07. Juni 2020 / 23:17 Uhr

Pevenage-Autobiografie "Nichts als die Wahrheit“: Hier ein Kapitel exklusiv vorab lesen

Pevenage-Autobiografie "Nichts als die Wahrheit“: Hier ein Kapitel exklusiv vorab lesen

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Rudy Pevenage veröffentlicht am 10. Juni seine Autobiografie Nichts als die Wahrheit auf Deutsch.
Rudy Pevenage veröffentlicht am 10. Juni seine Autobiografie "Nichts als die Wahrheit" auf Deutsch. © imago images/Kosecki
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Lest hier einen Auszug aus der am Mittwoch erscheinenden Autobiografie von Rudy Pevenage. In "Nichts als die Wahrheit" packt der ehemalige Sportliche Leiter des Teams Telekom unter anderem über die Praktiken der Dopingszene aus.

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Die Hochzeit des deutschen Radsports ist mit seinem Namen verbunden: Der Belgier Rudy Pevenage (65) war als Sportlicher Leiter des Teams Telekom nah dran, als Jan Ullrich und Erik Zabel in den Neunzigerjahren Sieg um Sieg einfuhren. Heute hat diese Epoche einen Makel: Die Stars waren gedopt. In seiner Autobiografie „Nichts als die Wahrheit“, die am Mittwoch, 10. Juni, auf Deutsch veröffentlicht wird, berichtet der Belgier über seinen eigenen Werdegang als Radprofi und packt zudem aus über die Dopingpraktiken der Szene. Das im Verlag Delius Klasing erscheinende Buch (ISBN 978-3-667-11977-3) kostet 19,90 Euro.

Das programmatisch betitelte Kapitel "Erythropoetin (EPO)" könnt ihr hier exklusiv vorab lesen.

ERYTHROPOETIN (EPO) 1999 - von Rudy Pevenage

"Die Gespräche im und rund um das Peloton drehten sich immer mehr um Epo, da blieb unsere Mannschaft nicht außen vor. Auch wenn wir Epo ablehnten, war es doch unvermeidbar, um mithalten zu können. Unsere Fahrer nahmen teil, um zu gewinnen, nicht um abgespeist zu werden. So waren wir zu einer Art Spagat gezwungen. In der Presse als auch in der Gesellschaft galt die Verwendung von Epo, also das Doping, als verpönt, aber es war ebenso verpönt, Rennen zu verlieren. In der Radsportwelt, in der wir uns damals befanden, gab es keine Grauzonen dazwischen. Die Leistungsunterschiede wären sonst zu groß gewesen. Ohne Epo zu fahren, war gleichbedeutend mit der Tatsache, am Ausgang des Rennens nicht beteiligt zu sein. Es war auch die gleiche Presse, die dafür gesorgt hat, dass Radsport in Deutschland für eine lange Zeit zu einem Tabuthema wurde. Ich selbst war für die Presse ein dankbares Thema, mit sehr reißerischen Schlagzeilen in den Zeitungen: PEVENAGE – DOPINGHÄNDLER und PEVENAGE – GELDWÄSCHER.

Die Vorwürfe taten weh, denn ich habe in meinem Leben noch niemals Epo verkauft oder damit gehandelt. Ich wusste davon, und deshalb musste ich mich damit befassen. Jedem Fahrer und auch jedem Journalisten war bekannt, dass man Epo in jeder Apotheke bekommen konnte, aber die meisten Fahrer haben sich dagegen entschieden. Sie wandten sich an die "Radsportklinik" in Freiburg oder bestellten ihre Dosen bei unserem Betreuer und Soigneur Jef D’Hont. Der hielt alles in einem kleinen Notizbüchlein fest, bis hin zu den Kosten pro Medikament und Fahrer. Ich kannte Jef gut, er war der Möchtegern-Doktor für die Fahrer, diese Rolle wusste er mit Elan zu spielen. Jef hatte ein flottes Mundwerk und konnte die Fahrer damit einwickeln. Er lieferte nicht nur die Bestellungen, sondern war vor allem berüchtigt für seine Trinkflaschen, den sogenannten bidonnetjes mit Koffein und einigen homöopathischen Produkten aus Südamerika, die einen total nervös machten. Er füllte die Präparate in blaue oder malvenfarbene Trinkflaschen ab und verkaufte sie an die Fahrer. Unter Doping fiel das nicht.

Es war alles erlaubt, und niemand wurde deshalb jemals positiv getestet. Epo wurde 1998 auf die Liste der verbotenen Substanzen gesetzt, war aber immer noch nicht aufzuspüren, weil man die Einnahme verschleiern konnte. Wenn das Epo innerhalb von zwei Tagen vor dem Rennen genommen wurde, konnte es nachgewiesen werden, aber ein oder zwei Wochen im Voraus nicht. Auf diese Weise entfaltete Epo seine Wirkung sogar viel besser."

Mit dem Einsatz von Epo eskalierte der Einsatz von Stimulanzien völlig, und nachdem sogar Todesfälle bekannt wurden, reagierte die UCI endlich. Mit Hein Verbruggen und Walter Godefroot als Vorreiter wurde bestimmt, dass der maximale Hämatokritwert 50 Prozent nicht übersteigen durfte. Der normale Referenzwert bei Männern liegt zwischen 41 und 48 Prozent, während er durch die Gabe von Erythropoetin (Epo) künstlich erhöht wird. Ein stark erhöhter Wert ist deshalb so gefährlich, weil er zu viskosem Blut führt, das Verstopfungen in den Kapillargefäßen verursachen kann. Auch für das Hämoglobin, ein Proteinkomplex, der Sauerstoff durch das Blut transportiert, wurde ein Höchstwert bestimmt.

"Wir wollten, dass sich die Fahrer an diese Regularien halten, und sind als Team sogar noch einen Schritt weitergegangen. Es wurde ein Budget zur Verfügung gestellt, um unsere eigenen Fahrer regelmäßig vom Bund Deutscher Radfahrer sowohl zu Hause als auch bei Trainingslagern oder anderswo kontrollieren zu lassen. Einmal standen die Dopingkontrolleure sogar in Kapstadt vor der Tür, kurz vor dem Start des Trainingslagers in Südafrika. Jan Ullrich reiste aufgrund ärztlicher Anordnung zurück nach Freiburg, sein Knie machte ihm zusehends Probleme. Auch dort warteten die Kontrolleure schon auf ihn. Das funktionierte also gut, aber leider nahmen die Dopingkontrolleure ihre Partner überallhin mit, es waren Urlaubsreisen, die als Geschäftsreisen getarnt waren und unglaubliche Löcher ins Budget fraßen. Zwischen 1998 und 2000 fand auf professionellem Terrain die größte Heuchelei statt. Unsere Fahrer wurden also von dem Verband, dem wir angehörten, kontrolliert, während die Mannschaft für die Kosten selbst aufkommen musste. Das später gängige System, bei dem jeder Fahrer ständig seinen Aufenthaltsort angeben muss, damit die Kontrolleure jederzeit unangekündigt vorstellig werden können, entstand damals bei uns.

Allerdings hatten wir uns dadurch erneut einen Nachteil verschafft und konnten nicht so weit gehen, wie andere Teams gegangen waren, denn sie sahen gar nicht ein, unser System ebenfalls zu übernehmen. Sie verschwanden in den gängigen Zielen für Trainingslager in Colorado, der Sierra Nevada oder sonst wo, wo sie in aller Ruhe und ungestört Kondition aufbauten – auf alle erdenkliche Art und Weise. Natürlich wussten sie, dass die Dopingprobe negativ ausfiel, wenn man die Epo-Behandlung rechtzeitig vor dem Rennen aussetzte. Das war ein offenes Geheimnis, und so konnte ungeniert experimentiert werden. Später wurde die Vorabmeldung des Aufenthaltsortes obligatorisch, und die Regeln waren für alle gleich, bis wir dahinterkamen, dass ein reicher amerikanischer Radrennfahrer die UCI bei der Anschaffung besserer und spezifischerer Geräte unterstützte. Diese Geste war natürlich eine kleine Gefälligkeitsgeste wert: Sein Team wusste immer, wo und wann die Kontrolleure auftauchen würden. Wir hatten diese Informationen nicht, und obwohl wir es damals nicht sicher wussten, hatten wir bereits den starken Verdacht, dass irgendetwas faul war.

Wie kann es sein, dass Lance Armstrong nach einer so schweren Erkrankung wie Hodenkrebs siebenmal die Tour gewinnen kann? Und das auch noch ganz locker! Erklären Sie mir das mal. Denn in den Jahren zuvor gehörte der Texaner nicht gerade zu jenen Fahrern, die mich nervös gemacht haben. Dr. Mario Zorzoli, Leiter der medizinischen Abteilung der UCI und jener Mann, der die Dossiers eines jeden Teams begutachtete und bewertete, hatte bei seiner Arbeit drei verschiedene Brillen zur Hand: eine helle, eine dunkle und eine pechschwarze. Ich habe mich immer gefragt, warum 1998 nicht sofort der Blutpass eingeführt worden war. Jeder Laie konnte sich doch an drei Fingern abzählen, dass etwas nicht stimmte, wenn ein Fahrer, der mit einem Hämatokritwert von 42 und einem Hämoglobinwert von 13 in die Tour de France geht, am Ende derselben Tour Werte von 49,5 bzw. 17 aufweist. Ganz zu schweigen von der Anzahl der neu gebildeten roten Blutkörperchen am Ende der Rundfahrt.

Es war eine üble Zeit. Einige Teams, insbesondere russische, stellten Späher am Eingang des Hotels auf, die umgehend Ärzte und Betreuer alarmierten, wenn sich Dopingkontrolleure näherten. Hektisch wurde dann der Hämatokritwert mit einer kleinen Zentrifuge bestimmt, und wenn das Ergebnis grenzwertig war, erhielt der betreffende Fahrer eine Kochsalzinfusion mit Aspirin zur Blutverdünnung, sodass der Wert unter der Grenze von 50 blieb. Ich will Doping nicht gutheißen, aber die Kontrollpraktiken waren beziehungsweise sind bis heute unmenschlich. Während Mailand–San Remo gehen die Fahrer vor dem Rennen gegen elf Uhr abends zu Bett – nur um dann um halb sechs aus dem Schlaf gerissen zu werden. Sie müssen sich innerhalb von zwanzig Minuten zur Blutabnahme melden, und danach ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Dennoch stehen an diesem Tag noch 300 Kilometer auf dem Programm. Wo gibt es das sonst? Nicht im Fußball, nicht im Tennis, nicht in der Formel 1. Das Peloton im Radsport ist und bleibt eine Herde von Schafen, die von Organisationen geführt wird, bei der nur Geld zählt."

Jan Ullrichs Sturz bei der Deutschland-Tour und die daraus resultierende Knieverletzung zwangen ihn, die Tour de France auszulassen. Für die Ambitionen vom Team Deutsche Telekom bedeutete das einen schweren Rückschlag, und das spiegelte sich auch in der Leistung wider. Der Leiter der Konzernkommunikation, Jürgen Kindervater von der Deutschen Telekom AG, war alles andere als begeistert. Er reiste umgehend nach Frankreich und wollte sich selbst ein Bild machen, dem Stab und den Fahrern über die Schulter schauen.

"Der gute Mann stieg während der zehnten Etappe, die nach Alpe d’Huez führte, in mein Auto. Mir rutschte das Herz in die Hose, die Aussichten standen sehr schlecht. Noch immer hatten wir keine Etappe gewonnen, sondern nur einen dritten und drei zweite Plätze geholt, was bei Weitem nicht genug war. Und genau an diesem Tag, dem Tag, an dem über uns ein Gewitter niedergehen sollte, klarte das Wetter auf, und die Sonne zeigte sich. Giuseppe Guerini hatte einen außergewöhnlich guten Tag. Er war am Col du Mont Cenis und Col de la Croix de Fer in einer Spitzengruppe vertreten und schaffte es dann, sich abzusetzen und den Vorsprung bis zum Anstieg hinauf nach Alpe d’Huez zu halten. Er lag fast eine Minute vor Pavel Tonkow, und es sah so aus, als würde Giuseppe die Etappe zu einem der berühmtesten Ankunftsorte der Tour gewinnen.

Doch unmittelbar danach schlug die Stimmung um. Bis einen Kilometer vor dem Ziel lief alles gut, dann fuhr Giuseppe in einen unaufmerksamen Fan, der zur falschen Seite auswich, und stürzte. Damit war der Sieg dahin. Ich konnte nichts weiter für ihn tun, ich war zur Zuschauerrolle verdammt. Zum Glück rappelte er sich schnell wieder auf, guckte den Fan böse an, stieg auf sein Rad und konnte die harte und hoch angesehene Etappe mit noch knapp 20 Sekunden Vorsprung gewinnen. Jürgen bekam einen sehr schönen Einblick in das Phänomen Tour de France, von ihrer schönen Seite, aber auch von den weniger schönen Aspekten. Manchmal ging es nicht anders, ich konnte nicht mehr ausweichen und rollte über die Füße der Zuschauer. Dann machte es jedes Mal plopp, das hörte man ganz deutlich. Ich fuhr 20 Meter hinter den Fahrern, und als sie vorbei waren, drängten die Fans wieder nach vorn, um den Fahrern hinterherzugucken – an die Begleitfahrzeuge verschwendeten sie keinen Gedanken. Schmaler konnte ich mich auch nicht machen, und wenn man anhielt, war es komplett vorbei, dann wäre man eingeschlossen oder die nachfolgenden Fahrer würden auflaufen."

Jan ist also nicht bei der Tour de France gestartet, und es sah so aus, als könne er die gesamte Saison abschreiben. Wenn es nach Jans Trainer Peter Becker gegangen wäre, hätte Jan 1999 kein Rennen bestritten, aber Jan selbst und die Sportlichen Leiter, insbesondere Rudy Pevenage, waren anderer Auffassung. Sie meldeten Jan für die Vuelta a Castilla y León (Kastilien-und-León-Rundfahrt) im August, damit er zumindest wieder etwas Wettkampferfahrung sammeln konnte.

"Es ging ziemlich mühsam, aber es ging. Jan fuhr nicht vorn mit, sondern schloss sich in den Bergen dem Grupetto an, also jener Gruppe, in der die Sprinter versuchen, in der Karenzzeit zu bleiben. Tag für Tag überquerte er den Zielstrich eine halbe Stunde nach den Spitzenfahrern. Weil das Knie so gut mitmachte, meldeten wir Jan auch für die Clásica San Sebastián, um noch mehr Wettkampfrhythmus zu bekommen. Er sollte bis zum schweren Anstieg des Alto de Jaizkibel mitfahren und dann aussteigen. Anschließend ging es weiter zur Holland-Rundfahrt, bei der er in der Gesamtwertung bereits Rang sieben belegte. Es lief gut, Peter Becker hatte sich geirrt, Jan konnte nach unserer Einschätzung auch bei der Vuelta starten. Zur Spanien-Rundfahrt erschienen wir mit einem B-Kader, der A-Kader war ja bereits die Tour gefahren. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, das war sicherlich keine schlechte Mannschaft: Rolf Aldag, Ralf Grabsch, Giovanni Lombardi, Andreas Klöden, Danilo Hondo und Jörg Jaksche, alles gute Fahrer, aber bis auf Klöden keine Kletterspezialisten. Sie sollten Jan unterstützen, der zu Beginn der Vuelta noch überhaupt nicht in Form war. Im Prolog von etwas mehr als sechs Kilometern verlor er etwa anderthalb Minuten. Das Rennen wurde von Teams wie Banesto (Abraham Olano), ONCE (Alex Zülle) und Vitalico Seguros (Igor González de Galdeano) kontrolliert.

Die Wetterbedingungen waren gut, und Jan fühlte sich im Lauf der Vuelta immer besser. Die fünfte Etappe konnte er gewinnen, und im ersten Zeitfahren an Tag 6 wurde er Zweiter hinter Abraham Olano, sodass er auch in der Gesamtwertung mit nur einer Minute Rückstand auf Olano auf den zweiten Platz vorrückte. Auf der 12. Etappe gelang es Jan, in der Führungsgruppe zu bleiben, während Olano abreißen lassen musste, sodass Jan das Trikot des Spitzenreiters übernahm und nun einen Vorsprung von etwas mehr als einer halben Minute auf Igor González de Galdeano innehatte. Wir hatten nicht die Mannschaft, um das Trikot des Spitzenreiters zu verteidigen, und mussten uns Verbündete im Peloton suchen. Unser Problem lag nicht in den mittelschweren Etappen, sondern im Hochgebirge, dafür war das Team einfach nicht gemacht. Schon bald stand erneut ein Ungetüm von einer Etappe auf dem Programm. Vor dem Start eilte ich zu meinem Freund Frank Vandenbroucke, um ihn zu überzeugen, Jan zu helfen. Er erklärte sich bereit. 'Sag Jan, er soll an meinem Hinterrad bleiben.'

Frank fuhr an diesem Tag alle Spanier in Grund und Boden, und am letzten Anstieg nach Ávila klebte Jan immer noch an ihm dran. Der Deutsche hat die Gesamtführung verteidigt, und Frank ließ schließlich auch Jan stehen und gewann die Etappe. Die Vereinbarung, die ich mit Frank hatte, war sehr einfach: Er sollte als Gegenleistung kein Geld, sondern einen Gefallen bekommen. Bei der Weltmeisterschaft in Verona, die etwas später im Verlauf der Saison anstand, würde Jan – natürlich nicht, ohne seine deutschen Teamkollegen zu vernachlässigen – seine Chancen für Frank opfern. Doch ein unglücklicher Sturz des Belgiers in der ersten Runde, bei dem er sich eine Handgelenksfraktur zuzog, machte die Tilgung der Schulden zunichte. Jan hat schließlich die Spanien-Rundfahrt gewonnen, und die Saison war gerettet."