23. Februar 2021 / 20:04 Uhr

Perry Bräutigam über Nagelsmann: „Etwas Besseres konnte RB Leipzig nicht passieren“

Perry Bräutigam über Nagelsmann: „Etwas Besseres konnte RB Leipzig nicht passieren“

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
RB Leipzigs Maskottchen „Bulli“ und Perry Bräutigam in der Innenstadt von Leipzig
RB Leipzigs Maskottchen „Bulli“ und Perry Bräutigam in der Innenstadt von Leipzig © André Kempner
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Perry Bräutigam hat RB Leipzig von Anfang an erlebt, begleitet und mit aufgebaut. Der ehemalige Torwart ist Clubrepräsentant des Bundesligisten und kennt den Club wie seine Westentasche. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht er über die Anfänge von Rasenballsport, die Entwicklung unter Nagelsmann und was diese Saison noch alles geht.

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Leipzig. Es gibt wenige, die RB Leipzig so lange und so innig kennen, wie Klub-Repräsentant Perry Bräutigam. Der ehemalige Torwarttrainer der Roten Bullen, einst selbst Torhüter, hat vom allerersten Schritt an mit im Boot gesessen und alles mit der Mannschaft, die sich über die vergangenen Jahre merklich verändert hat, erlebt. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 57-Jährige über...

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… die Anfänge von RB Leipzig:

Perry Bräutigam: „Es war unheimlich spannend, als es damals angefangen hat. Wir hatten relativ wenig, kein eigenes Trainingsgelände, mussten uns Trainingsplätze in den ersten Monaten sichern, bevor wir dann in der Sportschule „Egidius Braun“ in Abtnaundorf zum ersten Mal einen festen Standort für Trainingseinheiten hatten. Gespielt haben wir im Stadion am Bad in Markranstädt – klein, beschaulich. Andreas Sadlo und ich sind abends in kleine Bars und Biergärten gegangen, haben Leute angesprochen, weil wir unbedingt Fans mitnehmen wollten, damit der Verein Aufmerksamkeit findet und in der Region angenommen wird. Die ersten Spieler, die wir hatten, sind hierhergekommen und haben sich von der Euphorie, hier etwas Neues aufzubauen, anstecken lassen.“

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von Perry Bräutigam

25. August 1986: Die Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena beim Fototermin für die Saison 1986/87. Obere Reihe von links: Jürgen Raab, Thomas Ludwig, Heiko Peschke, Jörg Burow, Andreas Bielau, Jens-Uwe Penzel und Mario Röser. Mittlere Reihe von links: Assistenztrainer Jürgen Werner, Robby Zimmermann, Thomas Schmiecher, Perry Bräutigam, Karsten Härtel, Jürgen Köberlein, Andreas Krause und Trainer Lothar Kurbjuweit. Vordere Reihe von links: Wolfgang Schilling, Matthias Pittelkow, Henry Lesser, Stefan Böger und Gert Brauer. Auf dem Foto fehlen Stefan Meixner, Volker Probst und Michael Stolz. Zur Galerie
25. August 1986: Die Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena beim Fototermin für die Saison 1986/87. Obere Reihe von links: Jürgen Raab, Thomas Ludwig, Heiko Peschke, Jörg Burow, Andreas Bielau, Jens-Uwe Penzel und Mario Röser. Mittlere Reihe von links: Assistenztrainer Jürgen Werner, Robby Zimmermann, Thomas Schmiecher, Perry Bräutigam, Karsten Härtel, Jürgen Köberlein, Andreas Krause und Trainer Lothar Kurbjuweit. Vordere Reihe von links: Wolfgang Schilling, Matthias Pittelkow, Henry Lesser, Stefan Böger und Gert Brauer. Auf dem Foto fehlen Stefan Meixner, Volker Probst und Michael Stolz. ©

… die fußballerische Entwicklung von RB:


„Wir haben drei Jahre in der vierten Liga gebraucht. Trotzdem kamen jedes Jahr immer mehr Zuschauer ins Stadion. Was ab 2012 passiert ist, als Ralf Rangnick den Posten des Sportdirektors übernommen hat, war schon phänomenal. Wenn man überlegt, was wir bei den Relegationsspielen gegen die Sportfreunde Lotte erlebt haben, wie wir durch die dritte Liga marschiert sind, bis in die 2. Bundesliga. Dann gab es ein Jahr Zwischenstation dort. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist die Entwicklung, vor allem für die, die sie von Anfang an erlebt haben, Gänsehaut pur.“

… die Vereinsphilosophie:

„Schon zu Beginn wussten wir, dass wir ein etwas anderer Verein sein möchten. Zum Beispiel wollten wir von Anfang an ein familienfreundlicher Verein sein. Darauf sind wir sehr stolz. Du kommst heute zu uns in die Red Bull Arena und siehst im Fanblock auch mal die Großmutter, die mit ihren Enkeln auf den Rängen steht. Dass eine ganze Familie dort stehen kann, ohne Angst zu haben, dass etwas passieren könnte, war uns von Anfang an sehr wichtig. Zudem wollen wir sportlich, jung und dynamisch auftreten, haben dafür viele talentierte Spieler nach Leipzig geholt.

Dazu kommt der schnelle, aggressive und freudbetonte Fußball, der nicht nur mit Abwehr zu tun hat, sondern offensiv geprägt ist und den Zuschauern Spaß macht. Das haben wir im Laufe der Jahre immer weiter verbessert und das Trainerteam um Julian Nagelsmann wird sicher auch nicht aufhören, weiter daran zu feilen. Dazu passt, dass wir auch in den Führungspositionen mit unserem Vorsitzenden der Geschäftsführung Oliver Mintzlaff, den Direktoren und der sportlichen Spitze mit Markus Krösche, Florian Scholz und Christopher Vivell top aufgestellt sind.“

RB Leipzigs Fußball unter Nagelsmann:

„Julian Nagelsmann hat bei uns eine gut funktionierende Mannschaft übernommen und mit seiner Art versucht, den Spielstil noch weiter zu verfeinern und noch besser zu machen. Außerdem zeigt er den Spielern noch mehr Möglichkeiten auf, was noch alles möglich ist. Was sehr imponierend ist, dass er an sich selbst immer weiterarbeitet, gewisse Dinge noch besser machen will, und diesen Drang zur Perfektion überträgt er auf die Mannschaft. Viele waren skeptisch, was aus RB Leipzig wird, wenn Timo Werner den Verein verlässt. Nagelsmann hat es durch seine Arbeit mit dem Team geschafft, nicht mehr den einzelnen Stürmer zu haben, der die Tore schießt, sondern hat diese Aufgabe auf die Mannschaft verteilt. Etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren: Ein junger, hungriger Trainer trifft auf eine junge, hungrige Mannschaft, die alle irgendwann gerne mal einen Pokal in die Hand nehmen und dieser Stadt, dieser Region schenken möchten.“

… die Chancen von RB Leipzig auf den Pokalsieg und auf die Meisterschaft:

Die aktuelle Tabellensituation hätte niemand vor drei, vier Spieltagen voraussagen können. Da sieht man, wie schnelllebig der Fußball ist und wie wichtig es ist, eine Konstanz zu haben. Es wird immer mal Spiele geben, die daneben gehen, wie das gegen Mainz 05. Aber auch das gehört zum Fußballgeschäft dazu. Wenn man es herunterbricht, ist RB dem DFB-Pokal näher. Wenn wir Wolfsburg schlagen, stehen wir schon im Halbfinale und dann braucht es vielleicht ein bisschen Losglück. Ich glaube, dass die Jungs so heiß sind, dass sie es ins Finale schaffen können. Was die Meisterschaft betrifft: Ja, die Bayern schwächeln aktuell ein bisschen. Aber man muss auch eine Mannschaft dazu bringen, dass sie das ausnutzen kann. Genau in dieser Situation befinden wir uns gerade. Derzeit kriegen wir das sehr gut hin.“

Weitere Meldungen zu RB Leipzig

… das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen Liverpool:

„Wer sagt denn, dass unsere Mannschaft nicht in der Lage ist, ein frühes Tor zu machen? Dann wird Liverpool vielleicht auch ein bisschen unruhig. Sie schwimmen aktuell ja auch nicht mehr auf ihrer Erfolgswelle der vergangenen Jahre. Sie haben uns 2:0 geschlagen, warum sollten wir das nicht auch schaffen. So lange wie etwas möglich ist, sollte man das wahrnehmen. Wir waren alle enttäuscht, die Spieler wahrscheinlich am meisten, weil sie sich ein bisschen mehr ausgerechnet hatten. Und jetzt freuen wir uns auf das nächste Spiel und schauen, was noch möglich ist.“

… die fehlenden Zuschauer im Stadion:

„Es ist eigentlich herzzerreißend. Beim Spiel gegen Manchester United beispielsweise, bei dem es ums Weiterkommen ging, saß ich auf den Rängen und habe mich umgeschaut. Mir kamen beinahe die Tränen, weil keine Zuschauer da waren. Wenn sie da gewesen wären, wäre bei dem Spielverlauf zum Schluss wahrscheinlich das Dach abgehoben. Die Fans fehlen uns an allen Ecken und Enden. Wir sind mit ihnen entstanden. Solche Erfolge würden wir am liebsten immer mit ihnen feiern. Ich habe von vielen Seiten mitbekommen, dass auch sie es kaum abwarten können, bis sie wieder in die Red Bull Arena kommen können.“

… die Veränderungen im Fußball seit seiner aktiven Zeit:

„Der Fußball hat eine ganz andere Dynamik angenommen. Früher war das Tempo geringer, im Mittelfeld wurde nicht ganz so hart gepresst, es gab weniger Zweikämpfe. Der Fußballer ist zu einem richtigen Athleten geworden. Die Typen, die es damals gegeben hat, gibt es nicht mehr, auch weil der Fußball mittlerweile viel wissenschaftlicher geworden ist. Aber es ist immer noch das gleiche Feld, es stehen immer noch zwei Tore und es spielen elf gegen elf Spieler, wo die eine Mannschaft versucht, den Balls ins gegnerische Tor zu schießen. Außerdem müssen sich die Spieler heute viel früher entwickeln als damals. Mit 18, 19 Jahren sollten sie schon den Sprung in die erste Mannschaft geschafft haben, um dann zehn Jahre auf richtig gutem Niveau zu spielen. Wir haben auch noch mehr Blödsinn gemacht, aber damals hatten wir nicht so eine Medienpräsenz. Es gab glücklicherweise nicht in jeder Hand ein Handy, mit dem man schnell etwas filmen konnte (lacht).“