17. Juni 2020 / 08:48 Uhr

Die 96-Fahrgemeinschaft: Miiko-Mobility, ein Saab und ganz viel Surströmmig-Fisch

Die 96-Fahrgemeinschaft: Miiko-Mobility, ein Saab und ganz viel Surströmmig-Fisch

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Felipe kühlt Sebabastian Soto ab, der Surströmmig-Fisch
 hinterlässt eben bleibenden Eindruck.
Felipe kühlt Sebabastian Soto ab, der Surströmmig-Fisch hinterlässt eben bleibenden Eindruck. © Florian Petrow
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Also kommt Halbschwede Albornoz mit seinem alten Saab 96 Sport, 38 PS, unsynchronisierter Dreigang mit Leerlauf, genau sein Ding. Fünf Typen in einem Auto – das schont Umwelt und Geldbörse. Der Platzwart hat sich von den fünf Corona-Sündern von Hannover 96 erzählen lassen, was wirklich geschehen ist.

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Hannover 96, im Juni 2020. Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Heidenheim. Cheftrainer Kocak gibt den Kader bekannt. Elez und Albornoz gehören nicht zum Aufgebot, ebenso wenig wie die Youngster Sebastian Soto und Simon Stehle. Felipe hat Schluckauf, vielleicht reicht es für das Spiel in Darmstadt.

Die fünf verstehen sich gut. Sotos Vater ist Chilene, auch Albornoz ist Halb-Chilene, der Rest kennt Chile, Felipe vor allem con carne. Man verabredet sich für Sonntag. Nachmittags gemeinsam Fußballgucken. Und vorher 96 gegen Heidenheim.

Elez‘ Karre läuft nur mit Bio-Split

Albornoz holt die anderen ab. Soto und Stehle haben noch keinen Führerschein, Elez‘ Karre läuft nur mit Bio-Split. Und Felipes Pritschenwagen ist wie immer in der Werkstatt, er läuft nur selten rund, und bei Sommerhitze über 22 Grad sowieso nicht.

Bus mag Felipe auch nicht mehr fahren, seit er sich beim Kartenabstempeln mal ein Augenlid perforiert hat – was kaum passiert wäre, wenn sein Bein nicht in der Tür festgesteckt hätte.

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Also kommt Halbschwede Albornoz mit seinem alten Saab 96 Sport, 38 PS, unsynchronisierter Dreigang mit Leerlauf, genau sein Ding. Fünf Typen in einem Auto – das schont Umwelt und Geldbörse, ein gutes Beispiel, dass man auch als Großverdiener mit einem Kleinwagen auskommen kann, Miiko-Mobility, wie man in Chile, dem Small-Land Südamerikas, sagt.

Møffelfisch mit halluzinierendem Aroma

Es ist sehr eng im Saab, außerdem hatte Albornoz zum Frühstück wie sonntags immer ein Surströmmig-Brötchen – der schwedische Møffelfisch entfaltet im Wageninneren sein halluzinierendes Aroma. Soto, Stehle und Elez sitzen hinten, wo sich die Fenster des Zweitürers nicht öffnen lassen. Felipe sucht im Handschuhfach nach Verbandsmaterial.

Am Stadion werden sie abgewiesen. Gleich werde ein Spiel angepfiffen, 2. Bundesliga – Zuschauer wegen Hygieneverordnung nicht zugelassen. Hygiene? Felipe öffnet das Fenster, einer der Ordner fällt sofort um.

Später werden die Ordner zu Protokoll geben, dass die schwer atmenden Männer auf der Rückbank überhaupt keine Maske trugen, sofern das durch die beschlagenen Scheiben zu erkennen gewesen sei, und dass der Beifahrer sein Gesicht in Mullbinden verheddert habe. Nein, die Männer seien ihnen nicht bekannt vorgekommen, deshalb hätten sie vorsorglich die Polizei verständigt. Aber schönes Auto, wenn es nicht so bestialisch gestunken hätte.

Die Bilder zum Auswärtsspiel von Hannover 96 beim SV Darmstadt 98:

Hannovers Linton Maina (links) sichert sich den Ball vor Fabian Holland. Zur Galerie
Hannovers Linton Maina (links) sichert sich den Ball vor Fabian Holland. ©

Während sich die Streife auf den Weg macht, kehrt das Quintett in die rustikale Fußball-Kneipe „Courtyard“ ein, wo anschließend die Apfelschorle in Strömen fließt.

Das Spiel, eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Elez und Felipe finden die 96-Innenverteidigung unaufgeräumt, Albornoz die 5. Gelbe für Linksverteidiger Horn vertretbar – trotzdem gewinnt 96 das Spiel 2:1. Ohne sie. Abflug, keiner hat mehr Lust auf Werder gegen Wolfsburg, außerdem wollen die Kellner im Courtyard lüften.

Blaulicht, Kelle, anhalten, Fahrzeugkontrolle

Alle in den Saab, Türen zu, anfahren, Blaulicht, Kelle, anhalten, Fahrzeugkontrolle, Fensterkurbeln, Møffelfisch. Im Protokoll wird später stehen, dass der Mullbindenmann auf dem Beifahrersitz widersprüchliche Angaben gemacht habe. Er sei Profifußballer und bei Hannover 96, habe das Spiel aber im Fernsehen gesehen. Er sei Brasilianer. Und Italiener. Komme aber aus Belgien.

Und den Møffelfisch habe nur der Chilene gegessen. Der übrigens auch Schwede sei und eine finnische Mutter habe. Und die drei da hinten, die seien nicht bekifft, sondern nur bewusstlos, wegen Fisch und so. Die fünf müssen aussteigen, für die drei hinten ist das eine gute Nachricht. Felipe verteilt Mullbinde für alle. Später wird mehr über sie in der Zeitung stehen als über die 96-Spieler im Stadion.

Tage später: Dem Ordner geht es wieder gut. Der Staat greift knallhart durch und verdonnert das Quintett wegen Verstoßes gegen die Corona-Regeln zu 250 Euro Strafe. Jeder! Als die Post ins Haus flattert, storniert Albornoz umgehend seine Møffelfisch-Bestellung. Felipe wird später noch in der Chirurgie ankündigen, Briefe künftig nicht mehr mit dem Tranchiermesser zu öffnen.