30. Juni 2020 / 14:11 Uhr

Schalke 04 in der Krise: Neururer verteidigt Wagner – Gehaltsgrenze eine "Bankrotterklärung"

Schalke 04 in der Krise: Neururer verteidigt Wagner – Gehaltsgrenze eine "Bankrotterklärung"

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Peter Neururer spricht im SPORTBUZZER-Interview über die aktuelle Krise beim FC Schalke 04.
Peter Neururer spricht im SPORTBUZZER-Interview über die aktuelle Krise beim FC Schalke 04. © Getty Images/imago images/MIS (Montage)
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Schalkes ehemaliger Trainer und langjähriges Vereinsmitglied Peter Neururer spricht über sportliche und wirtschaftliche Krisenzeiten, eine Gehaltsobergrenze und seine Sorgen für die kommende Saison.

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SPORTBUZZER: Herr Neururer, seit fast 30 Jahren sind Sie Vereinsmitglied beim FC Schalke 04, wie ergeht es Ihnen dieser Tage als Fan?

Peter Neururer: Sagen wir es so: Während meiner Zeit als Schalke-Trainer zwischen 1989 und 1990 habe ich diesen Verein lieben gelernt – seitdem weiß ich aber auch, was es bedeutet zu leiden. Gerade die abgelaufene Saison war der Wahnsinn, mit allen Facetten, die man sich vorstellen kann.

In der Hinrunde begeisterte der Klub die Bundesliga, in der Rückrunde folgte ein beispielloser Absturz – nicht nur sportlich.

Dieser Verein ist eben der emotionalste, der in der Bundesliga existent ist. Das Problem dabei: Wenn es positiv läuft, werden Dinge glorifiziert, die es gar nicht gibt. Und wenn es negativ läuft, werden viele Dinge in einen Topf geworfen, die mit dem Klub gar nichts zu tun haben. Nehmen wir den mehr als bedauerlichen Vorfall in der Firma von Clemens Tönnies (am Nachmittag zurückgetreten, d. Red.).

Einige Fans haben sich am vergangenen Wochenende von ihm abgewandt, gegen Tönnies demonstriert.

Die Inhalte einiger Plakate fand ich unmöglich. Es waren rund 1000 Menschen, einige waren nicht mal Schalke-Fans – der Klub hat jedoch mehr als 150.000 Mitglieder. Und ich bin beispielsweise anderer Meinung.

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Nämlich?

Natürlich hat Clemens Tönnies Fehler gemacht. Aber das eine mit dem anderen zu vermischen – das ist ein riesiger Fehler. Am besten sind diejenigen, die jetzt erneut seine unbedachten Katastrophen-Äußerungen zu Afrika herauskramen, für die er sich 50.000 Mal entschuldigt hat. Diese Leute haben Schalke 04 nicht begriffen.

Nun ist von einer Bürgschaft in Höhe von 40 Millionen Euro vom Land Nordrhein-Westfalen die Rede.

An eine Insolvenz, wie ich sie selbst bei Wattenscheid 09 (als Sportdirektor, d. Red.) erlebt habe, glaube ich nicht, der Klub ist ja zahlungsfähig. Dazu sind die Mitglieder ein echtes Pfund, das Stadion ist bezahlt, gehört dem Klub. Aber die Frage ist: Wie entwickelt sich Schalke 04? Aktuell ist das kaum absehbar.

Den Klub plagen Verbindlichkeiten in Höhe von 200 Millionen Euro. Wo machen Sie die wirtschaftlichen Verfehlungen aus?

Es hat natürlich niemand damit gerechnet, dass es eine Corona-Pandemie geben wird. Ansonsten hätte man wohl keine 90 Millionen Euro in die Infrastruktur um die Arena investiert, die ebenfalls noch abbezahlt werden musste. Und sportlich wurden falsche Management-Entscheidungen getroffen.

Welche zum Beispiel?

Der BVB hat in den letzten Jahren einen Überschuss in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaftet, Schalke hat da ein Defizit. Das darf nicht sein. Sead Kolasinac, Joel Matip, Leon Goretzka oder Max Meyer sind alle ablösefrei gegangen. Und wenn ich Spielern wie Sidney Sam noch Millionen auf den Weg geben muss, damit sie endlich den Verein verlassen, geht das auf die Kappe der Entscheider.

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Die Süddeutsche Zeitung berichtete von einer Gehaltsobergrenze von 2,5 Millionen Euro, die nun eingeführt werden soll. Ihre Einschätzung?

Erstens ist es eine äußerst populistische Angelegenheit, im Augenblick von einer Obergrenze zu reden bei einem Verein, der eine Bürgschaft vom Land NRW bekommen soll. Das ist despektierlich gegenüber allen Menschen, die hier den letzten Pfennig auf Schalke einbringen – die Jahreskarten kaufen, obwohl sie arbeitslos sind. Und zweitens ist es eine Bankrotterklärung.

Sie meinen wegen der sportlichen Ambitionen?

Ich lasse damit doch die Hosen runter und erkläre: Meine lieben Fans, wir können in der Bundesliga ab sofort übrigens nicht mehr mithalten. Welchen Spieler internationaler Klasse – und da möchte Schalke ja wieder hinkommen – verpflichte ich, indem ich sage, du bekommst „nur“ 2,5 Millionen bei uns? Und die Spieler mit laufenden Verträgen werden mit Sicherheit nicht auf Geld verzichten. Möglich, dass dann die gesamte Mannschaft auseinanderfällt.

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Wie sehen Sie die Schalker Verantwortlichen?

Der Verein hat mit Jochen Schneider einen überragenden Sportdirektor. Man hat mit Michael Reschke einen, der sich öffentlich zurückhält, der in der aktuellen Situation in der Planung jedoch gebremst ist – er kann nichts machen. Was er bisher in die Wege geleitet hat, war gut. Man hat mit Alexander Jobst einen international anerkannten Mann im Marketing. Und die Stelle vom König der Finanzen (Peter Peters, d. Red.) – wobei ich nicht weiß, ob er berechtigterweise so genannt wurde – muss neu besetzt werden.

Die von Trainer David Wagner ebenfalls?

Nein, der soll bleiben. Der Trainer hat in der Hinrunde bewiesen, dass er eine Mannschaft zusammenstellen und mit ihr umgehen kann. Und dann wurde er plötzlich zum Krisenmanager in einer Krise, die man gar nicht bewältigen konnte.

Wie groß sind Ihre Sorgen vor der nächsten Saison?

Wenn man die letzten 16 Spiele ohne Sieg sieht, dann müsste man vor Angst schwitzen. Ich habe noch die Hoffnung, dass wir nächstes Jahr nicht in Abstiegsnot geraten. Aber in der aktuellen Situation von internationalen Plätzen zu reden, da sind wir so weit von entfernt wie von der letzten deutschen Meisterschaft – ich erinnere, das war 1958.