20. Januar 2020 / 21:25 Uhr

Peter Gagelmann wünscht Nachbesserung beim Videobeweis

Peter Gagelmann wünscht Nachbesserung beim Videobeweis

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Peter Gagelmann verwarnt Rolf Landerl.
Peter Gagelmann verwarnt Rolf Landerl. © Maxwitat
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Großes LN-Interview mit dem ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter über die Bundesliga, den VfB Lübeck, die EM und WM – Am Sonnabend ist er Schirmherr beim Benefiz-Turnier in Bad Schwartau

Peter Gagelmann war Schiedsrichter mit Leib und Seele. Der Bremer leitete in 15 Jahren 214 Fußball-Bundesligaspiele. Am kommenden Sonnabend (25. Januar, ab 14 Uhr) ist der 51-Jährige Schirmherr beim 6. Benefiz-Turnier der Oldies in der Jahnhalle in Bad Schwartau. “Ich komme gerne”, sagte Gagelmann. Die Lübecker Nachrichten sprachen mit ihm.

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Als Schiedsrichter sind Sie in Deutschland bekannt. Aber nicht als ehemaliger Fußball-Spieler. Warum nicht? Hatten Sie kein Talent dafür?

Peter Gagelmann: Talent und Leidenschaft sind nicht immer die ausschlaggebenden Argumente um Bundesliga-Fußballer zu werden. Ich habe mit sechs Jahren angefangen im Verein zu kicken. Die Faszination für den Fußball war schon damals bei mir sehr stark ausgeprägt. Vielleicht muss die noch ausgeprägter sein, wenn man den „Job“ des Schiedsrichters übernimmt. Ich habe mich sehr früh dazu entschieden „nur“ noch Spiele zu leiten, da der Zeitaufwand für einen Schiedsrichter genauso groß ist wie für den Spieler.

Sie arbeiten bei Mercedes im Kundencenter. Haben Sie von Ihrem Arbeitgeber immer frei bekommen?

Gagelmann: Ich bin dankbar, einen solchen Arbeitgeber zu haben, der mich immer unterstützt hat. Ich habe temporär zeitreduziert gearbeitet, um somit mehr Zeit für den Fußball zu haben.

Was war Ihr schönster Moment in Ihrer Schiedsrichter-Karriere?


Gagelmann: Ohhh, die gab es reichlich und es sind nicht zwingend die großen Bundesligaspiele, die gut liefen oder eine schwere Entscheidung, die man treffen musste. Wenn aber noch heute, nach Beendigung meiner aktiven Zeit, Spieler oder ehemalige von damals mir und meiner Leistung Respekt zollen, dann freut es mich.

Es gab sicher auch Entscheidungen, die Sie danach bereut haben.

Gagelmann: Auch da gibt es einige. Sicherlich gab es Spielszenen, bei denen ich mir damals den Video-Schiedsrichter gewünscht hätte. Die Wahrnehmung in der Situation auf dem Platz stellt sich eben doch manches Mal anders dar, als in der anschließenden Aufbereitung und Betrachtung im TV. Deshalb können sich die heutigen Spitzenschiedsrichter glücklich schätzen, jemand als back-up zu haben.

Sie waren ein anerkannter Schiedsrichter. Aber es gab Vorwürfe gegen Sie wegen Ungleichbehandlung von Spielern mit und ohne Promibonus. “Verpiss dich”, sollen Sie gegenüber Augsburger Spielern bei der Partie gegen Bayern München mal gesagt haben. Herrscht auf dem Platz ein rauer Ton?

Gagelmann: Häufig wird behauptet, dass Schiedsrichter Spieler nicht gleich behandeln. Jeder Spielleiter möchte wie auch jeder Spieler fehlerfrei sein. Daran werden auch Schiedsrichter gemessen. Ich ärgere mich noch heute, dass ich damals nicht wesentlich vehementer gegen diesen Vorwurf vorgegangen bin. Schon damals gab es die Kommunikation via Headset im Schiedsrichter-Team. Meine Assistenten waren genauso bestürzt und erschrocken, wie auch ich, als ein frustrierter Spieler nach dem Spiel behauptete, dass ich mich so respektlos geäußert hätte. Der Respekt war und ist die Grundlage im Sport.

2015 haben Sie Ihre Schiedsrichter-Karriere beendet. Danach waren Sie als Sky-Experte tätig. Was machen Sie heute in Sachen Sport?

Gagelmann: Der Fußball ist immer ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Die Erfahrung beim Fernsehen möchte ich nicht missen. Ich habe vor zwei Jahren angefangen, Golf zu spielen. Mit großer Leidenschaft und noch größerer Demut versuche ich nun viel zu kleine Bälle zu schlagen und möglichst auch noch einzulochen. Ich bin Vorstandsvorsitzender der Sportstiftung Bremen. Wir fördern den Nachwuchsleistungssport im Land Bremen. Eine großartige Aufgabe mit hohem Zeitaufwand. Dafür erfahren wir im Rücklauf große Dankbarkeit von jungen Leuten, die alles selber finanzieren müssen. Das steht im Gegensatz zum Fußball, wo sehr viel Geld in die Nachwuchsförderung fließt. Ich coache gerne junge Schiedsrichter und bin als Referent und Speaker unterwegs. So gebe ich meine Erfahrungen gerne weiter.

 Es gibt immer noch Kritik, wenn wegen Tor-Entscheidungen Spieler und Fans mehrere Minuten auf eine endgültige Entscheidung warten müssen. Halten Sie die Video-Analyse weiter für richtig? Oder was würden Sie ändern?

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Gagelmann: Die zentralen Themen beim VAR (Video Assistent Referee) sind die Geschwindigkeit und die Transparenz. Sicher müssen wir noch schneller werden, aber alle im Stadion haben aus meiner Sicht ein Recht zu wissen, was auf dem Platz passiert. Auch da gibt es noch Bedarf zur Nachbesserung.

Schauen Sie sich jetzt Bundesliga-Spiele live im Stadion an? Auf der Tribüne – oder nur im TV?

Gagelmann: Sicher gehe ich auch gerne mal ab und zu ins Stadion. Da liegt es nahe, ein Stadion zu nutzen, dass ich sogar mit dem Fahrrad erreichen kann. Das Bremer Weserstadion.

Die Bundesliga ist in dieser Saison so ausgeglichen wie selten in den vergangenen Jahren. Gut so?

Gagelmann: Ja, das hebt die Attraktivität und ist gut für den gesamten Fußball in Deutschland.

Wer wird denn Meister?

Gagelmann: Schwierig. Die Statistik spricht für den Herbstmeister Leipzig, aber die Münchner werden sich nicht ergeben. Es wird mit Sicherheit eine spannende Rückrunde mit großen Aufgaben, auch für die Schiedsrichter in der Bundesliga.

Und wer steigt ab?

Gagelmann: Auch hier gibt es tolle Statistiken. Von Platz 9 bis zum 17. Tabellenplatz ist der Punkteunterschied nicht sehr groß. Wie so häufig, erwischt es vielleicht jemanden, der heute noch nicht damit rechnet.

Sie haben auch zwei Spiele des VfB Lübeck (2008 gegen Babelsberg, 2011 gegen Chemnitz) gepfiffen. Gibt’s noch Erinnerungen?

Gagelmann: Ich kenne die Lohmühle noch aus Regionalliga-Zeiten. Die alte Holztribüne ist legendär. Große Leidenschaft gepaart mit emotionaler Fankultur. Ich habe die Spiele in Lübeck immer sehr genossen, habe auch die schöne Stadt sehr schätzen gelernt.

Der VfB Lübeck will unbedingt in die 3. Liga aufsteigen. Kann das klappen? Haben Sie einen Einblick, was beim VfB abläuft?

Gagelmann: Der VfB ist vorne dran und wird versuchen die Chance des Aufstiegs zu nutzen. Jedoch bin ich zu weit weg um das genau beurteilen zu können.

Die EM findet dieses Jahr in ganz Europa statt. Sinnvoll?

Gagelmann: Vielleicht bin ich da voreingenommen und zu sehr Traditionalist. Eine EM oder WM auf ein oder maximal zwei Länder bindet die Fans wesentlich besser und ist aus meiner Sicht authentischer. Vielleicht ergeben sich solche Entscheidungen, wenn man versucht noch mehr Gelder zu generieren.

Um die Winter-WM in Katar ist es derzeit ruhig. War das eine sinnvollen Entscheidung, sie dorthin zu vergeben?

Gagelmann: Das ist noch ein Extrem obendrauf. Das empfinde ich genauso befremdlich, wie eine Aufstockung der teilnehmenden Mannschaften.

Interview: Peter-Wulf Dietrich