08. April 2020 / 14:44 Uhr

Der Platzwart: Von biertuellen und echten Würsten in der Corona-Krise

Der Platzwart: Von biertuellen und echten Würsten in der Corona-Krise

Der Platzwart
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Virtuelle Bratwurst am virtuellen Spieltag - ja. Selbst in Braunschweig, meint der Platzwart. Wolters muss nicht sein. Aber alles besser als die eigenartigen Begleiterscheinungen, die der Profifußball gerade mit sich bringt.
Virtuelle Bratwurst am virtuellen Spieltag - ja. Selbst in Braunschweig, meint der Platzwart. Wolters muss nicht sein. Aber alles besser als die eigenartigen Begleiterscheinungen, die der Profifußball gerade mit sich bringt. © imago images
Anzeige

Die Corona-Krise ist derzeit das große Thema auch für die kickende Zunft - und damit natürlich zugleich für den Platzwart. Fazit: Lieber eine virtuelle Bratwurst am virtuellen Spieltag, selbst in Braunschweig, als manch eigenartige Begleiterscheinung, die der Profifußball derzeit mit sich bringt.

Anzeige
Anzeige

Die Braunschweiger! Corona, kein Spielbetrieb, keine Freunde, keine Stadt und natürlich auch keine Moneten. Und was machen die Braunschweiger? Verkaufen einen virtuellen Heimspieltag, um Geld in die Kassen zu spielen: Sitzplatz für 19,67 Euro, 6er-Träger Wolters für 15 Euro, Bratwurst zwei Euro. Wie gesagt, alles biertuell, am Ende bekommt man gar nichts außer einer Rechnung. Warum nicht gleich Gieros mit Cloudsalat?

Auf der anderen Seite: Wieder ein Stück Welt gerettet, virtuell belastet Wolters nicht das Krankensystem, und es ist sowieso das einzige Bier der Welt, das nicht getrunken besser schmeckt als getrunken. Der Platzwart hatte mal nach zwei Flaschen Wolters drei Tage lang Antikörper. Und Kopfschmerzen. Lesson learned!

Die Finanzen! Das große Thema im Fußball derzeit. Bei Borussia Mönchengladbach hatten sie da eine prima Idee: Kunststofffiguren auf Plexiglas, lebensgroße Kulisse für Geisterspiele. Plexiglasfans? „Zunächst habe ich das Ganze für verrückt gehalten“, sagt der Fan-Beauftragte der Borussia. Dann ist der Kollege leider schlafen gegangen und am nächsten Morgen fand er „die Idee gut“. Okay, einmal schlecht geschlafen, und schon sieht es in der Fan-Hochburg Mönchengladbach aus wie bei der TSG Hoffenheim bei jedem x-beliebigen Heimspiel. Verrückte Zeit.

Mehr über Hannover 96

Die Solidarität! Menschen helfen sich in der Krise. Was ist daran schwer zu verstehen? Selbst die Profis in Hannover haben das verstanden, auch wenn das ein wenig länger gedauert hat, als man es gemeinhin erwartet hätte. Jetzt hat sogar das Training wieder angefangen, dabei hatte 96-Boss Martin Kind schon Homeoffice-Sets mit Hörgeräteteilen und Präzisionsschraubendrehern vorbereiten lassen, damit sich seine Angestellten für die Gesellschaft im Allgemeinen und für ihn nützlich machen können.

Aber egal. Solidarität. Auch mit den anderen Vereinen, die keinen Geldspeicher mit Trillionen Talern haben, der in Großgeldwedel treuhänderisch verwaltet wird. Geisterspiele bis Saisonschluss? Darauf hat sich Hannover 96 mit Hilfe der Nordkurve jahrelang vorbereitet – kein Problem.

Die gelebte Solidarität! Dafür steht die englische Premier League. Statt kurzzeitig auf 30 Prozent ihres Gehalts zu verzichten, haben diverse Multimillionäre nachgerechnet und sind zu dem Schluss gekommen: nö. Schon rein finanziell. Denn gegen die Klubbesitzer sind sie ja arme Schlucker. Sollen die doch. Also passiert gar nichts.

Stattdessen: Vereinsmitarbeiter in Zwangsurlaub und Staatshilfe abkassieren wie der arme FC Liverpool, Jahresumsatz 100 Millionen. Sonst sitzt so ein Mohamed Salah mit seinen spärlichen 200 000 Pfund Verdienst, pro Woche wohlgemerkt, ganz schnell auf dem Trockenen. Wayne Rooney spricht im Zusammenhang mit dem Gehaltsverzicht gar von einer „Schande“.

Mit Lachgarantie! Die lustigsten Bilder aus dem Kosmos von Hannover 96

Lustige Bilder aus dem 96-Kosmos! Zur Galerie
Lustige Bilder aus dem 96-Kosmos! ©

Na, klar. Wir Nichtfußballer sehen die Sache ja auch alle grundfalsch. Denn durch einen Gehaltsverzicht würden dem Staat viele Steuereinnahmen verloren gehen, die wiederum der Corona-Bekämpfung fehlen, rechnet die englische Spielergewerkschaft vor. Natürlich. Hieße: 400 000 pro Woche, noch mehr Steuern, noch mehr Gesundheit fürs Volk.

Eine der wenigen Chancen, die diese Pandemie bietet, wäre die Imagekorrektur von Profifußballern als realitätsferne, gierige Volksbelustiger mit schlichtem Gemüt. Diese Chance drohen die Hauptdarsteller gerade mit aller Souveränität zu versemmeln, gerade in einer Zeit, in der die Menschen einen Gedanken mehr daran verschwenden, was wirklich wichtig ist und was nicht so. Profifußball mit seinen derzeit eigenartigen Begleiterscheinungen steht zumindest auf der Liste.

Dann lieber eine virtuelle Bratwurst am virtuellen Spieltag. Selbst in Braunschweig. Wolters muss aber nicht sein.