25. August 2017 / 07:58 Uhr

Petersen vor Spiel bei RB Leipzig: „Wir wurden böse auseinandergenommen“

Petersen vor Spiel bei RB Leipzig: „Wir wurden böse auseinandergenommen“

Anne Grimm
Leipziger Volkszeitung
Nils Petersen (SC Freiburg)
Nils Petersen war der Joker der vergangenen Bundesliga-Saison. © Imago
Anzeige

Nils Petersen trägt den Titel „bester Joker der Bundesliga“. Doch in dieser Saison will der Stürmer beim SC Freiburg über diese Rolle hinaus kommen. Im Interview spricht der 28-Jährige über die Partie am Sonntag gegen RB Leipzig, eine Heimat im Profi-Fußball und den Transferwahnsinn des Sommers.

Wie ist die Stimmung beim SC Freiburg nach dem 0:0 zum Auftakt gegen Frankfurt?

Anzeige

„Natürlich haben wir uns einen Dreier gewünscht, aber am Ende können wir mit dem Punkt leben. So reisen wir mit einem kleinen Erfolgserlebnis nach Leipzig.“

RB Leipzig hat im ersten Spiel auch kein Tor geschossen, dafür vergangene Saison in den direkten Duellen mit Ihrem Team jedes Mal vier Treffer erzielt (4:1, 4:0). Was erwarten Sie von der Begegnung am Sonntag?

Anzeige

„Ich hoffe, dass wir daraus gelernt haben. Wir sind beide Male böse auseinander genommen worden. Das gilt es, dieses Jahr zu verhindern. An Qualität hat Leipzig nichts verloren. Wir wissen um die schwere der Aufgabe, aber es ist nichts unmöglich. Leipzig hat natürlich den Druck auf seiner Seite, durch die Niederlage zum Start.“

BILDER: Nils Petersen

Walace of Brazil and Nils Petersen of Germany vie for the ball during the mens Gold Medal match between Brazil and Germany of the Rio 2016 Olympic Games Soccer tournament. Zur Galerie
Walace of Brazil and Nils Petersen of Germany vie for the ball during the mens Gold Medal match between Brazil and Germany of the Rio 2016 Olympic Games Soccer tournament. © dpa

In den Katakomben des Leipziger Stadions haben Sie im April den lustigen Satz gesagt: Der eine springt hoch wie ein Pferd (Yussuf Poulsen), der andere rennt schnell wie ein Pferd (Timo Werner)…

„Ich hoffe, dass unsere Verteidiger sich darauf einstellen, das Spiel ihres Lebens machen und die beiden im Zaum halten. Schalke hat gezeigt, wie man sie ausschalten kann, aber sie haben auch ein brutal starkes Spiel gezeigt. Letztes Jahr haben wir nicht viele Punkte gegen Topmannschaften geholt, das wollen wir ändern.“

Leipzig und Freiburg waren vergangene Saison die beiden Überraschungsaufsteiger als Vizemeister und Tabellensiebter – wo sehen Sie die Teams am Ende dieser Spielzeit?

„Leipzig wird sich nicht aus der Ruhe bringen lassen durch die Startniederlage. Auf Schalke kann man verlieren. Leipzig wird wieder eine gute Rolle spielen und um die europäischen Plätze kämpfen. Es wird sich zeigen, wie sie mit der Dreifachbelastung klar kommen. Die haben wir nicht, aber natürlich wären wir gern in der Europa League gewesen (in der Qualifikation gegen NK Domzale aus Slowenien ausgeschieden, Anm. d. Red.). Wir werden uns trotzdem mit dem Abstiegskampf beschäftigen müssen und schauen, dass wir mindestens drei Mannschaften hinter uns lassen. Das hat oberste Priorität.“

Im Sommer hatte der SC Freiburg Probleme bei Neuverpflichtungen, sind mehrere Spieler beim Lockruf des Geldes kurz vor der Vertragsunterzeichnung wieder abgeflogen. Ist das Leid der kleinen Vereine mit dem Wahnsinn der Transfersummen noch größer geworden?

„Absolut. Das ist unser großes Problem. Die finanziellen Mittel sind da, aber wir wollen sie sinnvoll anlegen, mit wirtschaftlichen Transfers. Ich finde es auch gut, dass der Verein seiner Linie treu bleibt und nicht in Hektik verfällt. Aber man sieht, dass sogar Aufsteiger wie Hannover acht bis neun Millionen investieren müssen, um dann auch Qualität an Land zu ziehen. Die Preise sind enorm gestiegen. Aber unsere Neuverpflichtungen passen gut rein und die Wintertransferperiode gibt es auch noch.“

Zahlen zur Saison 2016/17 von Nils Petersen
Zahlen zur Saison 2016/17 von Nils Petersen © Sportbites

Wie erlebt man solch einen Transfersommer mit galaktischen Beträgen und Streiks von Spielern als Fußballer eines bodenständigen Vereins wie dem SC Freiburg?

„Ich bin kein Fan davon. Als Spieler ist man ja auch Fan des Fußballs. Wenn solche Summen im Raum stehen und Trainingsverweigerung dabei ist, dann ist das natürlich nicht schön. Dieses Jahr gibt es eine extreme Entwicklung und die Summen haben nichts mehr mit Fußball zu tun, das ist nur noch reine Wirtschaft und Überbezahlung. So viel Geld ist kein Mensch oder Spieler wert. Ich hoffe, dass das auch mal wieder ein Ende hat, aber ich glaube es nicht.“

Mit Christian Streich hat ein wichtiger Baustein des SC Freiburg, der bereits seit sechs Jahren Trainer ist, seinen Vertrag im Sommer erneut verlängert. Welche Bedeutung hat er für den Verein?

„Gerade zum jetzigen Zeitpunkt muss man froh sein, wenn man Spieler, Funktionäre und Trainer mit Identifikation hat. Wo das viele Geld sekundär wird und man dort ist, wo das Herz hängt. Das lebt unser Trainer vor und ist natürlich gut für die jungen Spieler. Ich finde es total gut, dass er hier verlängert hat. Das gibt es viel zu selten in dem Geschäft.“


Sie sind seit zweieinhalb Jahren und noch bis 2019 vertraglich an den SC Freiburg gebunden, haben dann das 30. Lebensjahr erreicht. Ist es für Sie ein Verein zum Alt werden?

„Ja, weil man weiß, was man hier hat. Ich habe ja auch schon andere Dinge gesehen (u.a. Bremen, Bayern, Cottbus Anm. der Red.). Wenn man ein bisschen herumgekommen ist und ein Fleckchen Heimat findet, dann sollte man das festhalten, ohne die sportlichen Aspekte aus den Augen zu lassen. Man will natürlich trotzdem sportlichen Erfolg haben.“

Sie sind der beste Joker der Bundesliga. 19 Treffer von der Bank aus, zehn davon in der vergangenen Saison – ist das eine Rolle, mit der Sie sich identifizieren können?

„Der Erfolg war ja vergangene Saison da und hat allen Recht gegeben. Der Trainer weiß auch, dass ich deswegen nicht laut werden würde und wir haben ein gutes Verhältnis. Ich hoffe natürlich, dass er mich diese Saison öfter in der Startelf sieht. Aber mit den zehn Toren war ich schon zufrieden.“

Freiburgs Coach Christian Streich und Nils Petersens Vater Andreas
Imago © Auch zwischen Nils Petersens Vater Andreas und seinem Coach Christian Streich stimmt die Chemie.

Ist der Erfolg in der Offensive für Freiburg die größte Herausforderung in dieser Saison? Gegen Frankfurt gab es nur eine Torchance

„Wir haben natürlich mit Maximilian Philipp (Dortmund) und Vincenzo Grifo (Gladbach) zwei hochwertige Spieler verloren, die uns fehlen. Wir haben auch gute Neue hinzu bekommen, aber die müssen sich erstmal an das System Streich gewöhnen. Wir wissen, was wir an individueller Qualität verloren haben und das wir das als Mannschaft auffangen müssen. Wir hoffen, dass das über die ganze Saison klappt.“

Sie sind in Wernigerode geboren, haben während Ihrer Jugend in Halberstadt gespielt. Im Pokalspiel gegen Germania und ihren Vater als Trainer hat man gemerkt, dass es einen großen Zuspruch der Fans gab. Besteht die Möglichkeit, nach der aktiven Karriere wieder zu einem Verein nahe Ihrer Heimat zurückzukehren?

„Klar, ich versuche mir da auch, viele Türen offen zu halten. Ich habe mit Jena, Cottbus und Halberstadt viele Stationen im Osten gehabt und mich überall wohl gefühlt. Stand heute bin ich gern in Freiburg, kann mir das aber in Zukunft vorstellen. Eine Entwicklung im Fußball-Osten ist ja auch da.“

Ist es für Sie logisch, dass es nach der aktiven Karriere es auch im Fußball weiter geht?

„Nach der Schule habe ich nichts anderes gelernt, bin also lange raus aus dem Berufsleben. Da wird es schwer, irgendwo einsteigen zu können. Natürlich hat man sich auch einen gewissen Lebensstandard angeeignet, das ist kein Geheimnis. Ich würde sehr gern im Fußballgeschäft bleiben, aber das wollen viele. Aber wenn man sich die aktuellen Entwicklungen anschaut, will man nicht unbedingt Trainer werden. Wenn ich sehe, dass nach drei Spieltagen in der Zweiten Liga schon zwei Trainer entlassen wurden, dann überlegt man sich das dreimal.“