05. April 2020 / 16:16 Uhr

Philip Weber fährt auf dem Rollentrainer Radrennen

Philip Weber fährt auf dem Rollentrainer Radrennen

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Philip Weber trainiert auf dem Rollentrainer und fährt dabei virtuelle Radrennen.
Philip Weber trainiert auf dem Rollentrainer und fährt dabei virtuelle Radrennen. © Privat
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Die Radsportler holen sich ihr Wettkampf-Feeling auf den Rollentrainer. Philip Weber vom LKT-Team Brandenburg ist begeistert und berichtet über den schweißtreibenden Spaß.

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Paul Rudys zieht den Spurt an und sein Teamgefährte Philip Weber prescht aus seinem Windschatten und überquert als Erster die Ziellinie. Der Radsportler vom LKT-Team Brandenburg feiert seinen ersten Saisonsieg – leider nur virtuell. Weber hat sich wie seine Teamkollegen die Indoor Cycling App Zwift auf seinen Laptop heruntergeladen und kann nun in der virtuellen Welt tatsächlich Radrennen bestreiten.

„Wir waren zum Saisonstart noch in Kroatien, sind dort Ein-Tages-Rennen gefahren und dann wurden wir von der Coronavirus-Pandemie regelrecht ausgebremst. Nicht nur, dass alle Radrennen abgesagt wurden, wir mussten auch unser Training umstellen. Statt in der Gruppe trainieren wir nun meist allein oder zu zweit“, erzählt Weber. „Unser sportlicher Leiter Paul Voß brachte uns auf die Idee, ob wir nicht über Zwift Rennen fahren wollten, um ein bisschen einen Anreiz zu haben. Das probierten wir dann sofort aus, haben uns im Keller im Haus meiner Eltern eingerichtet und verkabelt. Die Rennsituation ist wirklich ziemlich echt und es macht tatsächlich Spaß.“

Virtuell und doch fast echt

So düste Weber in einem virtuellen Peloton von 340 Fahrern, die sich quasi weltweit über die App zuschalten konnten, drei Runden durch Innsbruck auf dem WM-Kurs von 2018 und gewann am Ende den Spurt aus einer Spitzengruppe heraus. „Am letzten Berg haben wir uns absetzen können und dann hat Paul für mich den Spurt angezogen und ich war dann tatsächlich der Erste“, erzählt Weber begeistert, der sich das Programm für 14,99 Euro im Monat heruntergeladen hat. Die Kosten übernimmt das Team.

Die Strecken sind zwischen 30 und 50 Kilometer lang. Weil die Rennen in der Regel nur eine Stunde dauern, wird von Anfang an getreten, was das Zeug hält. Der Computer ermittelt Werte wie Wattzahlen und Herzfrequenz. Und wenn es bergauf geht, wird der Widerstand in der Rolle, wo das Rennrad eingespannt ist, automatisch größer, alles ist über die Software gesteuert. So fahren dann Profis wie Amateure oder sogar ambitionierte Hobbysportler gemeinsam Rennen.

Der Puls rast

„Letztens sind wir zusammen mit den Brüdern Simon und Adam Yates vom World-Tour-Team Mitchelton-Scott ein Rennen gefahren, das von ihrem Profiteam angeboten wurde“, berichtet Weber. „Im Prinzip kann man jede Viertelstunde irgendwo mitfahren. Aber gewöhnlich trainiere ich in der Woche meine täglichen 80 bis 150 Kilometer auf der Straße und versuche dann am Wochenende virtuelle Rennen zu fahren.“ Etwa 400 Watt tritt Weber bei einem Durchschnittspuls von 170 Herzschlägen pro Minute. Das sei schon wie Radfahren am Limit. „Die Intensität ist extrem“, meint der Berliner. Im Gegensatz zu den e-Sportlern im Fußball, die nur an der Spielkonsole hantieren, ist das für die Radsportler richtige Schweißarbeit. „Ein bis zwei Liter Wasser trinke ich während der Rennen“, sagt Weber, der sich dafür zwei Trinkflaschen am Rahmen griffbereit befestigt hat. Sogar einen Lüfter hat er aufgestellt, um in dem Kellerraum genügend frische Luft zu bekommen.

Gut für die Motivation

Seine Karriere begann beim Erkneraner Radsportclub (RC). Dann wechselte er an die Sportschule nach Frankfurt (Oder), beim dortigen Frankfurter RC 90 ist er noch immer Mitglied, und mit der 11. Klasse an die Sportschule nach Cottbus, wo er sein Abitur ablegte und danach ein Fernstudium für Internationales Sportmanagement aufnahm. Seine vierte Saison bestreitet Weber für das in Cottbus ansässige LKT-Team Brandenburg, das in der Bundesliga vorn dabei ist. Doch wegen der Corona-Krise sind erst einmal alle Rennen abgesagt – da bleibt nur der virtuelle Spaß im Rennsattel. „Für die Jungs geht es darum, nicht die Motivation zu verlieren“, wirft der sportliche Leiter Paul Voß ein. Der Ex-Profi, der mehrfach die Tour de France bestritt, sagt weiter: „Die Rennsituation ist auf dem Computerprogramm recht gut dargestellt. Die Jungs können sich messen. Aber natürlich ist das kein hundertprozentiger Ersatz für richtige Rennen. Ich hoffe, die Rennpause hält nicht noch mehrere Monate an. Dann wird es schwer.“

Wer trickst, wird vom Computer disqualifiziert

Wer versucht, die Software auszutricksen und falsche Angaben etwa zu seinem Körpergewicht macht und dann unrealistisch schnell fährt, wird vom Computerprogramm sofort disqualifiziert. „Dann bist du raus aus dem Rennen. Aber ich will mich doch nicht selber bescheißen, sondern sehen, was ich drauf habe“, meint der 21-jährige Weber. Mit durchschnittlich 45 km/h rast er im virtuellen Peloton, wo er sich selbst visualisiert auf dem Bildschirm sehen kann, über die Straßen.