist etwas früh für den kompletten Karriererückblick. Aber was fehlt Ihnen?

Eine Meisterschaft. Aber ich blicke nicht zurück und denke, ich habe irgendetwas verpasst. Ich habe mir mehr erfüllt, als ich je gedacht hatte.

Trauern Sie der Zeit in der Nationalmannschaft hinterher?

Es war eine unvergessliche Zeit mit dem WM-Titel als Höhepunkt. Aber davon bin ich emotional sehr weit weg, auch jetzt vom Confed-Cup.

Wie hat sich der Fußball in Ihren 15 Profijahren verändert?

Es wird immer mehr Geld in die Jugendabteilungen gesteckt. Da fühle ich mich verpflichtet, für mehr Realität zu sorgen. Ich wusste immer, wann ich meine Leistungen zu bringen und mich zu konzentrieren hatte. Heute wird vieles für selbstverständlich genommen, nach dem Motto „Ist doch egal, ich verdiene schon genug“. Es hat sich extrem viel verändert, da gibt es für mich auch Ansätze, wo ich meinen Beitrag leisten kann.

Wo sehen Sie sich bei einem Benefizspiel im nächsten Jahr?

Hoffentlich bin ich dabei. Wenn Hannover das Klassentreffen von Alt-Internationalen weiter sehen will, bin ich gerne bereit, das aufzuziehen.

Überraschend ist Ihr enger Draht zu Kult-Torwart Tim Wiese, der so ganz anders rüberkommt als Sie. Sie waren auch bei seinem Wrestling-Auftritt in München am Ring dabei.

Wir haben bei Werder fünf Jahre nebeneinander im Bus gesessen, dabei ist so viel entstanden. Wir hatten unsere Rituale, ich werde das nie vergessen. Egal, was er macht, ob er Wrestler ist oder woanders seinen Sinn sieht, ich unterstütze ihn dabei.

Die Bilder vom Benefizspiel Mertes 96-Freunde gegen Clemens Werderaner.

Benefizspiel zwischen den 96-Freunden und Clemens' Werderaner. Zur Galerie
Benefizspiel zwischen den 96-Freunden und Clemens' Werderaner. ©

Sie haben in London die Terroranschläge erlebt. Sie fördern Kinder mit Migrationshintergrund und Flüchtlinge. Wie schätzen Sie Ihre Stiftungsarbeit vor diesem Hintergrund ein?

Vor zehn Jahren haben wir die Probleme schon gesehen und wollten mit der Stiftung einen Beitrag leisten. Respekt, Miteinander, Regelkunde, da fängt doch Integration an. Wir müssen bei uns um die Ecke schauen: Wo können wir eingreifen und helfen? Und zwar auf einer Ebene, auf der man Kinder leicht abholen kann. Wir haben so viel positive Rückmeldung von Eltern und Schulen, dass wir weitermachen wollen. Für das ganz große Bild sind aber andere Leute zuständig.

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