25. Oktober 2021 / 18:31 Uhr

Peter Niemeyer: "Das war der schwierigste Moment meiner Karriere"

Peter Niemeyer: "Das war der schwierigste Moment meiner Karriere"

Ronald Tenbusch
Märkische Allgemeine Zeitung
Peter Niemeyer war einst selbst als Profi für Hertha BSC aktiv.
Peter Niemeyer war einst selbst als Profi für Hertha BSC aktiv. © IMAGO/Kirchner-Media (Montage)
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DFB-Pokal: Mit Preußen Münster trifft Sportdirektor Peter Niemeyer auf seinen Ex-Klub Hertha BSC. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über die guten und schlechten Zeiten in Berlin. Und er verrät, wie es um seinen Vorvertrag bei Hertha bestellt ist.

Die Zutaten für einen waschechten Pokalabend sind angerichtet. Wenn Bundesligist Hertha BSC am Dienstag (18.30 Uhr) zum SC Preußen Münster reist, wird eine ganze Stadt auf den Beinen sein. Keine Stunde dauerte es bis die rund 11 000 Tickets für die Zweitrundenpartie vergriffen waren. Beim Traditionsclub herrscht nach einem guten Saisonstart Euphorie. Peter Niemeyer hat als Sport-Geschäftsführer seinen Anteil daran. Für den ehemaligen Hertha-Kapitän ist es kein Spiel wie jedes andere.

SPORTBUZZER: Herr Niemeyer, was war der erste Gedanke beim Los Hertha?

Peter Niemeyer (37): Solche Geschichten schreibt nur der Fußball. Das ist mit meiner Hertha-Vergangenheit schon persönlich für mich ein besonderes Los. Für den Verein hätte ich mir hingegen gerne einen Zweitligisten gewünscht, um bessere Chancen auf die nächste Runde zu haben. Wohlwissend, dass als Viertligist jedes Los eine nahezu unmögliche Herausforderung ist.

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Eigentlich ging die Erstrundenpartie gegen Wolfsburg mit 1:3 nach Verlängerung verloren. Wegen eines umstrittenen Wechselfehlers des VfL wurde Münster aber nachträglich zum Sieger erklärt. Finden sie es verdient, dass Preußen in der zweiten Runde steht?

Wir haben gegen einen Champions-League-Teilnehmer bis zur 90. Minute geführt und über die gesamte Spielzeit auf Augenhöhe agiert. Ich hätte mir das definitiv anders gewünscht und habe mich auch nach dem Urteil nicht als Gewinner gefühlt.

Dennoch haben Sie Einspruch eingelegt.


Man sollte bedenken, was an so einer Entscheidung alles dranhängt. Dass wir diesen Schritt gehen mussten, war sehr gut mit allen Verantwortlichen des Vereins abgewägt. Die Wahrnehmung des Umfelds im Verein war sehr eindeutig. Finanziell macht eine 2. Runde im DFB-Pokal für einen Klub wie uns, und dann noch in Corona-Zeiten, sehr viel aus. Mit den ungeplanten Einnahmen können wir weiter an Strukturen arbeiten.

Als Sie im Sommer 2020 in Münster anfingen, war der Klub gerade nach einem Jahrzehnt aus der Dritten Liga in die Regionalliga abgestiegen. Hinzu kam die Corona-Pandemie. Nicht gerade die einfachsten Voraussetzungen, um die erste Stelle als leitender Funktionär zu übernehmen.

Als ich das Angebot bekam, habe ich mir die Zeit genommen, es mir genau zu überlegen. Dann habe ich die Entscheidung getroffen und sie seither nicht einen Tag lang bereut. Preußen ist ein Traditionsclub, bei dem mir von Beginn an der Generalschlüssel in die Hand gedrückt wurde. Das hat mich gereizt, auch wenn hier in der Vergangenheit sicher nicht alles optimal lief, sonst würden wir sportlich nicht in der Regionalliga spielen.

Als Sie ein Jahrzehnt zuvor von Bremen nach Berlin wechselten, war auch die Hertha gerade abgestiegen. Haben Sie ein Faible für schwierige Aufgaben?

Ich habe in meiner Karriere definitiv nicht immer den einfachsten Weg gewählt. Auch der Umweg in den deutschen Profifußball über Twente Enschede in Holland oder mein Wechsel zu Bundesliga-Aufsteiger Darmstadt waren sicher nicht die einfachsten Wege. Aber ich war davon überzeugt. Irgendwann blicke ich in den Spiegel und sage: „I did it my way.“

Sie haben in Berlin viel erlebt. Welche Momente sind Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Natürlich die Aufstiege, besonders der als Kapitän. Allerdings ist mir auch die Abstiegsrelegation in Düsseldorf bis heute stark im Gedächtnis geblieben.

<b>Peter Niemeyer:</b> Mit den Berlinern stieg er 2012/13 direkt wieder auf in die Bundesliga. 2015 wechselte Niemeyer (l.) zum SV Darmstadt 98.
Peter Niemeyer (l.) bestritt 132 Pflichtspieler für Hertha BSC. Hier gegen Union Berlin. © dpa

Sie meinen die Partie, die wegen Pyro-Attacken und dem Platzsturm der Düsseldorfer Fans mehrmals kurz vor dem Abbruch stand?

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Ja. Vor allem das Nachspiel vor dem Sportgericht in Frankfurt hat sich bei mir eingebrannt. Ich gehörte zu einer Hertha-Delegation um Otto Rehhagel, die den Klub vor Gericht vertrat. Wir kamen dorthin und es warteten gefühlt 100 Journalisten und ich musste dort aussagen. Ich hatte das Gefühl, die Verantwortung für das Schicksal des gesamten Klubs zu tragen. Das war mit Sicherheit der schwierigste Moment meiner Karriere.

Sie sprechen Otto Rehhagel an, der 2012 für etwas mehr als 100 Tage als Trainer zurückkehrte, den Abstieg letztlich aber auch nicht verhindern konnte. Wie war die Zeit unter „König Otto“?

Die Zeit unter Rehhagel war besonders. Er kam am Ende einer verkorksten Saison als Trainer Nummer drei nach Markus Babbel und Michael Skibbe. Egal, wo wir hinkamen, alle kannten ihn. Die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit fokussierte sich auf Otto. Das war mit Sicherheit auch der Plan der Verantwortlichen. Sie wollten Druck von der Mannschaft nehmen. Rehhagel wollte dann aber doch mehr eigene Ideen einbringen als ursprünglich angedacht war. Das war dann nicht ganz einfach. Ganz optimal ist der Plan rückblickend wohl nicht aufgegangen.

Auch unter Hertha-Coach Pal Dardai haben Sie noch trainiert. Nach einer halben gemeinsamen Saison mussten Sie gehen. Konnten Sie das damals nachvollziehen?

Man muss nicht immer jede Entscheidung nachvollziehen können, aber ich habe es akzeptiert. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich bei jedem Klub zur Vordertür rein und auch wieder zur Vordertür heraus gehen konnte. Dass Hertha mir damals einen Anschlussvertrag gegeben hat, zeigt ja, welchen Stellenwert ich beim Klub hatte und habe. Und das macht mich schon stolz.

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Sie sprechen den Anschlussvertrag an, der eigentlich nach dem Ende ihrer aktiven Karriere in Kraft treten sollte. Dieses liegt nun drei Jahre zurück. Wie ist da der Stand?

Es wäre damals mit Sicherheit das einfachste für mich gewesen, nach dem Ende meiner Karriere in Darmstadt zurück nach Berlin zu gehen, und diesen Vertrag anzutreten. Aber auch damals wollte ich meinen eigenen Weg gehen und etwas anderes machen. Ich ging erneut nach Holland und wurde „Head of Development“ bei Twente Enschede, weil ich was anderes lernen wollte.

Und das heißt?

Mit den Verantwortlichen bei Hertha, die ich noch kenne und auch sehr schätze, stehe ich im regelmäßigen Austausch. Aber vertraglich steht nichts mehr im Raum.

Was rechnen Sie sich für das Pokalspiel gegen Hertha aus?

Hertha ist Bundesligist und hat ganz andere Möglichkeiten. Zwischen beiden Klubs liegen so viele Ligen, da muss schon viel zusammenkommen, damit wir eine Chance haben.

Was ist denn für Preußen in dieser Saison am Ende möglich?

Für uns ist es gerade wunderschön, den Pokaltraum zu leben. Und das werden wir tun, solange wir träumen dürfen. In der Liga haben wir nach gutem Start ein wenig geschwächelt. Ich glaube aber, dass wir bis zum Schluss in der Lage sein werden, oben mitzuspielen.

Und Hertha?

Der Klub befindet sich in einem Übergangsjahr. Es gibt im Klub eine neue Handschrift, das benötigt Zeit. Ich bin aber überzeugt davon, dass sie mit all der Qualität im Team nichts mit dem Abstieg zu tun haben werden.