16. März 2021 / 19:30 Uhr

Platz für alle? So divers ist Sachsens Sport

Platz für alle? So divers ist Sachsens Sport

Simon Ecker
Leipziger Volkszeitung
Nick Heinz in den Räumen von Sidekick e.V.. Als FLINT-Verein richtet sich Sidekick ausschließlich an Frauen, Lesben, Inter-, Nicht binäre und Trans-Personen.
Nick Heinz in den Räumen von Sidekick e.V.. Als FLINT-Verein richtet sich Sidekick ausschließlich an Frauen, Lesben, Inter-, Nicht binäre und Trans-Personen. © Nora Börding
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Die dritte Geschlechtsoption „divers“ ist in Deutschland rechtlich anerkannt und kann als Personenstand oder in den Pass eingetragen werden. Der organisierte Sport ist davon unberührt, doch die Bereitschaft, etwas zu ändern, ist vorhanden. Noch sind dort allerdings kaum diverse Personen gemeldet. Das führt zu einer paradoxen Situation.

Leipzig. Bei Stellenausschreibungen fällt es fast gar nicht mehr auf: Wenn Unternehmen nach neuem Personal suchen, richten sie sich längst nicht mehr nur an männliche und weibliche Personen. Neben der Stellenbezeichnung steht wie selbstverständlich auch ein d für „divers“. Im (organisierten) Sport ist diese Diversität dagegen noch Wunschdenken. Hier gilt bei Mannschaften, Training und Wettkämpfen bis auf einzelne Ausnahmen weiterhin eine strikt binäre Geschlechterordnung, die lediglich in „männlich“ und „weiblich“ unterscheidet.

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Für TIN-Personen (Trans-, Inter-, Nicht binär), die sich nicht in dieser Ordnung wiederfinden, ist das ein echtes Problem. In Sachsen sind nach Angaben des Landessportbundes momentan lediglich 13 Mitglieder von sächsischen Sportvereinen als „divers“ gemeldet. Der Leipziger Kampfsport-Verein Sidekick bietet für diese Menschen eine Anlaufstelle. Als FLINTA-Verein richtet sich Sidekick ausschließlich an Frauen, Lesben, Inter-, Nicht binäre und Trans-Personen. Mittlerweile umfasst der 2016 gegründete Verein circa 350 Vereinszugehörige.

Angst vor Abwertung und Ausschluss

Nick Heinz, der sich als Trans-Mann nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht identifizieren kann, ist quasi seit der Gründung bei Sidekick und kennt sich in der Community gut aus. Dass der Sport strikt in männlich und weiblich getrennt sei, stelle alle, die in dieses Schema nicht reinpassen, bei der Suche nach einem Sportverein vor zahlreiche Hürden, sagt der 31-Jährige. „Das fängt bei fehlenden Trainingsangeboten und dem zweigeschlechtlichen Wettkampfsystem an, zeigt sich aber auch bei ganz alltäglichen Dingen, wie der Frage, in welcher Umkleide ich mich umziehen kann, welche Dusche ich benutzen soll und ob überhaupt eine für mich vorgesehen ist.“ Viele TIN-Personen seien unsicher, ob sie in Sportvereinen willkommen sind. „Die Angst vor Abwertung und Ausschluss ist groß“, meint Heinz.

Zur Info:

Trans-Personen: Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Inter-Personen: Menschen, bei denen die körperlichen Merkmale nicht eindeutig als „männlich“ oder „weiblich“ bestimmt werden können oder die gleichzeitig typisch für beide Geschlechter sind.

Nicht-binäre Personen: Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen können oder wollen, sich mehreren Geschlechtern zugehörig fühlen oder außerhalb des Systems der Zweigeschlechtlichkeit verorten.

Zu Vereinen wie Sidekick zu gehen, ist für diese Menschen daher momentan oft die einzige Option. „Hier komme ich als Zielgruppe explizit vor und kann auch eine Transition durchlaufen - ohne Probleme, ohne dadurch in ein anderes Team wechseln zu müssen und mein soziales Umfeld zu verlieren“, erzählt Heinz. Auch für Kurt Schmal, der als Trans-Mann ebenfalls schon seit mehreren Jahren bei Sidekick aktiv ist, war der Verein während seiner Transition – also dem Prozess sozialer, körperlicher und/oder juristischer Änderungen, um die eigene Geschlechtsidentität auszudrücken – die einzige Möglichkeit, weiterhin Sport zu treiben. „Hier muss ich mir keine Sorgen machen, wenn ich plötzlich in den Stimmbruch komme“, sagt der 27-Jährige.

„Bisheriges Sportsystem kann so nicht mehr aufrechterhalten werden“

Wichtig ist den beiden, dass generell ein Umdenken stattfindet. „Sowohl auf Vereins- als auch auf Verbandsebene muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass das Sportsystem, so wie es bisher organisiert ist – nämlich binär geschlechtergetrennt – nicht mehr aufrechterhalten werden kann“, fordert Heinz. Es sei offiziell vom Bundesverfassungsgericht bestätigt, dass es mehr als diese zwei Geschlechter gebe. Deshalb könne man nicht sagen, es gebe nur Sport für Männer und Frauen und eine Personengruppe bleibe außen vor. „Das lässt sich nicht rechtfertigen. Da sind wir dann im Bereich der Diskriminierung, wenn Personen nur aufgrund bestimmter Merkmale von etwas ausgeschlossen werden“, betont der 31-Jährige.

Nick Heinz sagt, die strikte Trennung nach männlich und weiblich im Sport, stellt Interessierte bei der Suche nach einem Sportverein vor zahlreiche Hürden.
Nick Heinz sagt, die strikte Trennung nach männlich und weiblich im Sport, stellt Interessierte bei der Suche nach einem Sportverein vor zahlreiche Hürden. © Nora Börding

Doch was soll sich konkret ändern? Heinz sieht vor allem die Verbände in der Pflicht, die ihre Strukturen ändern müssten, um auch Personen außerhalb der klassischen Geschlechterordnung die Teilnahme am Wettkampfbetrieb zu ermöglichen. Auf Vereinsebene bedarf es für Heinz einer stärker ausgeprägten inklusiven Kultur. Dazu könne man die Trainerinnen und Trainer etwa auf Fortbildungen schicken, um sie für die Thematik zu sensibilisieren oder gemeinsam überlegen, wo es im Verein Barrieren gebe und wie man diese abbaue. „Das können schon kleine Dinge sein, wie etwa auf die Homepage zu schreiben, dass man offen für TIN-Personen ist. Damit zeigt der Verein, dass diese Menschen bei ihnen willkommen sind.“


Paradoxe Situation im Sport

Festzuhalten bleibt allerdings auch, dass Menschen ihren Geschlechtseintrag – seit es 2019 rechtlich möglich ist – kaum in „divers“ geändert haben. Gründe dafür seien die bestehende Pathologisierung (Nachweis einer ärztlichen Bescheinigung), bürokratische Hürden sowie befürchtete Probleme beim Reisen oder im Alltag, meint Heinz. Im Sport führt das zu einer paradoxen Situation: Denn von Seite der sächsischen Landesverbände ist die Bereitschaft, Personen außerhalb der binären Geschlechterlogik in den Wettkampfbetrieb zu integrieren, durchaus vorhanden, wie eine SPORTBUZZER-Recherche zeigt.

Nur: Da es bei den einzelnen Verbänden so gut wie keine Anfragen von „diversen“ Personen gibt, sehen viele noch keinen akuten Handlungsbedarf. So heißt es beispielsweise beim Sächsischen Sportverband Volleyball (SSVB), dass man der Thematik offen gegenüber stehe und sobald es notwendig werde, zügig Entscheidungen treffe, um diversen Personen eine Teilnahme am Spielbetrieb zu ermöglichen. Der Sächsische Fußball-Verband (SFV) teilt mit, dass man sich einen konkreten Fall genau ansehen, beurteilen und anschließend auch eine Spielberechtigung erteilen würde. Bislang hätte sich aber noch niemand an die Passstelle gewandt.

Eine schwierige Gemengelage, die zeigt, dass es bis zur Diversität im organisierten Sport noch ein weiter Weg ist. Heinz hegt für die Zukunft den Wunsch, dass es nicht mehr auf die Anzahl der Personen ankomme, sondern darauf, Sport für alle Menschen zugänglich zu machen.