28. Dezember 2020 / 11:55 Uhr

Tomislav Piplica: "Ich bin gegen diese total jungen Trainer"

Tomislav Piplica: "Ich bin gegen diese total jungen Trainer"

Constantin Paschertz
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Als Trainer der U23 und als Koordinator Leistungssport arbeitet Tomislav Piplica bei der SpVgg Oberfranken Bayreuth.
Als Trainer der U23 und als Koordinator Leistungssport arbeitet Tomislav Piplica bei der SpVgg Oberfranken Bayreuth. © imago images / Peter Kolb
Anzeige

Seit diesem Jahr ist Ex-Profi Tomislav Piplica bei der SpVgg Oberfranken Bayreuth als Koordinator Leistungssport aktiv. Im Gespräch mit #GABFAF spricht der Bosnier über Professionalisierung als Dauerbaustelle und erklärt, warum er regelmäßig Jugendliche bei der ersten Mannschaft mittrainieren lässt. 

Anzeige

Dieser Artikel ist Teil des Aktionsbündnis #GABFAF. Mehr Informationen unter gabfaf.de.

Von 1998 bis 2009 spielte Tomislav Piplica für Energie Cottbus als Torhüter in der Bundesliga. In der Saison 2001/02 wurde er vor allem in Deutschland durch ein Kopfball-Eigentor bekannt. Eine harmlose Bogenlampen-Flanke von Gladbachs Witeczek prallte vom Hinterkopf des Bosniers unglücklich ins eigene Tor.

Anzeige

2009 beendete Piplica seine Profi-Karriere und arbeitete bis 2011 als Co-Trainer der U23 von Cottbus. Über verschiedene Stationen gelangte Piplica nun zu Beginn dieser Saison zur SpVgg Oberfranken Bayreuth. Beim Verein aus der Regionalliga Bayern stieg Piplica als als Koordinator Leistungssport ein. Außerdem trainiert er die U23 der Oberfranken.

Mehr von #GABFAF

Wie es dazu kam, verriet Piplica im Gespräch mit #GABFAF. Außerdem sprach er darüber, welche Aufgaben im Verein übernimmt, wo er die Schwierigkeiten in der Arbeit mit jungen Spielern sieht und wie er sich seine Zukunft als Trainer vorstellt.

Herr Piplica, wie sind Sie bei der SpVgg Bayreuth gelandet?


Piplica (51): Der Kontakt kam durch meinen Freund und ehemaligen Mitspieler von Energie Cottbus, Timo Rost, zustande. Der trainiert seit zwei Jahren die erste Mannschaft. Er hat positiv über Bayreuth berichtet und erzählt, dass die Führung etwas verändern will. Ich hatte dann Gespräche mit Marcel Rozgonyi, der dort Sportlicher Direktor ist, und habe gemerkt, dass mit ihm und Timo zwei offene und ehrliche Partner da sind, die auch bei verschiedenen Meinungen immer versuchen, die beste Entscheidung für alle zu treffen, und die die Rückendeckung der Geschäftsführung haben.

Welche Aufgabe haben Sie?

Ich koordiniere alles Sportliche zwischen erster Mannschaft und Nachwuchs. Wer in die erste Mannschaft aufsteigt und wer wo mittrainiert. Alles in der ersten Mannschaft entscheidet Timo Rost. Aber niemand kann ohne Absprache mit mir entscheiden, dass ein Spieler irgendwo mittrainiert oder spielt. Natürlich spreche ich mit den Trainern der Mannschaften, aber das letzte Wort habe ich.

Wonach entscheiden Sie das?

Es wird geguckt, wer auf welcher Position spielt und gut rein passt. Wenn ein Spieler Leistung zeigt, z.B. in der zweiten Mannschaft, kann er oben mitmachen. Ich denke, das gibt es nirgendwo sonst, dass jede Woche fünf bis sechs Spieler von unten oben mittrainieren und auch die Chance haben, zu spielen. Das gilt auch für Spieler der U19 oder U17. Wir haben schon einen 16-jährigen Torwart ins Training der ersten Mannschaft geschickt. Das gab es hier vorher so nicht.

Der Technische Direktor und Sportlicher Leiter der SpVgg, Marcel Rozgonyi (links), holte Piplica (rechts) nach Bayreuth. 
Der Technische Direktor und Sportlicher Leiter der SpVgg, Marcel Rozgonyi (links), holte Piplica (rechts) nach Bayreuth.  © imago images / Peter Kolb

Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Art der Koordination?

Das Problem ist, dass es zwischen der U15 und der ersten Mannschaft ein Loch gibt. Von der U16 bis zur zweiten Mannschaft spielen unsere Teams nicht mehr in der ersten Liga. Deshalb geht es darum, die jungen Spieler zu überzeugen, zu helfen, die Mannschaften z.B. in die Regionalliga zu bringen. Die talentierten Spieler sollen bei uns bleiben. Bisher gehen sie ab der U15 nach Nürnberg, Jena oder Fürth. Wir wollen zeigen, dass wir in Bayreuth mit Schule, Ausbildung und sportlicher Perspektive eine Zukunft bieten. Das Ziel ist, Profifußball nach Bayreuth zu bringen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass hier jahrelang nichts investiert wurde.

Welche Probleme haben sich da für Sie ergeben?

Dieses Jahr natürlich die Corona-Pandemie. Wir brauchen Zeit, um Spieler auszubilden und zu scouten. Es reicht nicht, sie nur in ein paar Trainings zu beobachten oder einzeln zu sehen. Dann können wir ihr Talent beurteilen, aber nicht ihren Charakter und ihre Mentalität. Wenn ich eines gelernt habe in all den Jahren im Geschäft, dann dass du Zeit brauchst, um Entwicklungen anzustoßen. Durch Corona ist das Jahr für uns verloren. Die Mannschaftsgefüge müssen sich bilden können. Wir haben auch nicht die Ressourcen und Materialien, um mit der ganzen Mannschaft Online-Training zu machen und den Spielern Geräte nach Hause zu bringen.

Welche Probleme haben Sie außerdem?

Wenn man professionell arbeiten will, ist es mühselig, immer wieder Grundlagentraining in Fitness, Taktik und Technik zu machen oder über Gewicht und Ernährung zu reden. Professionalisierung ist eine Dauerbaustelle, ein langer Prozess. Und man muss Ziele setzen. Am Ende einer Saison mit dem zweiten oder dritten Platz zufrieden zu sein, ist in Ordnung, aber ich muss zu Beginn Ziele festlegen. Das gilt es auch, in die Köpfe der Trainer zu bringen.

Verstehen Sie sich eher als Trainer oder als Koordinator?

Das ist eigentlich sehr ähnlich. Als Koordinator muss ich nur mehr beobachten. Alle Jugendspieler eben. Deshalb haben wir Fördertrainings eingeführt, bei denen Spieler ab der U15 bis zur ersten Mannschaft zusammenkommen. Dann leiten Timo und ich die Trainingseinheiten. Wir bringen Abwechslung, was für die jungen Spieler wichtig ist. Wir haben schon gemerkt, dass sich die Junioren körperlich weiter entwickelt haben. Und die Spieler aus der ersten Mannschaft kommen da mit 50 Prozent nicht weiter. Jeder weiß, dass er immer Gas geben muss. Und daran sieht man, dass das hier kein Blabla ist, sondern ein professionelles Projekt.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Erfahrungen aus ihrer Profi-Karriere für ihre Arbeit?

Es ist einfach wichtig, sie zu haben. Ich bin gegen diese total jungen Trainer. Ich sage nicht, dass das alles schlecht ist, aber man muss da eine gute Mischung finden. Wie soll ein 20-Jähriger meinem Kind vermitteln, wie es bestimmte Situationen im Leben meistert? Wo hat der das denn gelernt? Wir brauchen Typen, nicht nur Ja-Sager. In der Mannschaft brauchst du auch verschiedenste Typen. Die, die die Drecksarbeit machen, die die flanken und die Stürmer. Das ist für mich die Kunst. Die müssen lernen, auf dem Feld Entscheidungen treffen. Wie will ein so junger Trainer die alle ausbilden? Da haben wir im deutschen Fußball ein Problem. Deshalb fehlen uns die Schweinsteigers. 20 oder 30 Jahre erlebte Erfahrung kann man nicht in einem Buch nachlesen. Die Vereine wollen aber weder die Trainer noch die Spieler, denen du vielleicht zwei- oder dreimal sagen musst, wo es lang geht.